Jens Schlünzen

Whiskyexperte, Autor

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Whiskykolumne – Oban Little Bay

19. Mai 2026
© Jens Schlünzen

Es war ja Himmelfahrt

Es war der 30. Mai 2019, regnerisch, kalt und eine kleine Gruppe von drei Männern fand sich an der Westküste Schottlands in Oban ein. Die Fahrt von Glasgow war zielgerichtet und zügig vorangegangen, um den Termin um 16 Uhr einzuhalten. Die kleine, geschäftige Stadt an der kleinen Bucht mit den Fähranlegen gilt als Tor zu den Hebrideninseln.  Das Ziel war natürlich die Destillerie, die sich, fast wie in den Felsen geschlagen, unterhalb des McCraig’s Tower, der dem Kolosseum in Rom ähnelt, dem Besucher anbietet. Die Unterkunft für die Nacht war bezogen, und es war noch genug Zeit, den Gaumen auf die bevorstehende Tour durch die Brennerei, vorzubereiten. Hilfreich waren dafür die beiden nahegelegenen Whisky-Shops. Gucken, staunen und etwas verkosten, so war der Plan. Schließlich ist ja Himmelfahrt in Deutschland. Schnell und freundlich kamen wir ins Verkostungsgespräch mit dem Ladeninhaber und hatten einige kleine Schätze im Glas. Nach dem ersten Shop war noch etwas Zeit für den Besuch des zweiten. Dieser wurde auch für ein Dram genutzt und wir verabschiedeten uns mit der Absicht, nach der Tour noch einmal kurz zurückzukommen.

Die Destille Oban (gälisch für kleine Bucht) wurde 1794 von John und Hugh Stevenson gegründet. Nach einigen Besitzerwechseln ist sie seit 1987 im Portfolio United Distillers, heute Diageo, und der 14-jährige Single Malt ist einer der, 1988 ins Leben gerufenen, sechs Classic Malts des Unternehmens. Mit seinen beiden Pot Stills schafft Oban es, über 900000 Liter Alkohol im Jahr zu produzieren. Wir wurden für unseren Termin freundlich von einer Dame empfangen und hatten eine schöne Tour durch die Destillerie. Nach einer ausgeweiteten Standardverkostung (14yo, Little Bay, Distillers Edition), überlegte unsere Guide kurz, und stellte im Visitor Center ein kleines Tasting zusammen, weil sie meinte, es sei für eine private Tour wohl angebracht, eine größere Auswahl anzubieten. Nebenbei, es war ihre erste VIP-Tour. Wir lehnten diese Special Releases nicht ab, denn schließlich war ja Himmelfahrt.

Im Glas

Der Whisky, den ich für die Kolumne ausgesucht habe, ist der Little Bay mit 43% Alkohol. Er reifte in ehemaligen Bourbon- und Sherryfässern, bevor diese in kleinere Fässer gefüllt und vermählt wurden.

In der Nase bietet er Aromen von Malz, reifen Früchten, wie Apfel, Birne, Pfirsich, Bienenwachs, Cerealien und etwas Orangenschale. Alles eingefangen in einer leichten Meeresbrise. Am Gaumen ist er vollmundig, malzig mit dunkler Süße und dezentem Salzkaramell. Orangenzesten, Minze und maritime Anklänge runden das Geschmacksbild ab. Der Nachklang ist anhaltend, leicht trockener werdend mit dunkler Schokolade. Ein schöner Whisky, der die Erinnerungen an den Besuch wieder zum Vorschein bringt.

© Jens Schlünzen

Songs, die man zum Bleiben braucht

Nach der Private Tour besuchten wir noch einmal kurz den Whisky Shop, wie zuvor versprochen, und machten uns auf zum EE-Usk, dem Seafood Restaurant der Stadt. Wir hatten reserviert und das ist auch notwendig. Nach einem wundervollen Abendessen mit Meeresfrüchten Fisch und Wein, kehrten wir noch im Oban Inn auf ein Pint Bier ein. Wir trafen dort auch Deutsche, stießen kurz auf den Vatertag an und setzten uns an einen Tisch in der Ecke. Nur ein Pint später positionierte sich neben uns ein junger Mann mit E-Gitarre, Verstärker und Mikrofon. Wir waren eigentlich schon im Aufbrechen, aber dann doch gespannt, was er darbieten würde. Wie sich herausstellen sollte, spielte er all die Songs, die wir zum Bleiben brauchten. Schließlich war ja Himmelfahrt. Um ca. 2 Uhr gingen wir, nicht ohne durch das offene Fenster von draußen noch einen Song vokal zu begleiten. Der Alleinunterhalter musste danach ohne seinen neuen Background Chor auskommen. Schließlich war ja nicht mehr Himmelfahrt.

© Jens Schlünzen

Das Ziel für den kommenden Tag war die Insel Mull. Am Anleger nahmen wir noch an der grünen Bude (Green Shack) Wegzehrung für die Fahrt mit und verabschiedeten uns von der kleinen zauberhaften Bucht.

Der verkostete Oban Little Bay kostet in der 0,7l Flasche ca. 60 Euro.

Oban Distillery
Stafford St, 
Oban PA34 5NH
United Kingdom
https://www.malts.com/en/distilleries/oban