Jens Schlünzen

Whiskyexperte, Autor

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Whiskykolumne: Kyrö Malt

Wenn nackte Finnen träumen
19. November 2020
©Kyrö Distillery Company

Jens Schlünzen ist Whiskyexperte und kennt fast alle Destillerien auf den britischen Inseln. Er kennt aber auch den Whisky, der aus norddeutschen Destillerien stammt. Die besten des Nordens stellt er normalerweise an dieser Stelle vor. Heute macht er eine Ausnahme und besucht Finnland. 

Es waren einmal fünf Freunde in Finnland, denen beim traditionellen Saunabesuch mit Whiskytrinken auffiel, dass es keinen finnischen Roggenwhisky gibt, wo Roggen doch das Hauptgetreide Finnlands ist. Sie beschlossen es so schnell wie möglich zu ändern. Nachdem diese Idee auch am nächsten Morgen noch vernünftig erschien, wurde eine Heimat für die erste Roggendestillerie in Finnland gesucht. Eine alte leerstehende Molkerei in Isokyrö nicht weit entfernt von Vaasa (Partnerstadt von Schwerin und Kiel) wurde gefunden. Zuerst in Heimarbeit und in Auftrag startete die Herstellung (der erste Gärprozess fand in der Wohnung der Eltern statt, während diese verreist waren). Der Whisky wurde dann bei einer kleinen Craftbrennerei in Pori destilliert, bevor 2014 dann die eigenen Pot Stills angefeuert wurden. Zunächst wurde Gin verkauft und das Junge Whiskydestillat auf Messen unter der Hand vorgestellt. Es folgten 8 limitierte Abfüllungen Pre-Release Whisky und jetzt ist der Standartmalt erhältlich. 

Es ist der Kyrö Malt Rye Whisky mit 47,2% Alkohol. Aus 100% finnischem gemälzten Vollkornroggen, zweifach destilliert in Pot Stills nach schottischer Tradition und in frischen Fässern aus nordamerikanische Weißeiche gereift, wurde er jetzt in 500ml Flaschen abgefüllt. Es war auch ratsam den Roggen zu mälzen, da er aufgrund der Witterungsbedingungen in Finnland ein kleines, hartes Korn hat. Normalerweise kann man aus dem Roggen auch ohne Mälzen genug Zucker gewinnen.

©Kyrö Distillery Company

Von Sanddorn bis Lakritze

Zunächst habe ich den Whisky wie gewohnt ohne Wasser aus einem Nosingglas verkostet. In der Nase wirkt er zuerst süß, fruchtig und würzig. Er braucht ein wenig Luft, bis sich alles erschließt. Die Frucht lässt nun Aromen von Sanddorn und Orangenschale erkennen. Die würzigen Noten manifestieren sich in süßem Roggen mit leichten Röstaromen. Beim Trinken ist die Würze etwas intensiver, weil sie auch von der frischen Eiche gestärkt wird. Die Frucht bleibt weiterhin als Sanddorn erkennbar. Im Nachklang wird der Whisky leicht trocken, bedingt durch die Gerbstoffe der frischen Fässer und die Würze wird durch Lakritz feinjustiert.

Durch die Zugabe von etwas stillem Wasser wird in der Nase die Würze verstärkt und die Frucht geht etwas zurück. Am Gaumen erlebt man mehr Roggen und generell Noten von Getreide und der Nachklang bringt mehr Lakritz zum Vorschein.

Insgesamt ein gut gemachter Whisky, der seine geschmacksprägenden Komponenten gut erkennen lässt, für Einsteiger leicht zugänglich ist und auch dem „Profi“ eine angenehme Abwechslung bietet.

Die 0,5l Flasche kostet 50 € und bekommt man im Fachhandel oder im Online-Shop.

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