Detlef Jens

Journalist & Autor

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Mittsommer auf Hanö

Schwedische Insel der Kunst und Künstler
21. August 2021

Hanö, diese wunderbare kleine Insel in Südostschweden, gehört zu den Lieblingsinseln unseren segelnden Autors Detlef Jens. Soll ein Geheimtipp bleiben, bitte also nicht weitersagen.  

© Detlef Jens

Als wir morgens um fünf die Insel ansteuerten, freute ich mich. Es ging noch eine leichte Dünung, vom Wind der Nacht, weiter draußen. Nun aber die Ruhe in der Abdeckung der Insel. Das dunkle Grün der Inselsilhouette. Ich freute mich aufs Entdecken dieser neuen, frischen, mir unbekannten kleinen Welt. Ich freute mich über die wunderschöne, milde, mittendrin auch windige Nacht, um zwei Uhr morgens hatte ich das Großsegel geborgen und nur unter der Genua segelten wir auch dann noch mit vier bis fünf Knoten weiter, unter Vollzeug war es plötzlich angespannt gewesen und mit sechs, sieben Knoten Fahrt wären wir viel zu früh hier angekommen. Ich freute mich, jetzt im ersten Sonnenschein hier einzulaufen. Meine Töchter schliefen unten und ich ließ sie, ganz egoistisch, weiter schlafen. Diese Stimmung wollte ich ganz für mich alleine. Erst kurz vor der Hafeneinfahrt kamen sie, neugierig, an Deck.

Hanö ist nicht nur die Namensgeberin der ganzen großen Hanöbucht, es ist auch eine Insel der Kunst und der Künstler, wie ich schon beim ersten Gang an Land merke. Immer mal wieder findet man eine Skulptur, meist aus Holz und immer ist sie wunderschön – selbst am Ende der Pier liegt eine mysteriöse weibliche Gestalt mit Flügeln auf dem Rücken. Es gibt ein Atelier einer hier ansässigen Künstlerin, mindestens eins, sowie eine Ausstellung in freier Wildbahn, Skulpturen verschiedener KünsterInnen in der alten Landschaft dieser Insel. Auf einem anderen Teil der Insel gibt es einen verwunschenen Märchenwald, in dem Rehe und Hirsche herumlaufen, unbehelligt und furchtlos vor den wenigen Menschen.

Hafen und Schiffe
© Detlef Jens

Mehrmals am Tag kommt die Inselfähre aus Nogersund in den voll belegten Hafen gerauscht und jedes Mal staune ich, wie dicht sie an die äußeren Päckchenlieger kommt, vor allem wenn sie mit Schwung rückwärts ablegt. Vom ganz außen liegenden Boot, denke ich, könnte man die stählerne Bordwand der Fähre dann gewiss berühren, aber die Leute im Cockpit bleiben ganz gelassen.

Der kleine Inselhafen ist der zentrale Ort, auch das so Inseltypisch. Die Fähre bringt, was benötigt wird. Autos gehören nicht dazu, wohl aber Menschen und die wichtigsten Dinge zur Versorgung. Handkarren warten auf der Pier, um vollgeladen zu werden mit Lebensmitteln oder Gepäck. Gut ein Dutzend Menschen, heißt es, leben rund ums Jahr hier, rund 30.000 weitere besuchen, vorwiegend im Sommer, die Insel. Die übrigens in Privatbesitz ist. 1759 kaufte eine Elsa Greta Schult Hanö der Krone ab und heute gehört sie wohl ihren Nachkommen. Von 1810 bis 1812, die historisch relevanten Stichworte dazu lauten „Kontinentalsperre“ und „Napoleon“, war Hanö allerdings Stützpunkt der britischen Navy. Und im Zweiten Weltkrieg war, trotz Schwedens Neutralität, im Gebäude des Leuchtturmwärters schwedisches Militär einquartiert. Der Leuchtturm selbst, Fl(3)W alle 12 Sekunden, Tragweite satte 23 Seemeilen, wurde in seiner heutigen Form 1906 gebaut und in den 1990er Jahren automatisiert, ein Leuchtfeuer gab es hier aber schon seit 1869. Und das ist vermutlich nicht privat.

Hier am Hafen gibt es auch einen winzigen Laden, nur für das Allernötigste: Kartoffeln, Erdbeeren und vor allem Bier gehören unbedingt dazu. Dazu Eis. Und nebenan eine Fischbude, geschlossen. Sowie ein Restaurant und eine Badestelle, einlaufend gleich an Backbord in der Hafeneinfahrt, mit einer stabilen Treppe hinab ins Wasser, einem etwas weiter draußen verankerten Badeponton und eine Art Plattform, von der aus mutige ins vier oder fünf Meter tiefer liegende Wasser springen. Von dort baumelt an einer langen Leine ein Thermometer im Wasser, ängstliche können also trocknen Fußes die aktuelle Wassertemperatur ablesen, indem sie das Thermometer an der Leine hochholen. Allerdings schwimmt es meist an der Oberfläche und zeigt daher höchst optimistische 20 Grad an.

Restaurang
© Detlef Jens

Die lustige alte Hafenmeisterin in ihrer kleinen Holzbude. Klein, drahtig, die zerfurchte Haut von einer satten Mahagonifärbung. Als wir vormittags hineinschauen, sitzt ein freundlicher älterer Herr hinter dem Tresen und erklärt uns etwas umständlich auf Englisch, dass er nicht der Hafenmeister sei und wir bei ihm nicht bezahlten könnten, wir mögen doch bitte später wiederkommen. Später, am Nachmittag, erklärt die Hafenmeisterin ebenso freundlich, dass wir nicht bezahlen könnten, denn das Kartenlesegerät sei kaputt. Und hält es uns hin, dass wir uns selbst überzeugen können. Das Wlan am Hafen sei übrigens auch kaputt, aber bezahlen werden wir noch können. Später, wenn die Fähre ein neues Kartengerät bringt, komme sie bei den Booten vorbei zum Kassieren, und so geschieht es denn auch.

Es ist Juni und heute, einen Tag vor dem Mittsommerfest, ist der Hafen gut belegt. Diese Insel ist beliebt, der Hafen ist klein und im Sommer eigentlich immer voll. Allerdings gilt hier die sympathische Devise „einer geht noch“, irgendwie findet noch jedes spät einlaufende Boot irgendwo noch irgendetwas zum Festmachen. Am nächsten Tag allerdings ist der Hafen wirklich voll, überall liegen nur Dreier- und Viererpäckchen. Die „offizielle“ Mittsommerparty, das gemeinsame Tanzen um den Mittsommerbaum, ist wegen Corona leider abgesagt. Doch die Partystimmung steigt trotzdem schon mittags, beim Tauziehen quer über die Hafeneinfahrt, von einem Molenkopf zum anderen. Unter großem Geschrei vor allem auch der Zuschauerinnen versuchen die Mannschaften, sich gegenseitig ins Wasser zu ziehen. Abwechselnd gehen beide Teams baden, mit einem SUP-Board ist der Tampen schnell wieder über die Einfahrt gespannt und auf geht es in die nächste Runde. Bis die sich nähernde Fähre dem Spaß ein Ende bereitet.

Hafen
© Detlef Jens

Viele Yachten im Hafen sind über die Toppen geflaggt, wir kramen die immerhin in erklecklicher Anzahl an Bord vorhandenen Gastlandflaggen zusammen und hissen alle untereinander im Vorstag, um nicht gänzlich ungeschmückt zu bleiben. Nicht nur Kinder laufen mit frischen Blumenkränzen im Haar herum und überall wird getrunken, geklönt und gelacht. Weil die wirklich große Party wie gesagt ausfällt, feiert jede Crew und jede Gruppe für sich.

Statue
© Detlef Jens

Die Insel, die man, wie ich nachlese, in drei Stunden einmal umwandern kann, bleibt davon unbeeindruckt. Schon wenige Schritte vom Hafen entfernt verliert sich das bunte Treiben, stattdessen beeindrucken Natur und Landschaft, ob mit oder ohne Skulpturen. Man kann zum Leuchtturm hinauf spazieren, auf den logischerweise höchsten Punkt der Insel, einen schönen Blick hat man von hier. Hinaus auf die weite Hanöbucht, aber auch hinüber zur Schärenküste im Norden.

Die Schären an der Ostküste Schwedens sind lieblicher, bewaldeter als die ja meist kargen Inseln der Westküste, aber das wahre Schärenrevier beginnt auch erst weiter im Norden, oberhalb des Kalmarsunds. Die Hanöbucht liegt südlich davon und Hanö selbst ist nicht so weit von den beliebten Revieren in Dänemark oder Deutschland entfernt: Nur gute 40 Seemeilen nördlich von Bornholm und geschätzte 120 Meilen von Kopenhagen entfernt. Die Bucht bietet ein kleine Mikrorevier für sich, die Küste zwischen Karlshamn und Karlskrona ist ein kleiner, sehr schöner Schärengarten den zu erkunden es sich lohnt.

Beispielsweise Tärnö, nur wenige Meilen nördlich von Hanö. Eine wunderschöne, typische Schwedische Insel die alles hat: Steine, Bäume, bunte Holzhäuser und einen Fähranleger. Vor allem aber hat sie eine außer bei Nordwinden geschützte, große Ankerbucht und einen Gästesteg. Wem es also im Hafen von Hanö zu eng wird, der kann idealerweise hierhin ausweichen und ganz in Ruhe ankern. Oder an einem der vielen anderen dazu geeigneten Stellen zwischen den vielen kleinen Eilanden und Inselchen.

Wirklich bekannt ist eigentlich nur Utklippan, am westlichen Ende der Hanöbucht. Denn während die Bucht, die Insel Hanö und die eben erwähnte Küste etwas abseits der typischen Segelroute von und nach Stockholm oder den Alandinseln liegen, ist der kleine Felsen Utklippan ein strategisch günstiger Zwischenstopp auf diesem Weg.

Wer hingegen von der Hanöbucht aus nach Westen um die Südspitze Schwedens nach Kopenhagen segelt, findet mit dem Falsterbokanal eine nette Abkürzung. Dieser kurze, schnurgerade Kanal (ohne Schleusen, nur mit einer Klappbrücke) erspart auf dem Weg in den Öresund einen Schlenker um die Halbinsel Falsterbo herum. Die selbst übrigens durchaus sehenswert und vor allem unter Schweden ein beliebter Ort für die gepflegte Ferienvilla ist – dabei wirkt sie fast schon Französisch. Sandboden, flache Strände und der intensive Duft des Pinienwaldes. Vielleicht die richtige Abwechslung für wohlhabende Schweden, die sich einmal nach etwas Abwechslung von der andernorts so typischen schwedischen Landschaft sehnen. 

Wir hingegen bleiben sehr gerne noch mehrere Tage auf Hanö, unserer schwedischen Bilderbuchinsel en miniature.

Dieser Text erschien auch im Schweizer Magazin „Wave“ und in anderer Fassung auf Literaturboot.de.

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