Jens Mecklenburg

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Korngeschichte(n)

Gehaltvolle Kulturgeschichte
24. August 2021
Postkarte zu Trunksucht in Ostfriesland ©Müller Broders

Korn gilt als ein urdeutsches, vor allem norddeutsches Produkt. Die Kunst des Destillierens aber kam durch die Araber im frühen Mittelalter nach Europa, wurde von Alchemisten verfeinert und bannte die Geister der Natur in Flaschen, wo sie Heilkraft und Genuss zugleich verhießen. Um 1450 entstand in Deutschland ein »Traktat von Tugenden der ausgebrannten Wässer«.

©Till Lenecke

Einem Märchen von Ludwig Bechstein zufolge erfand der Teufel den Schnaps in Nordhausen am Harz. 1507 wurde der Kornbrand im Norden erstmals aktenkundig. 1665 gab es die erste Kornbrennerei in Schleswig-Holstein. Die Hardenberg-Wilthen AG, das niedersächsische Familienunternehmen mit Stammsitz in Nörten-Hardenberg, wurde um 1700 als Gräflich von Hardenberg’sche Kornbrennerei gegründet. Als Goethe starb (1832), waren in Preußen rund 23.000 Destillen ansässig – darunter viele kleine Brennereien. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts hob zwischen den Großmächten Europas dann ein regelrechter Wettstreit um den besten Tropfen an. Während die Briten Whisky und Gin verfeinerten, die Franzosen den Cognac, die Italiener den Grappa, hinkten die Deutschen bald hinterher.

Die Norddeutschen setzten, gefördert von Reichskanzler Otto von Bismarck, auf Korn. Er selbst destillierte ab 1874 auf seinem Anwesen in Aumühle bei Hamburg einen Weizengeist, den er in Eschenholzfässern lagerte und in wuchtigen Korbflaschen vertrieb. Bis heute trägt ein Korn seinen Namen. 1879 kam der große Korn-Aufschwung. Die Reblaus, aus Amerika eingeschleppt, vernichtete die europäischen Weinkulturen. Cognac und Weinbrand wurden knapp, doch die Lust auf geistige Getränke blieb. Korn machte keine Probleme und kam groß in Mode. Seit 1884 förderten Bismarck’sche Gesetze die Kornbrennerei in bäuerlichen Kleinbetrieben. Bedingung war, dass der Rückstand, die eiweißreiche Schlempe, an eigenes Vieh verfüttert und der nährstoffreiche Dung auf eigenem Land untergepflügt wurde. Heute würde man von nachhaltigem Wirtschaften sprechen. 1898 wurde die bis heute bestehende August Ernst Kornbrennerei im schleswig-holsteinischen Oldesloe gegründet. Für die damalige Zeit typisch, war sie zu ihrer Gründung eine Kornbrennerei mit angeschlossener Landwirtschaft.

Postkarte zu Trunksucht in Ostfriesland ©Müller Broders

Schnapsteufel und Herrengedeck 

In der alten Zeit gehörte Korn sogar zum Proviant von Feldarbeitern, war beliebter – da billiger – als Bier. In einigen Gegenden wurde den Arbeitern bis zu 1,5 Liter Schnaps am Tag zugebilligt. Die Folgen fand nicht nur die Kirche kritikwürdig. Im 19. Jahrhundert griff der Alkoholrausch auch in Ostfriesland um sich. Grund hierfür war vor allem die sich ausbreitende Massenarmut. Im Suff verunglückten reihenweise Arbeiter, ausgewachsene Prügeleien begleiteten die Gänge ins Wirtshaus, manch einer entblößte sich auf offener Straße, und selbst vor Kindern machte der Alkohol keinen Halt. Der promovierte Apotheker und Pharmaziehistoriker Heinrich Buurman berichtet in seinem Buch Der Schnapsteufel, wie der Landstrich zwischen 1820 und 1913 zahlreiche Männer und Frauen an das »Branntweinelend« verlor.

So schreibt er beispielsweise von einer Greisin aus Leer, die vollkommen verkohlt an ihrem Esstisch gefunden wurde. Der zuständige Arzt vermutete, dass sich ihr alkoholischer Atem an der Lampe entzündet und ihre Fahne sie buchstäblich von innen verbrannt hatte. Anzeigen in ostfriesischen Gazetten warben derweil für Wundermittel gegen die Trunksucht. Vermutlich an verzweifelte Ehefrauen gerichtet, die dann doch lieber Geld für Quacksalber und Zaubertränke ausgaben als für eine weitere Flasche Schnaps. Ein Auszug aus dem Allgemeinen Noth- und Hilfsbuch beschreibt bewährte Hausmittel gegen den Rausch: Brausepulver mit Wasser oder ein Teelöffel Kochsalz sollen den Trunkenbold wieder genesen lassen, der Konsum von sieben bitteren Mandeln einen Rausch gar verhindern, und um »den Säufern das Weintrinken zu verleiden«, soll man einen lebendigen Aal in Wein ersticken und sie davon trinken lassen. Ob der trunkene Friese danach je wieder Fisch essen konnte, darf bezweifelt werden. Dass sich gerade ein Apotheker des Themas Alkoholmissbrauch annimmt, ist nachvollziehbar. Von jeher spielte in der Pharmazie Alkohol eine wichtige Rolle. In früheren Zeiten bekam man Selbstgebranntes vom Apotheker. Auch im 20. Jahrhundert kippten sich durstige norddeutsche Kneipengänger beim Kartenspielen, am Stammtisch oder in holzgetäfelten Kellerbars den hochprozentigen Klaren hinter die Binde. Eisgekühlt aus der Flasche. Das »Herrengedeck« (ein Bier, ein Korn) war Eckpfeiler derber norddeutscher Trinkkultur. Im Westen wie im Osten. Im Osten lag die durchschnittliche Jahresdosis an Korn bei sagenhaften 23 Flaschen. Hergestellt wurde der harte Stoff im VEB Nordbrand in Nordhausen am Südrand des Harzes. Korn bekam mit der Zeit aber ein Imageproblem. Bei Flaschenpreisen von 5 Euro (abzüglich 3 Euro Alkoholsteuer) darf man sich über die Qualität des Inhalts keinen Illusionen hingeben. Dieser »Fusel« war und ist nur eisgekühlt zu ertragen.

Korn-Verkostung ©Oldesloer Kornbrennerei

Korn wird wieder cool 

Doch seit einigen Jahren flammt Hoffnung auf. Eine neue Generation vom Kornfreunden holt alte Brennkessel vom Schrott, experimentiert mit uralten Rezepturen und lagert ihre Chargen in Fässern aus Eiche. Der Korn bekommt Zeit zum Reifen. Ihre Produkte schmecken erstaunlich gut und werden sogar in gestylten Flakons oder schweren Apothekerflaschen angeboten. Korn ist wieder cool. In Hamburg bereichern zum Beispiel drei ehemalige Studenten das Nachtleben mit »Nork«, einem Weizenbrand, mit dem man angeblich »Drinks zaubern kann, derentwegen es sich wieder lohnt, Kinder zu zeugen«. Gegründet von drei Freunden um die dreißig, vereint dieser Brand alles, was gerade angesagt ist: einen wohlklingenden Namen, hochwertige Ausgangsprodukte, auffälliges Design und die Herkunft aus der Region. Jede Flasche ist nummeriert und von Hand abgefüllt. Lars Mehlhop-Lange und Johann und Ann-Katrin Dallmeyer lassen in Niedersachsen brennen, das Brauwasser soll aus ihren Heimatstädten Bremen und Hamburg stammen. Ebenfalls aus Hamburg kommt der Hochseekorn »Hanseatic Spirits«. Neben einem auffälligen Design macht er vor allem mit seinem Herstellungsprozess auf sich aufmerksam: Nach dem Brennen reift er in einem Whiskyfass, das 180 Tage auf hoher See unterwegs ist. Die meisten Craft-Korn-Kämpfer sind Begeisterte, die mit Herzblut dem Korn wieder Güte, Würde und Aroma verleihen wollen. Man wolle weg vom »Einerlei seelenloser Massenprodukte« und biete »den Multis die Stirn«, verkündet die neue Craft-Korn-Szene. Gewitzte PR oder Klassenkampf? Die letzten verbliebenen deutschen Traditionsfirmen nehmen den »Kampf« aber an und haben mittlerweile auch anspruchsvolleren Korn im Angebot, der wie jeder gute Brand bei Zimmertemperatur genossen wird. Mit Raffinesse erzeugt, kann Korn ein Getränk für echte Genießer sein: klar wie der Norden. Zusätzliche Geschmackstöne verleiht ihm vor allem die Fasslagerung, die jahrzehntelang außer Mode war. Im Holz nimmt der Klare Tannine auf, er entwickelt feine Noten von Karamell oder Vanille, von Kokos und Rum oder von Liebstöckel und grüner Banane. Korn wird auf einmal wieder spannend und genussvoll. So geht lebendige Kulturgeschichte.


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