Regine Marxen

Journalistin & Bierexpertin

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Wildwuchs Brauwerk

Hanseatisches Bio-Bier
12. August 2022
Das Team, Mitte Fiete u. Jule Matthies © Wildwuchs

Im Süden Hamburgs, auf der Elbinsel Wilhelmsburg, leitet Braumeister Friedrich Carl Richard Matthies die erste Bio-Brauerei in der Hansestadt. Wildwuchs Brauwerk heißt sie – und ist ein waschechter Familienbetrieb, der sich große Ziele gesetzt hat. Für Kenner der norddeutschen Craft-Beer-Szene dürfte Friedrich Carl Richard Matthies ein alter Vertrauter sein. Das Profil des Finkenwerder Jung ist schließlich zugleich das Logo seiner Brauerei – inklusive schickem Elbsegler auf dem Kopf. Sein Konterfei prangt auf fast jedem Bier, das die Produktion verlässt. Wo Friedrich Carl Richard drauf ist, ist echter Wildwuchs drin. Obwohl, eigentlich nennt man ihn in Hamburg und darüber hinaus nur „Fiete“. Sein echter Name ist schlicht zu lang. Der Norddeutsche neigt in diesen Fällen zur Sprachökonomie. Fiete ist waschechter Hamburger. Er ist einer, der schon viel gesehen hat von der Welt. Als studierter Braumeister war er international unterwegs, bis ihn 2012 der Ruf vom Kehrwieder-Kreativbrauerei-Inhaber Oliver Wesseloh zurück an die Elbe zog, um mit ihm gemeinsam die Kehrwieder Kreativbrauerei aufzubauen. Ihre Wege trennten sich jedoch rasch; zu unterschiedlich waren ihre Vorstellungen, welche Biere denn in Zukunft in den Tanks der Brauerei gären sollten. So kam es, dass der heute 35-Jährige 2014 im niedersächsischen Bleckede sein eigenes Biersüppchen zu kochen begann. Fietes Fokus: nachhaltiges und ressourcenschonendes Brauen von den Rohstoffen bis hin zur Produktion. Seit 2017 sind seine Biere nach europäischen Richtlinien bio-zertifiziert. 2018 folgte der nächste Meilenstein: Er verlegte die Brauerei zurück nach Hamburg und errichtete eine neue Anlage auf Wilhelmsburg. Die Elbinsel ist somit nicht nur Europas größte Flussinsel, sondern auch Heimat der ersten Bio-Brauerei in der Hansestadt. „Unser beliebtestes Bier ist das ›Fastmoker‹-Pils. Typisch Norddeutschland“, sagt Fiete. Brauen ist für ihn ein ehrliches Handwerk, das Teil eines ganzheitlich gedachten landwirtschaftlichen Systems ist. Daheim auf Finkenwerder hat er es sogar mit eigenen Hopfenpflanzen probiert. Für die Produktion langt das nicht, immerhin brauen er und sein Team rund 1000 Hektoliter Bier im Jahr. Der Großteil der eingesetzten Hopfensorten stammt daher von einem Biohof in der Fränkischen Schweiz.

Von Fastmocker-Pils bis Alt-Kanzler

Fiete © Wildwuchs

Der Wildwuchs-Chef hat sich mit seinem Schwerpunkt ein dickes Brett vorgenommen. So sehr das Thema Bio in der Bevölkerung gerade in urbanen Zentren wie Hamburg angekommen ist, beim Bier hat sich der Trend noch nicht verselbstständigt. Obwohl, das wichtigste Argument für gutes Bier ist schließlich der Geschmack – und genau jener überzeugt Biergenießer im Norden. Allen voran das „Fastmoker“-Pils, doch auch Kreationen wie der „Alt Kanzler“ begeistern. Auf dem Etikett dieses rauchigen Altbiers ist nicht Fiete, sondern das Konterfei Helmut Schmidts abgebildet. Das gefällt und mundet nicht nur an der Elbe. Überhaupt beweist der Braumeister, dass Bio-Biere unkonventionell, kreativ und modern daherkommen können, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Hier geht es nicht um Hippness, sondern um bewussten Genuss. Ein Mann, eine Mission. Eine, für die er nicht alleine kämpft. Das Wildwuchs Brauwerk ist ein Familienbetrieb. Mit zwei seiner insgesamt vier Brüder gründete Fiete die Brauerei. Sie sind allesamt keine Brauer, anpacken tun sie trotzdem gerne. Auch sein Cousin Sebastian arbeitet in der Brauerei mit. Ehefrau Jule Matthies kümmert sich um die Events im Schankraum und im Biergarten.

Offene Begegnungsstätte

Klein angefangen, beschäftigt die Brauerei mittlerweile sechs festangestellte Mitarbeiter, drei Azubis und ist trotzdem immer noch ein Familienunternehmen geblieben. Das merkt man, holt man sich unter der Woche mal eine Kiste Bier aus den Werkstätten der Brauerei. Die Stimmung ist familiär und entspannt. Hier arbeiten alle aus Leidenschaft zum Bier und stehen hinter der Idee des nachhaltigen Konsums und Produzierens. Die Brauerei ist als offene Begegnungsstätte, vor allem für den Stadtteil, konzipiert. Direkt angeschlossen an die Brauerei ist ein Schankraum, in dem man am Wochenende und bei Veranstaltungen der Brauerei immer acht der Wildwuchs-Biere vom Fass bekommt. Die Palette des Angebots ist breit gefächert – hier bekommt man alles vom herben Pils bis zum fruchtigen Doppelbock. Das Wildwuchs ist ein Bier aus Hamburg für Hamburger/innen. Ambitionen gar deutschlandweit zu vermarkten, gibt es aktuell nicht. „Das Bier ist in Hamburg zuhause und deshalb sind wir vollkommen zufrieden damit, dass wir hier in der Stadt so viele glückliche Abnehmer finden.“, sagt Braumeister Fiete. Man ist Partner der Regionalwert AG, engagiert sich sozial und freut sich immer über eine regionale Kooperation, zum Beispiel mit der Bio-Bäckerei Bahde, die aus dem Treber, ein Abfallstoff des Brauprozesses, ein schmackhaftes Brot backen. Im Gegenzug liefert die Bio-Bäckerei Bahde Brot vom Vortag aus dem dann das „Broid“, ein New England IPA, entsteht. Dadurch wird wertvolles Malz gespart und Brot „gerettet“. Aber keine Angst – das Bier schmeckt nicht nach altem Brot, sondern bekommt einen vollmundigen, leiblichen Körper, ähnlich wie die Prise Salz im Kuchen. Und durch die verwendeten Hopfen duftet es schön nach tropischen Früchten, was auch im Winter in der warmen Stube sehr erfrischend sein kann.

Schankraum auf Wilhelmsburg © Wildwuchs

Die Brauerei hat sich mittlerweile auch zu einem beliebten Ausflugsziel gemausert. Nicht nur für die Wilhelmsburger selbst, auch Bierfans jenseits der Flussinsel wagen dank Wildwuchs den Sprung über die Elbe. Gutes Bio-Bier verbindet eben.

Wildwuchs Brauwerk

Jaffestraße 8

21109 Hamburg

www.wildwuchs-brauwerk.de

Bier-Podcast-Tipp 

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