Jens Mecklenburg

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Frisch entflammt

Kleines Brevier erotischer Speisen
14. Februar 2020

Sie haben sich verliebt und wollen ihrer neuen Flamme imponieren? Kein Problem. Wie wäre es mit einem erotischen Menü? Jetzt heißt es Abschied nehmen von Tiefkühlpizza und Fünf-Minuten-Terrinen. Überraschen Sie ihre Dame oder ihren Herren des Herzens mit einem Liebesmahl erster Güte! Sie werden sehen: Ein köstliches Menü steigert nicht nur die Lust bei Tische, es beflügelt auch die erotische Phantasie. Gutes Essen spricht alle Sinne an: Sehen, Riechen und Schmecken und sogar Tasten. Seit Jahrtausenden gelten Kulinaria als beliebte Metaphern unter Liebenden. Ein französischer Liebhaber raunt seiner Geliebten ein zärtliches mon petit chou zu. Wir Deutschsprachigen werden uns fragen, was an einem kleinen Kohl so liebenswert sein mag. Uns leuchten die Äpfel, Trauben und der Honig aus der Bibel viel eher ein. „Ich habe dich zum Fressen gern“ ist in unseren Breiten wohl bekannt. Die Geschmäcker wie auch die Herangehensweisen sind eben verschieden. 

© Ingo Wandmacher

Sinnliche Begierde

Ein erotisches Menü kann sexuelle Lust erzeugen, denn es erhöht das sinnliche Empfinden. Der Mensch ist im Gegensatz zur Kreatur fähig zu genießen. „So taumle ich von Begierde zu Genuß, und im Genuß verschmachte ich nach Begierde“, bemerkte schon Goethe. Ein kleines, sinnlich komponiertes Schlemmermenü kann ein wahrer amouröser Appetizer sein.

Jean-Anthelme Brillant-Saverin (1755-1826), französischer Schriftsteller und Philosoph des guten Geschmacks, fügte den fünf bekannten Sinnen sogar einen sechsten hinzu: den Geschlechtssinn. Seien wir ehrlich: Im Leben geht es (fast) immer um den Leib, den Hunger und seine Besänftigung. Ein wunderschöner chinesischer Film trägt den Titel „Eat drink man woman“. Prägnanter lässt sich nicht ausdrücken, was das menschliche Leben im Wesentlichen bewegt.


Was man beachten sollte

Damit das Essen den gewünschten Erfolg hat und die Person des Herzens weichgekocht wird, sind einige Grundregeln zu beachten:

* Kochen Sie etwas Frisches, Leichtes, Aromareiches mit vielen Kräutern. 

* Scharfe Gewürze wie Curry oder Pfeffer sind als Aphrodisiaka bekannt. Vorsicht jedoch bei Knoblauch. Die bittersüße Fahne treibt auch die heißblütigsten Verehrer in die Flucht.

* Frische Salate und Gemüse machen nicht nur in der Liebe fit. Vorsicht jedoch bei Hülsenfrüchten: Bohnen & Co können böse Folgen haben.

* Meerestiere wie Austern, Garnelen und Krebse schmecken anregend, leicht und frisch und bringen den Abend so richtig in Fahrt. Zuviel ist aber auch nicht gut: Ein Eiweißschock endet nicht im eigenen, sondern im Krankenhaus-Bett.

* Kredenzen Sie eher leichte Weine. Champagner oder guter Winzersekt gehört unbedingt dazu. Vorsicht jedoch vor zu viel Alkohol, die Libido geht in den Keller.

* Sorgen Sie für ein anregendes Ambiente: Kerzen, dezente Musik, schönes Geschirr. 

* Zeigen Sie Tischmanieren: Schlingen, Mampfen, Spachteln wirkt auf die meisten Mitmenschen abstoßend.

Jeder Mensch ob Mann oder Frau liebt es, umworben und begehrt zu werden: Wenn Sie sich jetzt noch von ihrer wachen, sanften, verspielten, großzügigen und scharfen Seite zeigen, steht einer heißen Liebesnacht nichts mehr im Wege. 

© Ingo Wandmacher

Liebe geht durch den Magen

Schon bei Goethe ging die Liebe durch den Magen. Leckerbissen, gemeinsam genossen oder als Geschenk für die geliebte Frau, gehörten zur (erfolgreichen) Strategie des Galans. Für Heinrich Heine waren die elementaren Dinge des Lebens: „Liebe, Wahrheit, Freyheit und Krebssuppe.“ Wer würde widersprechen wollen? Oder denken wir an den wohl erfolgreichsten Verführer, Libertin und Genussmenschen Giacomo Casanova. Wohin ihn sein unstetes Leben auch führte, überall genoss er die Freuden der Liebe und der Tafel. Schlemmerei und körperliche Lust waren für ihn eng verknüpft: Die Sinnesfreuden beim Essen bereiten die sexuelle Lust gleichsam vor. Casanovas Memoiren bieten vielerlei Anleitungen zum Genießen: „Wir schlürften sie (die Austern) abwechselnd einander aus dem Mund, nachdem wir sie auf die Zunge gelegt hatten.“


Alles was anmacht – Über Aphrodisiaka

Aphrodisiaka, nach der griechischen Göttin der Liebe benannt, sind als Mittel zur Steigerung der Leidenschaft und Potenz bekannt. In ihrem Hunger nach einem erfüllten Liebesleben griffen schon unsere Ur-Urahnen nach potenzsteigernden Mitteln. So schildert Homer die stimulierende Wirkung von in Wein eingelegten Geschlechtsteilen von Schweinen. Im asiatischen Raum wurde eine Mixtur aus Tigerhoden und Alraunenwurzeln bevorzugt, und in Spanien schwor man auf Stierhoden jeder Zubereitungsart. Unsere Vorfahren, die alten Germanen, begnügten sich mit in Met veredeltem Bilsenkraut, um in einen Rausch der Sinne zu geraten, und Karl der Große ließ sich einen Krafttrunk aus Bier, Eiern, Zimt und Kardamom kredenzen. Den Engländern sagt man ja bis heute eine gewisse Spleenigkeit nach: Dazu zählen auch die Versuche englischer Männer im 18. Jahrhundert ihre „Leistungsfähigkeit“ im Bett durch geringe Dosen von Arsen zu steigern. Die Versuche führten vielfach jedoch nicht zu einer Steigerung der Libido, sondern zu Todesfällen – die Dosen waren nicht gering genug. Die Methode wurde glücklicherweise bald verboten.


Top-Aphrodisiaka

©DWI

Als Top-Aphrodisiaka gelten bis heute: Austern, Kaviar und Trüffel. Ihre Gemeinsamkeiten: Sie sind selten und teuer. Wenn man versuchen würde, eine Liste der Gerichte anzufertigen, denen irgendwann eine Wirkung in Sachen Liebe nachgesagt wurde, käme fast jedes Nahrungsmittel vor. Shakespeares Falstaff kann nur in den Armen einer schönen Frau der Versuchung durch Kartoffeln widerstehen: „Nun mag es Kartoffeln regnen, Liebesperlen hageln und Manntreu schneien; ein Sturm von Versuchung mag sich erheben, ich gehe hier in Deckung.“ Zu Shakespeares Zeiten war diese Haltung durchaus einleuchtend: Kartoffeln waren selten und teuer. 

Ob nun Stierhoden, Austern oder Rettich: Der Glaube an die stimulierende Wirkung bestimmter Lebensmittel hat sich bis heute erhalten. Ein Psychologe würde einwenden, dass die Wirkung all dieser Mittel zum größten Teil auf Suggestion beruht. Und Recht hat er. Aber was ist dagegen einzuwenden, wenn ein Gericht uns nicht nur kulinarischen Genuss bereitet, sondern auch unser sexuelles Verlangen steigert? Ob wissenschaftlich nachweisbar oder der bekannte Placeboeffekt:  Hauptsache die erwünschte Wirkung stellt sich ein.