Jens Mecklenburg

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Ziegen: intelligente Tiere mit Kultstatus

Von wegen, dumme Ziege
21. Juni 2021

Ein Ziegenbock steht stolz wie Oskar auf einem großen Stein mitten auf einer Weide in Angeln in Schleswig-Holstein und beobachtet seine Umgebung neugierig. Als er absteigt, um sich mit einem anderen Bock zu messen, erklimmt eine weibliche Ziege den Stein und genießt die Aussicht. Das männliche Machogehabe ignoriert sie. Stundenlang könnte ich dem munteren Treiben auf einer Ziegenkoppel zusehen. Die Tiere verhalten sich so, wie man sich seine Mitmenschen wünschen würde: neugierig und intelligent, leichtfüßig, elegant und kapriziös; dabei im Gelände anpassungsfähig und was das Futter betrifft genügsam. Gräser, Kräuter, gelegentlich ein paar Laubblätter reichen ihr. Daher genießt die Ziege im Mittelmeerraum Kultstatus aber auch in Norddeutschland ist die „Kuh des armen Mannes“ auf dem besten Weg, die Herzen der Menschen zu erobern. 

© Cornelia Illius/ Ziegenhof Rehder

Treue Begleiter des Menschen

Ziegen zählen zu den ältesten Haustieren überhaupt. Ihre Geschichte ist annähernd so alt wie die des Menschen. Seit ca. 11.000 Jahren dient die Hausziege dem Menschen als Lieferant von Fleisch, feinem Leder und Milch. Schon die alten Römer schätzten die besonderen Eigenschaften der Ziegenmilch. Während weltweit rund 700 Millionen Ziegen leben, die meisten im Mittelmeerraum und im Orient, werden in Deutschland nur rund 150.000 Mutterziegen auf der Weide und im Stall gehalten, aber mit steigender Tendenz. Besonders Hobbyzüchter und kleinen Käsemanufakturen ist der Aufschwung zu verdanken. In Hochzeiten, kurz nach dem 1. Weltkrieg, zählte man gar 1 Million Ziegen in Deutschland. Besonders die gesunde Milch der Ziegen hat es vielen angetan, denn sie ist besonders gut verträglich, auch für (Kuhmilch-)Allergiker geeignet, enthält weniger Milchzucker als Kuhmilch, dafür etwas mehr Fett und Vitamine. Der aus der Milch gewonnene Käse ist in der Regel ein reines Saisonprodukt, da im Winter die Milch für die Aufzucht des Nachwuchses benötigt wird. Ab Mitte April steht dann wieder ausreichend Milch für den leckeren Ziegenkäse zur Verfügung. Gourmets schätzen den Käse wegen seines subtil-feinen, würzigen Geschmacks. Das Fleisch von jungen Ziegen unter einem Jahr (Zicklein) gilt nicht nur in den mediterranen Ländern als Delikatesse.

Juan-Fernandez-Ziege. © Ingo Wandmacher

Intelligenz geht vor Körperkraft 

Die Hausziege stammen von Wildziegen der Gattung Capra ab. Vermutlich gehen Ziegen insgesamt auf die beiden Stammformen Bezoarziege (Südwestasien) und Kaukasischer Steinbock (Kaukasus) zurück. Die ersten Hausziegen wurden hauptsächlich zur Fleischerzeugung genutzt, die Milchnutzung kam erst später hinzu. Dank der langen gemeinsamen Geschichte von Mensch und Ziege hört sie wie kein anderes Nutztier auf ihren Bezugsmenschen. Ähnlich wie beim Hund hat sich bei ihr ein Verständnis gegenüber menschlichen Befindlichkeiten und Signalen herausgebildet. Äußerst faszinierend: Ziegen hören auf ihren Namen und befolgen Kommandos – dabei sind Ziegen sehr individuell und ich bezogen. Wie in jeder Beziehung kann diese Eigenschaft einen zur Verzweiflung treiben, aber auch für ganz besondere Momente sorgen. Vielleicht kommen Ziegen und Menschen deshalb so gut klar? 

In einer Herde hat die Leitziege das Sagen. Hält sie ein Mittagsschläfchen, hält ihre Stellvertreterin die Stellung. Nicht körperliche Überlegenheit macht sie zur Chefin der Herde, sondern Intelligenz und Gewieftheit. Die Böcke spielen daher, außer während der Paarungszeit, keine große Rolle.  

Wer kennt nicht das Schimpfwort „Dumme Ziege“. Wer es benutzt, sollte den Gebrauch überdenken. Ziegen sind schön, neugierig, einfallsreich, intelligent und immer für einen Spaß zu haben. Einige Leute auf dem Lande halten sie gar als Freizeitpartner und Haustier, wogegen nichts zu sagen ist, wenn die Haltung artgerecht ist. Ob man die Ziege nun als Haus- oder Nutztier hält, ist einerlei, solange sie ihre Instinkte und Neigungen ausleben kann. Fest steht: Ohne die Annäherung von Mensch und Ziege und ihre Domestikation wäre die Geschichte der Menschheit anders verlaufen. Ich behaupte: schlechter!