Jens Mecklenburg

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Wer hat das Bockbier erfunden?

Von Einbecker, Bockbier und Bayern
28. Juni 2021

Im Mittelalter war Hamburg die Biermetropole der Hanse, das „Brauhaus“ Europas. Aber auch im niedersächsischen Einbeck wurde im Mittelalter erfolgreich Bier gebraut. Jeder Einbecker Vollbürger hatte das Recht, Bier zu brauen. 700 „Brauherren“ gab es. Der Rat der Stadt kaufte die Überproduktion auf und sorgte für deren Vermarktung im Handelsgebiet der Hanse, das heißt im gesamten deutschen Raum und von Amsterdam im Westen bis Reval im Osten. Die älteste noch vorhandene Rechnung – über den Verkauf von 2 Tonnen Einbecker Bier nach Celle – datiert auf den 28. April 1378. 

©Einbecker Brauerei

Biertrecks & Martin Luther

Einbecker Biertrecks zogen im 14. und 15. Jahrhundert in Richtung Bremen, Hamburg, Lübeck, Landshut, München, Danzig, Königsberg, Riga, Dänemark und die Niederlande. Als die Lübecker Ratsherren 1502 ein feines mehrtägiges Gastmahl ausrichteten – es galt die Strafgelder der Stadt einem sinnvollen Zweck zuzuführen –, wurde auch Bier gereicht. Das günstigste Bier kam aus Lübeck selbst, es wurde an das einfache Volk ausgegeben. Das beste und teuerste Bier tranken die Ratsherren, ihre Gattinnen und Gäste natürlich selbst. Es kam aus Hamburg und Einbeck, wobei das Einbecker noch teurer als das Hamburger Bier war, es galt als besonders wohlschmeckend und edel. Auch Martin Luther soll das Bier aus Einbeck geschätzt haben. Als 1521 der

Reichstag zu Worms stattfand, erhielt er von Herzog Erich von Braunschweig einen Krug Einbecker gereicht. Luther lobte es mit den Worten: „Der beste Trank, den einer kennt, der wird Ainpöckisch Bier genennt.“ Das Starkbier aus Einbeck muss eine besonders gute Qualität gehabt haben – und seinen Preis. Selbst Hamburger kauften es zu besonderen Anlässen. Den Münchnern wurde es mit der Zeit zu teuer, sie wollten es selber produzieren. Zu der Zeit war Bayern noch ein Bierentwicklungsland. Nur wollte es den Münchnern nicht so recht gelingen. Daher warben sie 1612 einfach den Einbecker Braumeister Elias Pichler ab, um im neu gegründeten Münchner Hofbräuhaus das „Ainpöckisch Bier“ zu brauen.

Zeichnung ©Till Lenecke

Durch Verballhornung des Namens von „Ainpöckisch“ über „Oanpock“ entstand schnell der Name „Bockbier“. Bis heute sind die Stadt Einbeck und die gleichnamige Brauerei stolz auf ihre Bockbiergeschichte. Ob das Starkbier allerdings auch in Einbeck erfunden wurde, wie in der Stadt behauptet wird, bezweifeln Bierhistoriker. Denn das Brauen von Bier mit höherem Alkoholgehalt war zu der Zeit in Norddeutschland so ungewöhnlich nicht. Auch in Hamburg war Bier nicht gleich Bier und reichte von Starkbieren bis zum Nöster- oder auch Haperbier. Hierzu schreibt Matthäus Schlüter 1709: „Haper=Bier nennen einige das schlechte Nöster=Bier / von dem alten Teutschen Worte: Haperen, welches so viel heisset / als zweiffelen.“ (Das Wort Nösterbier kam von „Paternoster“ und bezeichnete das Klosterbier für die einfachen Mönche.) Das Bier sei „[…] so schwach und dünne / […] daß man zweiffelen möchte, obs Bier / oder Wasser sey“.

Fakt ist: Aus dem Bierentwicklungsland Bayern wurde im Laufe der Zeit eine Biergroßmacht. Aus allen Regionen, die gutes Bier brauten, holten die Bayern sich die Experten nach München und lernten von ihnen und wurden dann selbst als Fachleute gerufen, zum Beispiel nach Pilsen, woher das „Pils“ stammt. Wie an anderer Stelle schon erwähnt, führten technische Neuerungen wie die Linde-Kältemaschine, das Thermometer und die Reinzüchtung der Hefen zu einer stark verwissenschaftlichen Brauweise. Das klassische mittelstark gehopfte untergärige Bier, das zuerst durch einen bayerischen Braumeister in Pilsen gebraut wurde, wird wegen der neuen technischen Möglichkeiten massenhaft zuerst in Bayern gebraut. Erst dann vollzog sich der Siegeszug des Pilsener Bieres – nach bayerischer Brauart – auch im Norden, und es wurde hier heimisch. Da hatten sich die norddeutschen Brauer offensichtlich doch etwas zu lang auf ihren Lorbeeren ausgeruht und den Anschluss an moderne, innovative Biersorten verpasst. So wird Bier heute – auch dank eines guten Marketings – eher mit Süddeutschland als mit Norddeutschland verbunden, obwohl es in Hamburg und Einbeck eine viel ältere Brautradition gibt. Tragisch, aber der Norddeutsche sieht es gelassen und lässt sich ein frisch gezapftes norddeutsches Pils servieren.

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