Ingvar Ambjörnsen

norwegischer Schriftsteller

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Elling kuriert Gruff

8. Juli 2025

Vorab

Die norwegische Kaffeefirma warb viele Jahre lang mit dem Spruch „Ali kuriert Gruff“, ein Wort, das es im Norwegischen nicht gibt (so wenig wie im Deutschen), aber man hört sofort, dass es etwas Unangenehmes ist, das man lieber nicht haben möchte. Reisende nach Norwegen sehen ungefähr als Erstes, wenn sie von der Fähre Kiel-Oslo an Land rollen, eine riesige Reklame für Ali-Kaffee. Vom Gruff ist heute aber nicht mehr die Rede.

Gruff?
„Ali Kaffee kuriert Gruff.“ Das steht auf der Einkaufstüte, die Mutter und ich im Coop bekommen. Da kooperieren wir und kaufen unser Essen ein. Und den Kaffee für Mutter.
Mutter? Was ist Gruff?
Mutter nimmt die Brille ab und starrt mich aus ihren großen Augen an. Dann schaut sie sich vorsichtig im Wohnzimmer um und flüstert:
Pst!
Pst?
Das ist ganz schrecklich. Es fängt in den Zehen an, Aber ehe du dich’s versiehst, ist es zu den Knien weitergewandert. Und dann zur Milz.
Ich fahre zusammen.
Ja. Und wenn dann wenigstens Schluss wäre!
Jetzt geht ihr Blick in die Ferne und wird ganz fremd. Sie scheint etwas zu sehen, das sich hinter der Tapete bewegt. Lange bleibt sie so sitzen. Ganz still, die weißen Hände im Schoß. Dann erzählt sie von der kleinen Gunhilde, die vom Gruff geholt wurde und die nicht einmal Gott retten konnte. Obwohl Er das versucht hat.
Ich wage nicht, mich zu bewegen. Ich weiß, dass ich jetzt nichts sagen darf. Denn wenn ich auch nur das kleinste Geräusch von mir gebe, wird die ganze Welt zusammenbrechen.
Gunhilde, sagt Mutter. War meine einzige Freundin.
Und sie wurde nur fünf Jahre alt, denke ich. Ich sehe das Grab vor mir. Den schwarzen Stein und das kleine Beet mit den Leberblümchen.
Aber was ist mit Ali, frage ich vorsichtig.


Mutter schüttelt den Kopf.
Das war lange, ehe Ali nach Norwegen gekommen ist. Es gab kein Heilmittel. Wenn du Gruff bekamst, konntest du einfach nur abwarten und aufs Beste hoffen. Das war damals, als Ali sich Baba genannt hat und zusammen mit seinen vierzig Räubern durch das glückliche Arabien gestromert ist.
Ich sehe Ali Baba und die vierzig Räuber vor mir. Sie haben Kamele und krumme Säbel. Sie reiten durch die Wüste und heilen arabischen Gruff.
Während in Norwegen die Leute wie die Fliegen sterben.
Ich glaube, ich brauche jetzt einen Schluck Kaffee, sagt Mutter und erhebt sich vom Sofa.
Aber tun dir nicht die Zehen weh?, frage ich vorsichtig.
Nun streckt sie ihre warme Hand aus und streichelt vorsichtig meine Wange. Ihre Zehen sind von bester Qualität. Das kann sie mir versichern. Und ihre Milz ist so gut in Schuss, dass sie funkelt. Wie eine Goldmünze in der Sonne.
Ich sehe ihre Knie an.
Die sehen in den Strümpfen knubbelig und komisch aus.
Eine krumme blaue Ader pocht.

Als sie seufzt und meinen Namen nennt, stürze ich auf mein Zimmer und mache die Tür zu. Ich schiebe den Stuhl unter die Türklinke und halte mir die Ohren zu, damit ich ihre Fingernägel nicht hören muss, die auf der anderen Seite die Farbe abkratzen.
Das Schlimmste ist nicht, dass Mutter Gruff bekommen hat, sondern dass sie so tut, als ob sie weint, während sie sagt, ich solle ein großer Junge sein.
Ich bin kein großer Junge. Ich bin ein kleiner Junge, der sich vor der Welt in Acht nehmen muss.

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