Gabriele Haefs

Autorin

Zum Portrait

Waliser Festtagssitte Mari Lwyd

Heischebrauch mit Pferdekopf
28. Dezember 2021

Für Menschen aus Gegenden mit aktiven Karnevalstraditionen ist es natürlich nichts Besonderes, wenn sich eine oder mehrere Personen als Pferd verkleiden oder mit einem künstlichen Pferdekopf durch die Gemeinde ziehen. Im Pferdeland Wales ist es erst recht … naja, nicht alltäglich, aber doch alljährlich, wenn auch nicht zu Karneval. Das Mari Lwyd geht zwischen Weihnachten und Neujahr um, vor allem in Südwales. Seine Wanderungen sind verbunden mit einem Heischebrauch, die Mari Lwyd-Darsteller sagen einen Spruch auf, den wir in seiner ganzen Schönheit hier widergeben:

The Mari Lwyd. ©Hogyncymru, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wel dyma ni’n dwad 

Gy-feillion di-niwad

I ofyn am gennad, i ofyn am gennad

I ofyn am gennad i ganu!

(„Also, hier kommen wir, nichtsahnende Freunde, und bitten um Erlaubnis, und bitten um Erlaubnis, und bitten um Erlaubnis zu singen“ – und wer würde das verwehren!)


Jungfrau Maria oder Mähre?

Mari Lwyd, das bedeutet „Graues Pferd“ (wir sehen im Mari das althochdeutsche Wort „Marah“, was „Pferd“ bedeutete, und von dem Wörter wie „Mähre“ oder „Marschall“ abgeleitet sind). Im heutigen Kymrisch heißt Pferd eigentlich „ceffyl“, was einige Forscher zu der Ansicht gebracht hat, es gehe hier ursprünglich gar nicht  um ein Pferd, sondern um die Jungfrau Maria. Da der Marienverehrung überall in Großbritannien durch die Reformation ein jähes Ende gesetzt wurde, sei diese Bedeutung in Vergessenheit geraten und mit einem älteren Wort für Pferd verbunden worden (im Bretonischen heißt Pferd noch heute „marc’h“). Andere wiederum meinen, dass es genau umgekehrt war. Demnach geht das Mari Lwyd auf einen uralten keltischen Pferdekult zurück, der aber in Vergessenheit geriet, weshalb der Name Mari Lwyd mit der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht wurde. Und natürlich kann alles so gewesen sein: erst wurde der Pferdekult vergessen, und als nach der Reformation die Jungfrau Maria in Vergessenheit geriet, wurde der Name Mari Lwyd abermals mit einem Pferd zusammengebracht. Das Problem bei all diesen aufregenden Deutungen ist, dass das Mari Lwyd zum ersten Mal um 1800 schriftlich erwähnt wurde, aber das ist eigentlich schön, weil jede Deutung gleichermaßen zutreffen kann und unserer Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. In der Beschreibung, die ein gewisser J. Evans in einem im Jahre 1800 veröffentlichten Reisebericht über seine Wanderungen durch Nordwales veröffentlichte, machte er einen Abstecher nach Südwales und berichtete, dass dort ein Mann sich einen Pferdekopf aufsetzt und mit seinem Gefolge von Haus zu Haus zieht und Bewirtung verlangt (also noch ohne das heute übliche Steckenpferd). 

©Andy Dingley/ Wiki Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Neckereien, Speis & Trank

Der Mari Lwyd-Umzug geht ungefähr so: Man nehme eine Stange und befestige daran einen Pferdekopf, aus Stoff, Pappe, was immer gerade zur Hand ist, und der muss natürlich grau sein und dann schön geschmückt werden, mit Bändern, Orden, Ohrringen, was auch immer, und setzt Glasstücke als Augen ein. In manchen Dörfern gibt es ein Mari Lwyd, das schon lange Dienst tut und das restliche Jahr über sorgsam weggeschlossen wird – in einem Dorf auf der Gower-Halbinsel wurde es angeblich sogar vergraben und zur Weihnachtszeit wieder ausgegraben (wie in der Eifel der Kirmesknochen, aber wir wollen hier keine Theorien über ähnlichen Ursprung oder so aufstellen). Die Leute, die mit dem Mari Lwyd losziehen, tragen an manchen Orten Kostüme, an anderen nicht. Sie gehen dann zu einem Haus und sagen ihren Spruch auf. Der gute Mari Lwyd-Benimm verlangt, sie erst einmal nicht einzulassen, dreimal ihren Spruch aufsagen, müssen sie jedenfalls. Wenn die Leute im Haus gut in Form sind, antworten sie ihrerseits mit einem Spruch, so ungefähr: „Hier kriegt ihr nix, geht zum nächsten Haus.“ Am Ende aber werden sie eingelassen, und dann gibt es was zu trinken. Manchmal auch etwas zu essen, was nur gut ist, damit der Umzug nicht gar zu früh im Straßengraben endet (alles schon vorgekommen). Vor dem Essen aber muss das Mari Lwyd noch ein bisschen Unterhaltung liefern, es muss wiehern und versuchen, die Leute im Haus zu beißen. Im frühen 20. Jahrhundert schien der Mari Lwyd-Brauch auszusterben, weil einerseits altes Brauchtum nicht hoch im Kurs stand, man wollte doch modern sein, und weil andererseits viele Geistliche dagegen wetterten, da die Herumlauferei in Verbindung mit dem Alkoholkonsum zu furchtbarer Sittenlosigkeit Anlass bieten könnte (leider drückten sich die geistlichen Herren so vage aus, statt uns diese entsetzlichen Schandtaten zu schildern, was uns  doch wirklich interessiert hätte, aus historischem Interesse natürlich nur). Es gibt übrigens vereinzelte Hinweise darauf, dass in einigen abenteuerlustigen Dörfern bisweilen versucht wurde, statt eines Pferdes einen Stier loszuschicken, so ein Stier hieß dann aber nicht Mari Lwyd, und diese Neuerung konnte sich auch nicht durchsetzen. Was nur gut ist, schließlich ist Wales Pferdeland und nicht Stierland!

Gabriele Haefs:

111 Gründe, Wales zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 300 Seiten, Paperback, 14,99 Euro.

 

Zur Buchvorstellung

Liebeserklärung an Wales