Jens Mecklenburg

Herausgeber & Autor

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Die erste Pauschalreise in die Alpen

Thomas Cook: wie alles anfing
1. Mai 2020

Erstveröffentlicht am 24. September 2019

Im Jahr 1863 startete im englischen Yorkshire eine ungewöhnliche Reisegruppe aus drei jungen Männern und vier jungen Frauen zu einer Tour durch die Schweizer Alpen. Es war eine der ersten von Thomas Cook organisierten Pauschalreisen. Auch wenn die Damen in viktorianischen Gewändern unterwegs waren, man sich statt mit dem Flieger zu Fuß, mit der Kutsche, auf dem Dampfschiff, auf Maultieren und mit der Eisenbahn fortbewegte, folgte die in einem Tagebuch dokumentierte frühe Pauschalreise einem bis heute gültigen Muster: Für Sehenswürdigkeiten bleibt nie genug Zeit, wenn etwas nicht klappt, wird der Reisende schnell ungeduldig und die Einheimischen verlangen von Reisenden gerne „Wucherpreise“. 

© Historischer Krug


Von Neppern, Schleppern und Touristenfängern

Das Reisen an sich ist kein modernes Phänomen, denn gereist wurde schon immer, auch wenn sich Reiseziele und –gründe im Laufe der Jahrhunderte immer wieder änderten. Schon im Mittelalter waren wesentlich mehr Menschen unterwegs, als man gemeinhin glaubt. Pilger suchten Vergebung ihrer Sünden, Kaufleute reisten der Geschäfte wegen und Kranke hofften in den ersten Badeorten auf Heilung ihrer Leiden. Im 17. und 18. Jahrhundert kamen dann Bildungsreisen groß in Mode. Zuerst machten sich junge Adelige nach Italien auf – Künstler und gelehrte folgten ihnen später – um ihren Geschmack zu bilden und fremde Sitten und Gebräuche zu studieren. Mittelalterliche Badeorte verwandelten sich in mondäne Kurorte mit Promenaden, Parks und regem gesellschaftlichen Leben. „Die Italienreise“ erlebte im 19. Jahrhundert eine Blütezeit aber auch ganz neue Reiseziele wurden vom aufstrebenden Bürgertum entdeckt: man fuhr zu Schiff rheinauf und rheinab, badete zum Vergnügen auf einmal im Meer und bestieg die höchsten Gipfel der Alpen. Die Freizeitgesellschaft war geboren.  Im 20. Jahrhundert beschleunigte sich die Entwicklung rasant. Der moderne Massentourismus erlaubte es nun auch weniger Betuchten in den Urlaub zu fahren. Heutzutage erfindet sich die Tourismusbranche die Reiseziele gleich selbst. Ferienanlagen entstehen weltweit aus der Retorte und Freizeitparks werden direkt vor der Haustür gebaut. Doch vieles was heute modern anmutet, hat seine Wurzeln in der Vergangenheit. 


Reisen in der Gruppe

Aus der Frühzeit des Pauschalurlaubs gibt es kaum Zeugnisse. Zwar kennt man Reiseliteratur seit Jahrhunderten aber dort werden meist individuelle Abenteuer beschrieben. Umso erfreulicher ist das Erscheinen des Reiseberichts der damals 31-jährigen Britin Jemima Morrell, die 1863 an der ersten von Thomas Cook durchgeführten Pauschalreise in die Schweiz und zum Mont Blanc teilnahm. Ihr Weg führte sie von London über Paris und Genf nach Chamonix, von da übers Wallis ins Berner Oberland nach Luzern und dann wieder zurück. Ihr Tagebuch hat einen beträchtlichen historischen Wert, darüber hinaus ist geistreich und amüsant geschrieben. Ihre Aufzeichnungen beginnt Jemima Morrell wie ein Theaterstück, mit einer Auflistung der handelnden Personen: sie werden typologisiert.  Es gibt Gentleman und Narren, Nörgler und strenge Calvinisten.

Der Leser fühlt sich wie im Theater: Es gibt Szenen, Auftritten und melodramatische Abgänge, auch kommt britischer Humor nicht zu kurz.

Jemima Morrell ist eine patente gebildete Frau mit Selbstironie, die sich nicht so leicht auf der abenteuerlichen Reise einschüchtern lässt und offen die landestypischen Sitten auf sich wirken lässt. Die junge Frau reist um (überschaubare) Abenteuer zu erleben, sich frei zu fühlen und um Neues kennen zu lernen.   

Hansekogge. @ Ingo Wandmacher


Wucherpreise am Wegesrand

Es gibt mehrere Stellen in ihrem Tagebuch, an denen sie sich über so manchen Nepp beklagt. Auf einer Bergtour im Mont-Blanc-Massiv versperren vier junge Frauen der Reisegruppe den Weg, halten den Durstigen Gläser mit Wasser entgegen. Die englischen Wanderer packen begierig zu und zahlen bereitwillig den geforderten Preis, bevor sie einige Meter und Biegungen weiter, die für jeden frei zugängliche Quelle entdecken. Welcher Reisender weiß nicht von solchen Erlebnissen zu berichten? Die junge Lady bewundert gelegentlich die Geschäftstüchtigkeit der Einheimischen. Zuvor schon hatten sich die Pauschalurlauber in Chamonix mit Wanderstöcken ausstaffiert, für die sie umgerechnet zwei englische Pfund das Stück bezahlen, “obwohl sie eigentlich acht Pence kosten sollten”, wie Morrell findet, also nur ein Sechzigstel. “Aber wir zahlten fröhlich, denn so lange dieser offizielle Ausweis des Alpenreisenden nicht erworben war, fühlten wir uns wie die reinsten Anfänger.” Ihre Aufzeichnungen offenbaren viel von dem, was Pauschalurlaube bis heute kennzeichnet. 

Miss Jemima ist eine begabte Beobachterin und eine begnadete Schreiberin. Ihr unterhaltsames und humorvolles Tagebuch brauchte fast hundert Jahre um zufällig in eine Truhe entdeckt und publiziert und weitere 51 Jahre um ins Deutsche übersetzt zu werden. Die Reiseliteratur ist dank des Tagebuchs von Jemima Ann Morrell (1832 – 1909) um ein Schätzlein reicher und sei Bildungs-, Abenteuer- und Pauschalurlaubern gleichermaßen ans Herz gelegt. Auch ihre Frage, wo die Neugier des Touristen in Voyeurismus umschlägt, ist bis heute aktuell geblieben. 

 

Jemima Morrell: Miss Jemimas Journal – Eine Reise durch die Alpen. Rogner & Bernhard, 160 Seiten, 17.95 Euro.