Jens Mecklenburg

Herausgeber & Autor

Zum Portrait

Poesie des Flanierens

Über die Kunst des langsamen Reisens
21. September 2019

Wer wird nicht hin und wieder von Reiselust gepackt? Aber das Glück des Reisenden ist fragil: Wir stehen vor einem grandiosen Sonnenuntergang, können ihn aber nicht genießen, da das nächste Highlight schon auf uns wartet.

Vom Reisen erhoffen sich viele dem Alltag zu entkommen. Wir steigen in ein Flugzeug, um so schnell wie möglich ans Ziel zu kommen. Dort liegen wir neben andere Touristen am Strand – häufig wie Ölsardinen in der Dose – oder wir haken unsere lange Liste von Sehenswürdigkeiten und Fotomotiven ab und wundern uns am Ende der Reise, wenn wir seltsam unbefriedigt zurückkehren. Der englische Schriftsteller Dan Kieran stößt uns auf eine Alternative, entwickelt eine Philosophie des Reisens, die sich jenseits von Massentourismus und Reiseführern abspielt. Er geht zu Fuß, fährt mit Bummelzügen oder lässt sich auf einem Floß treiben. Er liefert sich dem Zufall und dem Chaos der Natur aus, und hat dabei die Erkenntnis gewonnen, dass die langsame Art des Reisens den Blick auf die Welt verändert. Es geht vor allem um die innere Haltung des Reisenden. Der Slow Traveller befolgt die Maximen: Mach keine Fotos, kauf keinen Reiseführer, lass alle Sehenswürdigkeiten weg und heiße Zufälle und Chaos willkommen. Schon Caspar David Friedrich war ein überzeugter Slow Traveller – er wusste es nur nicht. Wenn der berühmte Maler der Romantik nach Rügen reiste, setzte er gemächlich mit dem Segelboot auf die Ostseeinsel über und wanderte dann zu Fuß weiter. Die Kutsche war ihm zu schnell.

Dan Kieran ist ein moderner Geistesverwandter von Friedrich. Kieran fliegt nicht, selbst wenn er von England nach Marrakesch möchte. Er hat Flugangst, er nimmt den Zug. Pauschalurlaub ist nicht sein Ding. Kieran ist überzeugter Anhänger des bewussten, langsamen Reisens. Sein Buch „Slow Travel“ ist eine Ode an die Entschleunigung. Der Reisebuchautor ermutigt die Menschen dazu, sich auf Reisen weitgehend planlos treiben zu lassen. Und in der Tat macht es einen großen Unterschied aus, ob man reist oder sich nur fortbewegt. Der Reisende lässt sich treiben – Handy, Uhr und Reiseführer bleiben im Hotel – und bewahrt sich die Offenheit, Eindrücke nicht nur flüchtig an sich vorüberziehen zu lassen. Er saugt sie auf wie die Luft zum atmen.

Eingleisig nach Sylt. Foto: Sylt Marketing
© Sylt Marketing

Schön langsam

Langsames Reisen hat (wieder) Zukunft, passt es doch perfekt in unsere schnelllebige Zeit. Wann, wenn nicht im Urlaub, kann man besser Entschleunigen? Das Bedürfnis nach Ruhe und Entschleunigung ist groß. Die zunehmende Komplexität und Geschwindigkeit in der Arbeitswelt erschöpfen uns mental. Vom Alm-Urlaub über das Meditationsseminar bis zur Wüstenwanderung reicht heute das Angebot der Tourismusindustrie. Von der asketischen Pilgerreise bis zum luxuriösen Wellness-Urlaub ist für jede Befindlichkeit und für jeden Geldbeutel etwas dabei. Der neue Trend zur Entschleunigung hat eine Wurzel in Italien. Inspiriert durch die Slow-Food-Bewegung, gab es eine Reihe kleinerer italienischer Städte, die sich darauf besannen, dass beim Reisen Genuss und nicht Tempo im Vordergrund stehen sollte. Greve in der Toskana wurde 1999 die erste „Cittáslow“. Bald folgten weitere „langsame Städte” wie Orvieto oder Positano. Von Italien schwappte die Welle dann über ganz Europa.

„Slow Cities“ gibt es heute auch in Ländern wie Portugal, Polen und Deutschland. Dazu gehören zum Beispiel Deidesheim, Nördlingen, Überlingen, Waldkirch und etliche Tourismusorte aus der zweiten Reihe. Sie können mit etwas punkten, was Metropolen wie New York nicht haben: Langsamkeit.

Slow-Tourismus erschöpft sich dabei nicht darin, möglichst gemächlich anzureisen – auch wenn das ein wichtiger Gesichtspunkt sein kann. Slow-Tourismus hat auch mit Entschleunigung im weiteren Sinn zu tun. Mit dem Bedürfnis, sich Zeit für sich zu nehmen, auch der Wunsch, Natur und Umwelt zu erleben, die Landschaft zu erkunden, spielt mit hinein.
 

Hygge. Foto: Thomas Rousing
© Thomas Rousing

Müßiggänger

Dass Urlauber einen Gang runterschalten und zur Ruhe kommen wollen, das sei nichts Neues, sagt auch Martin Lohmann. Sein Institut in Kiel ermittelt jährlich für die Branche, warum die Menschen in den Urlaub wollen: “Abstand zum Alltag und Frische tanken gehören zu den wichtigsten Motiven überhaupt”, sagt der Tourismusfachmann. Auch die TUI wirbt inzwischen mit dem Slogan „Zeit für Gefühle'” und die norddeutsche Tourismusbranche wirbt mit Pauschalangeboten für „Müßiggänger“. Man darf aber feststellen: Alte Wein in neuen Schläuchen. Galt doch Muße schon in der Antike als hohes Gut.

Zum Reflektieren übers Reisen eignet sich unbedingt auch Alain de Botton. Der Kosmopolit und Flaneur, beschreibt in seiner „Kunst des Reisens“ charmant über die Wagnisse des Reisens. Er warnt uns vor der Schlinge der falschen Erwartungen, der Unrast, die uns den Blick auf das Wesentliche trübt. Geschichten und Anekdoten reihen sich an Erzählungen aus seinem Leben und essayistischen Besuchen bei großen Reisenden und Malern, deren Bilder und Bücher unser Sehen verändert hat: seit van Gogh trägt die französischen Provence ganz andere Farben als vorher. De Botton entdeckt wie Dan Kieran die Poesie des Unterwegsseins, der Umwege, des Flanierens, der stilvollen Entschleunigung. Muße statt Action. Vergessen Sie Urlaub. Reisen Sie doch mal wieder.

@. Historischer Krug

Literaturempfehlungen:

Dan Kieran: Slow Travel – Die Kunst des Reisens. Rogner & Bernhard, 250 Seiten, 19,95 Euro.

Alain de Botton: Kunst des Reisens. Fischer-Taschenbuch, 280 Seiten, 9,95 Euro.