Jens Mecklenburg

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Wohnen wie im Schloss

Hotelgeschichten
16. Oktober 2021

„Wenn ich von einem Leben im Himmel träume, dann spielt sich immer alles im Ritz ab.“

Ernest Hemingway
© Sölring Hof

Seit Jahrtausenden reisen die Menschen und müssen Quartier beziehen. Und doch ist das Hotel, wie wir es heute kennen, eine noch recht junge Einrichtung, eine „Erfindung“ des 19. Jahrhunderts. Erst nach 1800, als größere Kreise des Bildungs- und Geldbürgertums die Vergnügungsreise für sich entdeckten, entwickelte sich die Hotellerie. Von Anfang an teilte sich das Hotel in zwei Bereiche, in den Gästebereich, die „Bühne“ zum Repräsentieren und die dafür notwendige Infrastruktur, die vom öffentlichen Bereich streng abgeschirmt ist. Zum öffentlichen Bereich der Luxushotels des 19. Jahrhunderts – mit ihnen begann die Karriere des Hotels, einfachere kamen erst mit dem Beginn des Massentourismus dazu – gehörten Eingangshalle mit Haupttreppe, die Gesellschaftssalons, Speisesaal, Restaurant, Festsaal. Das Zimmerangebot für die Gäste reichte vom einfachen Einzel- oder Doppelzimmer bis zur großzügigen Suite mit Salon, Schlafzimmer und Bad. Der Dienstleistungsbereich umfasste Küche, Wäscherei, Diensttreppen, Service und Rezeption. Wer sich das Hotel nicht leisten konnte, nächtigte im Privatquartier, in Gästehäusern oder Gasthöfen.

Die ersten Hotels, wahre Prachtbauten, unterschieden sich kaum von adeligen Palais des Spätbarocks oder Klassizismus. So geht die Bezeichnung Hotel auch auf das französische Wort für das Stadthaus eines Adligen zurück. Ende des 19. Jahrhunderts, in der Belle Époque, steigerte sich die Prachtentfaltung noch, schuf sich das wohlhabende Bürgertum mit den Grand Hotels eine geeignete Bühne für das gesellschaftliche Leben. Auch an der Wahl der Namen, „Palace“, „Majestic“, „Royal“, lässt sich der Anspruch des Großbürgertums auf Lebensformen, wie sie bis dato dem Adel vorbehalten waren, ablesen. Erfolgreich wirtschaftende Bürger hatten nun die finanziellen Mittel, um sich in einer quasi aristokratischen Umgebung einige Wochen des „Müßiggangs“ zu leisten. Ein breites Angebot an Sälen und öffentlichen Räumen, Lese-, Rauch-, Spiel-, Musik- und Damensalon, bis hin zu eigenen Theatern wurde von den Gästen erwartet und geschätzt.

Auch wenn die Pracht von eins vorbei ist, Heute Profanes häufiger als Luxus anzutreffen ist, bleiben Hotels Orte der Sehnsucht und Verheißung. Ein Hotel kann auch heute noch etwas ganz Besonderes sein.

Altes Gymnasium Husum © Ingo Wandmacher

Hotelgefühle

Wie so oft entscheidet sich alles in der ersten Sekunde. Ein Blick genügt. Manchmal ist es Liebe. Man tritt ein und weiß es. Ein untrügliches Gefühl sagt uns, wie sich die Beziehung gestalten wird. Es geht eigentlich nicht um viel. Es geht nicht um eine Ehe, nur um ein, zwei Nächte, ein, zwei Wochen vielleicht. In Ausnahmefällen kann sich die Sache auch länger hinziehen. Coco Chanel und Vladimir Nabokov lebten in Hotels. Auch Udo Lindenberg residiert seit vielen Jahren in einer Suite des Hamburger Hotels Atlantic. Schön, nichts mehr im Kopf behalten zu müssen als die Nummern von Roomservice und Kreditkarte. 

©Arosa Travemünde 

Hotels sind Orte der Verzauberung. Hier treffen gesellschaftliches Leben und die Privatsphäre des Gastes aufeinander. Menschen kommen an, verweilen ein wenig, reisen wieder ab. Sie essen und trinken, sie lesen, hören Musik, flirten, feiern und schlafen. Ob hinter den „Nicht stören“-Schildern der Zimmer, in der Anonymität der Lobby oder in den Wäschekammern – hier ereignen sich Szenen, die man anderswo nicht erlebt. Vicky Baums Welterfolg „Menschen im Hotel“ handelt davon.


Paris Hilton, Jetset-Sternchen und Liebling der Klatschpresse, sagte einmal: „Ein gutes Hotel lässt mich als Gast zur Wirkung kommen.“ Wie man sich in Szene setzt, bleibt dem persönlichen Stil überlassen, ein gutes Hotel stellt jedem Gast die passende Bühne zur Verfügung, um sich zu produzieren, oder bietet ihm einen Schonraum vor unerwünschter Öffentlichkeit, ganz nach Belieben.

Wie glücklich ein Hotel machen kann, hat der Schriftsteller Joseph Roth nach seinem Aufenthalt im Hotel Savoy im polnischen Lodz schön beschrieben: „Ich wasche mich und schlüpfe langsam ins Bett, jede Sekunde koste ich aus. Ich öffne das Fenster, die Hühner schwatzen laut und lustig, es ist wie süße Schlafmusik. Ich schlafe ohne Traum den ganzen Tag.“ Schöner können die Vorzüge eines Hotels kaum beschrieben werden.

©Strandhotel Glücksburg