Jens Mecklenburg

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Vom Ur- zum Hausrind

Ein Quantensprung für die Menschheit
5. September 2020

Die Kuh hat in Zeiten von Klimawandel ein Imageproblem. Sie rülpst und pupst zu viel Methan aus, bis zu 300 Liter am Tag. Das Treibhausgas der Wiederkäuer ist nicht gut fürs Klima. Die Agrarforschung im Norden hat sich dem Problem angenommen, experimentiert mit verschieden Futterangeboten, sucht Grünfutter, dass weniger Blähungen verursacht. Das Problem dürfte nicht die einzelne Kuh sein, sondern die Masse der Rinder, die heutzutage aus Effizienzgründen fast nur noch im Stall gehalten werden, worunter Rinder wie Kulturlandschaft leiden. Doch wie kam das Rind zum Menschen? Eine kleine Kulturgeschichte. 

©Ingo Wandmacher

Am Anfang stand der Auerochse

Die »Schöpfung« des Hausrindes bedeutete in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit einen Quantensprung. Die ersten Domestikationsversuche mit Hund, Ziege und Schaf hatten unsere jungsteinzeitlichen Vorfahren schon hinter sich, als es ihnen gelang, Kuh und Bulle in ihren Hausstand einzuführen. Es begann das Zeitalter von Ackerbau und Viehzucht, die Voraussetzung für das, was wir heute Zivilisation und Moderne nennen. Auf einmal graste die ehemals gefährliche Jagdbeute friedlich neben der Hütte, und in geschützten Gärten reiften Obst, Gemüse und Getreide zur Ernte heran. Durch das Hausrind waren nun nicht nur die Fleischtöpfe kontinuierlich gefüllt, unsere Vorfahren konnten ihren Hunger auch mit Butter, Milch, Quark und Käse stillen. Aus den Knochen wurden Werkzeuge wie Äxte hergestellt, mit Knochensplittern wurde genäht, geschnitten und geschabt. Mit den Sehnen wurden Flitzebögen bespannt, und Rindertalg erhellte brennend die dunkle Nacht. Ungegerbte Häute lieferten eine wasserdichte Bedachung für Zelte und Hütten, in denen man gut gewärmt unter Rinderfellen schlief, einige Zeitgenossen sogar schon weich auf einer mit Kuhhaaren gepolsterten Matratze. Rindsleder wurde zu Helmen und Schilden verarbeitet – ein guter Schutz vor gewalttätigen Nachbarn. Getrockneter Kuhdung wurde als Brennmaterial eingesetzt, Jauche und Mist düngten die Äcker und sorgten für eine gute Ernte. Und mit einem Ochsen vor dem Pflug wurde die Feldarbeit wesentlich einfacher und effektiver. All unsere Hausrinder stammen vom Ur beziehungsweise vom Auerochsen (Bos primigenius) ab. Er siedelte in weiten Teilen Europas, Asiens und Nordafrikas. Mit einer Länge von über 3 Metern, einer imposanten Schulterhöhe von bis zu 2 Metern bei den Bullen (Kühe 1,50 Meter) und einem stolzen Gewicht von bis zu einer Tonne war der Auerochse bis zur letzten Eiszeit eines der mächtigsten Landtiere Europas. Die nach vorne geschwungenen Hörner wurden bis zu 80 Zentimeter lang. In West- und Mitteleuropa verschwand der Auerochse zwischen 1200 und  1400 nach Christus. Sein Lebensraum wurde immer kleiner, er wurde stark bejagt, und gegen seinen domestizierten Verwandten, das Hausrind, konnte er sich nicht behaupten. Am längsten hielt sich das Wildrind im Gebiet des heutigen Polen. Aber auch dort war seine Zeit bald abgelaufen. 1627 wurde die letzte Auerochsenkuh durch einen Wilderer erlegt. 

©Ingo Wandmacher

Das Hausrind 

Die Haltung von Hausrindern begann vor gut 10.000 Jahren in Anatolien und auf dem südlichen Balkan. Für Mitteleuropa gibt es die ersten Nachweise einer Nutztierhaltung aus dem 5.Jahrtausend vor Christi. Über Jahrtausende hinweg lieferte das Rind zuverlässig Milch, Fleisch und Häute und wurde als Zug- und Arbeitstier eingesetzt. Das Augenmerk der Züchter richtete sich noch im letzten Jahrhundert gleichermaßen auf Milch, Fleisch und Zugleistung. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft wurde die Zugleistung dann überflüssig. Heute werden Rinder vornehmlich zur Erzeugung von Milch oder Fleisch gehalten. Zweinutzungsrinder sind selten geworden, wie insgesamt nur noch wenige Rassen die Zucht von Milchkühen und Fleischrindern dominieren. Knapp 13 Millionen Rinder leben bei uns in Deutschland, davon gerade einmal zwei Prozent in ökologischer Haltung. Sie versorgen uns im Jahr pro Kopf mit 9 Kilogramm Fleisch, 54 Liter Milch und 17,3 Kilogramm Joghurt. Gaben vor 60 Jahren Kühe jährlich noch etwa 5.000 Liter Milch, bringen es moderne Hochleistungskühe dank Kraftfutter und Züchtung auf bis zu 15.000 Liter Milch pro Jahr. Bedenklich ist auch, dass nur noch rund 40 Prozent der Kühe auf der Weide grasen dürfen. Gesund und tierfreundlich ist diese Entwicklung nicht! Und viele alte, regionale Rassen sind vom Aussterben bedroht. Aber es gibt auch Anstrengungen, die Vielfalt der Nutztierrassen und damit wichtige genetische Ressourcen zu erhalten. Besonders bei der Landschaftspflege sind die leichten und robusten alten Rassen wieder gefragt. Ein Hoffnungsschimmer? 

Die Domestikation des Auerochsen rund 8.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung war ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit. Erst das Hausrind machte die heutige Zivilisation möglich. Wenn wir also, in welchem Zusammenhang auch immer, auf ein Rind schauen, sollten wir es als hohes Kulturgut betrachten und es entsprechend würdigen. Kulturgüter gehören geschützt und verdienen eine respektvolle Behandlung.

©Ingo Wandmacher