Johanna Rädecke

Redakteurin

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Sortenreine Brände für Genuss & Artenvielfalt

Edelhof1514
28. Juli 2021

In der Nähe von Osterode, am Rande der sogenannten „Harzer Toskana“ liegt der Edelhof – ein denkmalgeschützter Fachwerkbau von 1514, der bereits seit 4 Generationen in Besitz der Familie ist. Hier stellen Christoph und Heike Siegert, die hauptberuflich Fotografen sind, sortenreine Obst-Destillate in bester Qualität her. Ihre Philosophie: Mit nachhaltiger, ökologischer Landwirtschaft alte Sorten erhalten und diese den Menschen durch Genuss näherbringen. 

©Edelhof1514

Artenvielfalt & Genuss

Idyllisch liegt der Edelhof zwischen Jahrhunderte alten Linden, Streuobstwiesen und viel geschützter Naturfläche. Ein Paradies für Mensch und Natur. „Südniedersachsen ist traditionell ein starkes Gebiet für Streuobst und war neben dem Alten Land einer der Streuobst-Schwerpunkte Norddeutschlands“, erklärt Christoph Siegert. „Das liegt an der Silbermine in Goslar. Die Landesfürsten und der Kaiser legten schon im Mittelalter sehr viel Wert auf eine gute Ernährung der Minenarbeiter und deswegen wurde sehr viel Gemüse und Obst angebaut.“

Die Steillage am Harz macht den Anbau so besonders. „Hier im Terroir gibt es einen Gipskarstgürtel und das ist einmalig in Europa. Durch das eher kontinentale Klima und den nährstoffärmeren Boden müssen sich die etwa 60 Obstbäume Mineralien, Nährstoffe und teilweise das Wasser ‚erkämpfen‘. Von Jahr zu Jahr tragen die Bäume daher unterschiedlich“, so Siegert. „Wir ernten zwar weniger Obst als in anderen Lagen, dafür ist es umso aromatischer.“

Sämtliche Streuobstwiesen der Siegerts befinden sich in Naturschutzgebieten und sind daher die Lebensgrundlage für etwa 3.000 Tier- und Pflanzenarten. Hier findet man Spitzwegerich, wolliges Honiggras, wilde Stiefmütterchen, Sauerampfer, Holunder oder Wiesenkümmel.

Für Feldspitzmaus, Steinmarder, Mauswiesel, Dachs und Igel sind die Streuobstwiese Jagdrevier und Lebensraum. Turmfalken, Rotmilane und Mäusebussarde nutzen die alten Birnbäume und Zwetschgen gerne als Ansitz bei der Jagd.

Die Siegerts pflegen enge und freundschaftliche Verbindungen zum NABU Niedersachsen und der Sielmann Stiftung, die sich für biologische Vielfalt einsetzen. Ihren Obstanbau gestalten sie daher so naturfreundlich, wie es geht. „Unsere Ziele beim Baumschnitt“, so Heike Siegert, „sind nicht die Ertragsmaximierung, sondern Baumgesundheit und Naturschutz“. Und so dürfen auch tote Bäume stehen bleiben und bieten so Lebensgrundlage zahlreicher Insekten und Vögel.

Auch lokales Engagement gehört zu der Arbeit der hauptberuflichen Fotografen: Zusammen mit dem Streuobst e.V. halten sie zum Beispiel eine Apfelallee im Nachbardorfe in Schuss, bestimmen Apfelsorten und informieren Interessierte über alte Sorten. 

©Edelhof1514

Vom Obst zum Brennen

Heike Siegert ist schon als Kind mit der Ernte der alten Apfelbäume aufgewachsen. Bereits ihr Groß- und Urgroßvater haben sich um die alten Sorten gekümmert. Auf den Streuobstwiesen wachsen so wunderbare Sorten wie Schöner von Nordhausen, Laxton Superb und Pfirsichroter Sommerapfel. 2009 beschlossen sie und Christoph, selbst in den Obstanbau zu gehen: „Wir haben uns erst einmal ein Jahr intensiv mit dem Obstanbau beschäftigt, Kurse belegt, den Kettensägenschein gemacht und die zahlreichen Apfelsorten der Region kennengelernt“.

Alte Sorten zu erhalten habe große Vorteile, erklären die beiden Mitglieder des Pomologen-Vereins. Denn so werde gegen die Verarmung des Genpools angearbeitet. „7 von 10 Äpfeln, die man so im Supermarkt kaufen kann, haben die gleiche Heritage“, sagt Christoph Siegert. „Das geht nicht nur zu Lasten der Vielfalt, es bedeutet auch, dass beispielsweise alle Pflanzen für das gleiche Virus anfällig sein können.“

Im Gegensatz zu anderen Brennereien, kommen die beiden „vom Obst“ – lassen sich also nicht mit Obst beliefern, weil sie gerne brennen möchten, sondern brennen, weil sie hervorragendes Obst haben.

Doch nicht nur alte Apfelsorten sind eine Herzensangelegenheit der Siegerts. Das Steckenpferd von Heike ist Wildobst: Mispeln, Mirabellen, Weißdornbeeren, Schlehen, Hagebutten, Zierquitten oder Lindenblüten finden dank ihr den Weg in die Produkte des Edelhofs und in die Verkostungen, die manchmal für „Family & Friends“ im eigenen Fotostudio in Hamburg stattfinden. (Da gibt es dann auch reinsortige Gelees und Chutneys, die im normalen Verkauf nicht zu haben sind)

©Edelhof1514

Die Produkte

Im Laufe der Jahre wuchs die Nachfrage nach ihren Bränden. Um der Nachfrage gerecht zu werden, wurden Kooperationen mit Nachbarn eingegangen, die schon mit Heike Siegerts Großvater befreundet waren – das Brennerpaar kennt also nach wie vor jedes Obst, das in der Brennblase landet. Das liegt nicht zuletzt aber auch an der Größe ihres Teams: „Wenn es dumm läuft, sind wir von der Ernte bis zur Abfüllung zu zweit“, erzählen die beiden lachend. „Aber meist helfen uns Freunde, Bekannte und Nachbarn bei der Apfelernte.“

Zurzeit verkauft der Edelhof 33 Destillate, mehr als die Hälfte davon sind sortenreine Apfeldestillate. Der süß-würzige Duft des Schönen von Nordhausen, der fast ein wenig an rotes Weingummi erinnert, die milde Säure des Augustapfels oder die feinen Nuancen von Honig und Karamell, die beim Gravensteiner anklingen: Wer einmal die subtilen Aromen der regionalen Sorten kennengelernt hat, wird sie und ihre Einzigartigkeit zu schätzen wissen, die natürlich auch in den Bränden zur Geltung kommen. Ob Schöner von Boskop oder Horneburger Pfannkuchen – die individuellen Charaktere der Äpfel spiegeln sich auch im Geist wieder. 

Heike & Christoph Siegert ©Edelhof1514

Weiter finden sich Zwetschgen-, Mirabellen-, Wildkirsch-, Johannisbeer- und Schlehenbrand, Himbeer-, Hagebutten-, Holunder-, Pomeranzen- und Birne-Quitten Destillate im Sortiment. Das klingt viel, doch die Spirituosen sind aufgrund des kleinen Anbaus lediglich in sehr limitierter Auflage erhältlich. Das Maximum der produzierten Menge liegt derzeit bei 400 Flaschen eines Birnen-Quittendestillats. „Vom Pfirsichroten Sommerapfel haben wir beispielsweise nur einen sehr alten Baum. Das ergibt dann 36 Flaschen und ist eine wahre Rarität.“ Alle Tranchen werden persönlich durchsortiert. Bei einer so kleinen Auflage wird jeder Apfel quasi persönlich in die Flasche geleitet.

Der Verkauf findet vor allem im Winter statt, da im Oktober die Haupterntezeit ist. Doch auch zur Osterzeit ist der Edelhof heiß begehrt: Da gibt es wieder Eierliköre, die mit Himbeer- oder Pomeranzengeist angesetzt werden und Champagnercocktails mit fruchtig-intensiven Destillaten. Es empfiehlt sich, die Sozialen Netzwerke zu verfolgen, denn die saisonalen Produkte sind in ihrer kleinen Auflage sehr schnell vergriffen.

Brennen, betont das Ehepaar, ist ein Handwerk. Hier kann man auch viel ausprobieren. Im Augenblick experimentieren die Siegerts nicht nur mit verschiedenen Fasslagerungen, sondern auch mit Naturhefe: „Die gibt ganz cremige Aromen und wir erhoffen uns da Großes“, so Christoph Siegert. Da spricht er wohl auch für Freunde und Unterstützer des Edelhofs. Bei allem Experimentiergeist: Um eine hervorragende Qualität zu gewährleisten, wird beim Brand nur das aromatische qualitativ hochwertige Herzstück des Mittellaufs verwendet.


Prämiert und von Köchen geschätzt

Prämierte Destillate ©Edelhof1514

Dass der Griff zur Edelhof-Spirituose nicht nur lohnend für die Artenvielfalt ist, sondern auch für den Gaumen, beweist das Feedback von berufener Seite. ISW prämierte die Destillate mehrfach mit Gold, der Adersleber Kalvill Apfelbrand wurde 2020 von der DLG zum Apfeldestillat des Jahres gekürt. Bei der Auszeichnung geht es sowohl um das Aroma als auch die Reinheit, Vielschichtigkeit und die Qualität des Produkts. Im Jahr 2019 hat das Bundeslandwirtschaftsministerium den Edelhof mit der höchsten Auszeichnung geehrt: Dem Bundesehrenpreis. Damit gehört die Brennerei zu den acht DLG höchst prämiertesten Destillat Manufakturen Deutschlands.

Auch Köche und Gastronomen sind angetan von den Bränden und Geisten der Siegerts. Sebastian Junge, Slow Food Mitglied und Inhaber des „Wolfs Junge“ in Hamburg, kocht mit den alten Sorten des Edelhofs und Thomas Imbusch, Sternekoch und Inhaber des 100/200 Kitchen in Hamburg, gab sogar eine Privatedition nach seinen eigenen Vorlieben in Auftrag.

©Edelhof1514

Edelhof1514

Heike & Christoph Siegert

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E-Mail: Beratung@edelhof1514.de

 

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