Detlef Jens

Journalist & Autor

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Kulinarische Ankerplätze – Visselulles Vinbar in Sonderburg. Dänemarks kleinste Weinbar 

12. Januar 2024
© Detlef Jens

Dies ist Dänemarks kleinste Weinbar, aber auch die größte, jedenfalls wenn es nach dem Umfang der wirklich außergewöhnlich guten Weinkarte geht. Diese reicht vom einfachen, aber sehr leckeren Trinkwein bis zu ganz großen Tropfen (das ist auch wörtlich zu nehmen, denn die sind teils auch in Magnum-Flaschen erhältlich). Eine Weinkarte wie diese findet man, außerhalb von Kopenhagen oder Paris, so schnell nicht wieder. Es gibt auch einige Flaschen, die, zumindest gefühlt, fast so viel kosten wie das Schiff, mit dem wir an der Pier festgemacht haben. Das ist der nächste große Vorteil dieser wunderbaren Weinbar. Sie befindet sich direkt auf der Pier im Stadthafen von Sonderburg. Wir können also buchstäblich direkt vor der Tür und der Terrasse anlegen.

In dieser Kombination ist das einmalig. Pech für den angehenden Profi-Handballer Kristian Lykke-Krogh, dass eine im Training zugezogene Schulterverletzung das „Aus“ für seine Sportlerkarriere bedeutete. Das allerdings war ein Glück für uns und alle seine treuen und dankbaren Gäste, denn nun wechselte er in die Gastronomie und tauchte tief ein in die Welt des Weines, arbeitete im Dyvig Badehotel, im Hotel d’Angleterre in Kopenhagen, Restaurant Hyttefadet in Skagen, wurde Sommelier und eröffnete dann seine eigene, gemütliche, kleine „Visselulles Vinbar“ in Sonderburg.

Benannt ist sie nach einem kleinen öffentlichen Garten hinter dem Haus. Beziehungsweise einer Hafenarbeiterin, zu deren Gedenken dieser Garten angelegt wurde. Die Hafenfront entlang der Søndergade war einst ein reines Arbeiterviertel, wo Visselulle 1878 geboren wurde. Eigentlich hieß sie Anne Louise Caecilie Rosette Clausen. Sie war groß und soll die einzige weibliche Hafenarbeiterin in der Stadt gewesen sein. Den Spitznamen erhielt sie von ihren Kollegen am Hafen, weil sie an Zahltagen ihren Mann in der Kneipe abholte, ihn über die Schulter warf und ihn nach Hause „visselulle“ (was so viel heißt wie angelte). Tragischerweise starb sie 1914 im Alter von nur 37 Jahren, als sie ausgerechnet während der Konfirmation ihrer Tochter in der Kirche zusammenbrach.

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In dem kleinen, ruhigen Garten auf der Landseite hinter dem Haus können wir über ihr kurzes, aber arbeitsreiches Leben nachdenken. Und zur geistigen Stärkung dann in die charmante, nach ihr benannte Weinbar wechseln und ein Glas oder zwei auf sie trinken. Es muss ja nicht gleich der „Krug“ Champagner für 50.000 Kronen oder der 2019er Corton-Charlemagne Domaine De La Romanée Conti für 130.000 Kronen sein. Visselulles wurde bereits mehrfach für die beste Auswahl an offenen Weinen ausgezeichnet. Das ist ganz besonders angenehm, denn hier gibt es nicht nur die besten Weine, sondern sehr viele davon auch glasweise.

Geöffnet dienstags bis samstags jeweils 15 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag bis 24 Uhr und Samstag auch schon ab 14 Uhr.

Dieser Beitrag erschien auf Literaturboot.de, der Seite für maritime Literatur und Lebensart im Norden.

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