
Der September bringt den Tag eines weiteren großen Heiligen aus Irland: St. Finbarr, irisch: Fionnbarr, der Gründer der Stadt Cork, der zweitgrößten Stadt Irlands. Wir kennen das inzwischen schon: In Irland gibt es immer viele Heilige mit demselben Namen, denken wir nur an die 120 Colmans, die uns im Zusammenhang mit St. Brigid begegnet sind. Bei Finbarr finden sich nur 7, aber auch so wenige können ganz schön Rätsel aufgeben. Der offizielle Finbarr-Tag ist der 25. September, aber am 22. 9. wird eines gewissen Barrfin gedacht, das ist derselbe Name, nur mit vertauschten Silben – beides bedeutet: der mit dem hellen/leuchtenden Schopf, und da wissen wir wenigstens ein bisschen über das Aussehen unseres Heiligen. Barrfin gründete ein Kloster auf einer kleinen Insel im Fluss Sur im County Waterford. Am 21. 5. finden wir einen Finbarr aus Donegal, der zwei Klöster gegründet und nebenbei Amerika entdeckt hat, eine Tat, die offenbar zu Unrecht St. Brendan zugeschrieben wurde. Am 4. 7. gibt es einen weiteren Finbarr, der auf einer Insel im Co. Waterford ein Kloster gegründet hat, am 9. 9. einen Finbarr, über den nichts weiter bekannt ist, am 10. 9. Finbarr von Moville, den Gründer des gleichnamigen Klosters (der teilt seinen Tag mit einem Kollegen mit dem wunderschönen Namen St. Frigidian, der sich aber nach Italien absetzte und deshalb streng genommen nicht als irischer Heiliger durchgehen kann), am 8. 11. einen Mönch aus Idrone, der offenbar nicht einmal ein Kloster gegründet hat. Doch wir lesen auch, dass unser Finbarr eigentlich Lochan hieß, aber wegen seiner leuchtenden Haarpracht eben Finbarr genannt wurde. Und Heilige namens Lochan gibt es auch genug, zum Glück ist über die meisten nichts weiter bekannt.

Der Schutzheilige von Cork
Widmen wir uns also Finbarr von Cork, um den es hier schließlich gehen soll. Er ist eben der Schutzheilige der Stadt Cork, deswegen wird sein Tag nicht, wie das Patricksfest, mit landesweiten Paraden und Besäufnissen begangen. Aber nüchtern geht es bei Finbarr auch nicht zu. Am nächstgelegenen Sonntag gibt es eine Prozession zu seiner Einsiedelei Gougane Barra, idyllisch auf einer kleinen Insel gelegen. Dazu spielt die heute Ballingeary Pipe Band, über Musik in früheren Zeiten ist nichts belegt, dafür zeigte sich der Märchensammler T. Crofton Croker um 1830 geschockt davon, dass die frommen Pilgersleute, die schon am Vorabend auf die Insel kamen, sich statt mit Gebet und Bußübungen die Zeit mit Sex und Suff vertrieben. Angeblich ist das heute nicht mehr so, stattdessen kommt der Bischof von Cork und alle beten den Rosenkranz. Es gibt auf der Insel einen heiligen Quell, der Beulen und Geschwüre heilt. Ursprünglich hauste dort ein fieses Wasserungeheuer, in alten Texten nur als „péist“, Seeschlange, bezeichnet, ohne weitere Beschreibung. Als Finbarr auf die Insel kam, um sich seine Einsiedelei zu bauen, verjagte er das Ungeheuer, welches auf der Flucht zum Meer auf dem Festland tiefe Furchen in den Boden zog und damit das Bett des Flusses Lee schuf. Finbarr hätte nun also zufrieden und von Ungeheuern unbelästigt in seiner Einsiedelei leben können, aber er musste ja die Stadt Cork gründen. Es ist nicht ganz klar, wann der nachmalige Heilige geboren wurde, er starb jedenfalls bei einem Besuch im Kloster Cill na Cluaine in West Cork im Jahre 623. Und er stammte auch aus West Cork, das erzählen alle alten Chroniken. Über seine Kindheit wissen wir kaum etwas, aber irgendwann wurde er zum Priester geweiht und wollte also Einsiedler werden. Aber als es dann so weit war, ließ die Neugier ihm keine Ruhe, und er folgte dem Seeungeheuer, bis er zu einer Anhöhe kam, die mitten in Corcach Mór na Mumhan lag, dem „großen Sumpf von Munster“. Hier, so sprach er zu sich, könnte man doch mal ein Kloster gründen, und das tat er. Das Kloster nannte er Corcaigh, nach seiner Umgebung, und um das Kloster herum siedelten sich immer mehr Leute und Gewerbe an und 1200 Jahre später wurde dort eine Universität gegründet, die sich das schöne Motto gab: „Wo Finbarr lehrte, soll Munster lernen.“ Munster ist die historische Provinz, in der Cork liegt, die anderen heißen Leinster, Ulster und Connacht. „Provinz“ heißt auf Irisch übrigens „cóige“, also Fünftel, woraus man schließen kann, dass es irgendwann einmal fünf Provinzen gegeben hat, aber wo die fünfte lag und wie sie wohl hieß, darüber streiten sich die Gelehrten, und für die Finbarr-Forschung spielt es keine Rolle. In der Stadt wird der Tag des Heiligen natürlich nicht nur mit Rosenkranzbeten begangen, es gibt Straßenfeste, Musik, Tanz, immer neue Imbissbuden, und jedes Jahr werden es mehr.
So schön das alles klingt, wie immer gibt es Gelehrte, die nicht ruhen, bis sie alles bisher fest Geglaubte ins Wanken bringen können. Professor Pádraig Ó Riain, der als größte Autorität für alles gilt, was mit irischen Heiligen zu tun hat, hat nämlich vor etlichen Jahren ein Buch mit dem Titel „Beatha Barra, Saint Finbarr of Cork, the complete life“ veröffentlicht, und darin erklärt er, dass Finbarr gar nicht aus West Cork stammte, sondern aus dem im Norden gelegenen County Down, und, schlimmer noch, dass er nie in Südirland war und die sumpfige Umgebung der späteren Stadt nie betreten hat, weswegen er Cork auch nicht gründen und auch nicht in West Cork das Zeitliche segnen konnte. Die Geschichte der Stadtgründung lässt sich ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen, wo ein Bischof von Cork die ihm unterstellten Ländereien vergrößern wollte. Im umfang- und inhaltsreichen Buch des Professors wird das alles genau erklärt und belegt. Dass das Buch in Cork mit kühlem Schulterzucken ignoriert wurde, hat ihn dann nicht weiter gewundert, unverdrossen hat er nun ein dickes „Lexikon der irischen Heiligen“ zusammengestellt, über das wir zweifellos noch berichten werden.

Was isst die feiernde Menge?
Doch was isst die feiernde Menge am St. Finbarrs Tag? Sehen wir uns die Foodtrucks in den Straßen von Cork an, dann lautet die Antwort: so ungefähr alles. Aber es ist Herbst, Erntezeit, und auch, wenn es keine direkt mit Finbarr verbundenen Speisen gibt, so werden an seinem Festtag doch allerlei Kuchen und süße Aufläufe mit den aktuell reifen Beeren verzehrt, und natürlich Apfelkuchen jeglicher Art. Und sein Tag markiert gewissermaßen den Beginn der Colcannon-Saison. Colcannon ist sozusagen das archetypische irische Weißkohlgericht. Die Bedeutung des Namens ist nicht ganz klar, aber die erste Silbe stammt vermutlich vom irischen Wort „cál“ für Kohl, der Rest könnte sich auf das irische ceann-fhionn beziehen, ein heller/leuchtender Kopf, also einerseits ein Weißkohlkopf, andererseits ein Bezug zu St. Finbarrs hellem Schopf. Die in Cork übliche Variante wird „champ“ genannt, aber warum das nun wieder, scheint wirklich niemand zu wissen. Hier ist ein Champ- bzw. Colcannon-Rezept aus Cork.
Man nehme:
Ca 900 Gramm mehlige Kartoffeln, geschält und in Stücke geschnitten.
Ein Bund sehr klein geschnittene Frühlingszwiebeln.
Ein Viertelliter Milch
4 Esslöffel ungesalzene Butter, und noch einen dicken Klecks für später
Nach Belieben Salz und frisch gemahlenen schwarzen Pfeffer
Zubereitung:
Die Kartoffelstücke in einen Topf legen und mit kaltem Salzwasser übergießen.
Das Wasser zum Kochen bringen, dann 15- 20 Minuten köcheln lassen, bis die Kartoffeln weich geworden sind.
Frühlingszwiebeln und Milch in einen kleinen Kochtopf geben und auf mittlerer Hitze 3 bis 5 Minuten anwärmen, bis die Milch heiß ist und die Kartoffeln ein wenig weich geworden sind. Die Kartoffeln durch ein großes Sieb abgießen, dann für eine Minute in den noch heißen, leeren Topf geben, damit restliche Flüssigkeit verdampfen kann.
Danach die Kartoffeln zerstampfen, bis sich ein glattes Püree ergibt. Langsam die Mischung aus Milch und Frühlingszwiebeln unterrühren. Die Butter dazugeben und alles energisch mit einem Holzlöffel umrühren – in allen Rezepten steht ausdrücklich „energisch“.
Nach Belieben mit Salz und Pfeffer würzen, in flache Schalen geben und in die Mitte einen Klecks Butter legen.
Dazu werden Kartoffelfladen serviert, die für den County Cork typisch sind und auf Irisch „pancóg prátaí“ heißen, Kartoffelpfannkuchen. Eigentlich ein Gericht, um übriggebliebene Kartoffeln zu verbrauchen – zerstampfen und mit Mehl und Butter verrühren, dann auf einer heißen Platte backen – aber am Fest unseres Heiligen werden diese Fladen zur wahren Delikatesse.
Der aus Cork stammende Sänger Tim Lyons (1939 – 2019) singt ein schönes Lied zum Lobe von Colcannon, hier kann man es hören:
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