Gabriele Haefs

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Geheimnisvolle Waliser Kneipen

Versnobte Engländer müssen draußen bleiben
17. Juli 2019

Kneipen gibt es in Wales viele. Das braucht nicht besonders erwähnt zu werden, wir befinden uns schließlich auf den Britischen Inseln. Aber es gibt in Wales ganz besondere Kneipen, geheime sozusagen. Versnobte Engländer haben hier keinen Zutritt.

Kneipen gibt es in Wales viele, das braucht vielleicht nicht einmal erwähnt zu werden, wir befinden uns schließlich auf den Britischen Inseln. Aber es gibt in Wales ganz besondere Kneipen, geheime sozusagen. Vielleicht sind Sie schon einmal im Sommer durch Wales gefahren, waren durstig oder allgemein kneipenlustig und sahen an einer Wegkreuzung oder in einem netten Dorf ein Haus, das aussah, als ob es eigentlich eine Kneipe beherbergen müsste, davor stand sogar ein Pfahl, an dem eigentlich ein Schild hängen sollte… und dann schlossen Sie daraus, dass hier bis vor kurzem eine Kneipe war, die aber leider aufgegeben wurde. Schade, denken Sie und fahren weiter.

In solchen Fällen können Sie annehmen, dass Sie es mit einer geheimen Kneipe zu tun haben. Etwas Vergleichbares gibt es in Irland, zum Beispiel in Dublin (haben wir übrigens schon erwähnt, dass es oft gar nicht nötig ist, über die Irische See nach Irland zu reisen, weil Sie das gleiche auch in Wales haben können?), wo die irischsprechende Gemeinde sich in Kneipen trifft, die nicht gekennzeichnet sind, der durstige Gast klopft an, sagt auf Irisch sein Begehr und ihm wird aufgetan.

In Wales gibt es das also auch, dort nehmen im Sommer die Kneipiers das Kneipenschild herunter und schenken ihr Bier nur noch an Gäste aus, die wissen, dass hier eine Kneipe ist. Das hat den tieferen Sinn, dass sie dann in aller Ruhe unter sich bleiben und Kymrisch sprechen können. Es klingt im ersten Moment vielleicht ungastlich, aber sie alle haben so ihre Erfahrungen mit Touristen aus englischsprachigen Gefilden, die gerne hereinkommen, um zuzuhören, wie die Eingeborenen ihre komische uralte Bauernsprache reden, um ihnen dann zu erklären, man sei inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen und hier auf diesen Inseln habe man Englisch zu sprechen. Von Einheimischen mitgebrachte Gäste sind aber willkommen und dürfen auch Englisch sprechen, wenn sie eben das Pech haben, sich auf Kymrisch nicht verständigen zu können – wenn sie sich also nicht verhalten wie die oben erwähnten ungebetenen Gäste.

Ein Besuch in einer solchen Kneipe ist ein ganz besonderes Erlebnis – man fühlt sich irgendwie konspirativ und hat das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Aber verboten ist es wirklich nicht. Dennoch empfiehlt es sich wohl, nicht einfach irgendwo zu klopfen und zu fragen: „Haben Sie zufällig Ihr Kneipenschild abgehängt?“, es ist bestimmt besser, sich mit Einheimischen anzufreunden und mitnehmen zu lassen.


Singen ohne, aber klingen wie Saiten

In manchen dieser Kneipen kann man, wenn man Glück hat, „Canu gyda’r tannau“ erleben, eine alte Gesangstradition. Übersetzt bedeutet das: „Singen zu den Saiten“, was klingt wie eine esoterische Entspannungstechnik. Wenn man unter diesem Stichwort im Internet sucht, findet man Verweise auf kymrische Liederbücher und für die Harfe gesetzte Melodien, aber das „Canu gyda’r tannau“ hat noch eine andere Bedeutung.

Es sind vor allem sehr alte Männer, die diesen Stil noch beherrschen. Er stammt aus Zeiten, in denen die walisische Landbevölkerung einfach zu arm war, um sich Instrumente leisten zu können, Harfen schon gar nicht. Deshalb singen sie zu zweit, einer singt einfach Töne, die die Harfenbegleitung illustrieren, macht also die Harfe stimmlich nach. Sein Gegenüber singt dazu lange Balladen in einer Art Sprechgesang.

Es ist unklar, wie alt dieser Gesangsstil ist – man hat sofort das Gefühl, diese alten Sänger könnten vorgestern noch König Artus und seine Tafelrunde unterhalten haben – es ist auch möglich, dass irgendwann vor zweihundert Jahren ein altertumsbegeisterter Dorfschullehrer alles erfunden und unter die Leute gebracht hat, die eben keine Instrumente, aber ein großes Bedürfnis nach Unterhaltung hatten. Schriftliche Quellen gibt es kaum, die Gelehrten streiten sich noch, aber das kann uns egal sein.#

Es kommt nicht mehr sehr häufig vor, in Kneipen Canu gyda’r tannau“-Sänger anzutreffen, die Tradition stirbt aus, junge Leute, die sich dafür interessieren, singen nicht in der geheimen Dorfkneipe, sondern auf dem Eisteddfod und auf Festivals, aber dann ist ihre Version des Canu gyda’r tannau modernisiert und ihnen traut man keinen direkten Kontakt zu König Artus mehr zu.

Gabriele Haefs:

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