Gabriele Haefs

Autorin

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Kaninchenland Wales

Von Leckerbissen ohne Fell aber mit Käse
7. September 2019

Auf vielen Speisekarten in Wales findet man Welsh Rarebit. Oh ja, denkt man: „Rare“ heißt „selten“, „rarebit“ muss also „Leckerbissen“ bedeuten, etwas ganz Besonderes. Und so ist es auch. Nur dass der Name ursprünglich eher eine Beleidigung war. Im 18. Jahrhundert, als dieses Gericht zuerst schriftlich erwähnt wird, heißt es ausschließlich ‘Welsh Rabbit’ (walisisches Kaninchen)  – damit wollte man sagen, dass die primitiven Waliser so arm waren,  dass sie sich nicht einmal das billige Kaninchenfleisch kaufen konnten und sich und mit diesem bescheidenen Käsegericht zufrieden geben mussten. Wenn man eine zweisprachige Speisekarte hat, dann sieht man die Wahrheit: Auf Kymrisch heißt es caws pob, was eigentlich ‘gekochter Käse’ ist.

Aber wie wird diese Delikatesse zubereitet? Wir leben in einem Zeitalter der Gastronomie, mit Michelin-Sternchen und anderem Unsinn, und natürlich wollen die Sterneköche alles aufpeppen und mit haarsträubend ausgefallen Zutaten modernisieren, aber wir ziehen die Rezepte vor, die von mancher Nain (Oma) an ihre Enkelkinder überliefert wurden.

Ein Oma-Rezept


Man nehme:

225 gr. starken Käse, ein guter Caerphilly oder ein walisischer Chester, geraspelt

1 großes Ei, leicht geschlagen

2 Esslöffel Bier — nicht Pils, eher Schwarzbier in Deutschland, oder Guinness, den Rest der Flasche kann man während des Kochens trinken. Abstinenzler können hier Milch benutzen.

1 Teelöffel Worcester Soße

1 Teelöffel Senf

Pfeffer nach Geschmack

Brot nach Wahl zum Toasten 


Zubereitung

Einen gehäuften Esslöffel des geraspelten Käses beiseitelegen. Der Rest mit Ei, Bier (oder Milch), Worcester Soße, Senf und Pfeffer mischen.

Das Brot auf einer Seite durchtoasten, und dann auf der anderen leicht toasten.

 Das Brot auf der leicht getoasteten Seite mit der Mischung bestreichen (man kann auch zuerst Butter nehmen.)

Grillen, bis der Käse schmilzt. Sofort auftischen.


Geheimtipp

Im Schloss Harlech gibt es ein neues Café, wo man nicht nur hervorragendes Caws Pob bekommt, sondern auch atemberaubende Aussichten auf das Schloss und die Berge von Snowdonia hat (wenn es nicht regnet, natürlich).


Walisische Kaninchen sorgen für Überraschungen 

Wir wissen jetzt also, dass walisische Kaninchen aus Käse sind. Das war schon Überraschung genug, aber es gibt auch noch die anderen, die wuschelige Sorte mit Fell, und auch die haben es in sich. Zunächst liegt auf der Hand, dass Wales ein Kaninchenland ist, bei den vielen Tunneln! Und weil es ein Bergwerksland ist, hielten viele Kumpelfamilien sich Kaninchen, irgendwo hinter dem Haus war doch selbst in den engen Zechensiedlungen Platz für einen Stall, und so kam man ein seltenes Mal doch in den Genuss von einem kleinen Braten. Gegessen werden Kaninchen heute in Wales eher selten, jedenfalls nicht solche, die zur Familie gehören (in den feinen Restaurants bekommt man ab und zu welche, aber die sind dann aus besonders edler Zucht). Aber gezüchtet und als Haustiere geliebt, werden sie noch immer. Alle walisischen Lokalzeitungen haben ihre Kaninchenspalten, es gibt Unmengen von Foren im Internet, wo Kaninchenfans ihre Erfahrungen austauschen, es gibt Facebookgruppen, und eine kurze Umfrage ergab, dass die derzeit beliebteste Kaninchensorte die Mini Lops sind, die auch auf Deutsch so heißen. Ganz weit abgeschlagen landen „Rhinelander“, die ursprünglich wirklich aus dem Rheinland kommen, in Deutschland aber total in Vergessenheit geraten sind, wie ein Rhinelanderzüchter der zutiefst getroffenen Interviewerin (Rheinländerin!) mitteilen musste. Richtig heimisch in Wales ist eigentlich gar keine Kaninchensorte; Zoologen behaupten jedenfalls, es habe vor 1066 in Wales keine gegeben, die Normannen hätten sie mitgebracht. Burgen und Kaninchen, das ist also das Vermächtnis der Normannen in Wales. Das erklärt vielleicht, warum in der ganzen reichhaltigen mittelalterlichen kymrischen Literatur keine Kaninchen auftreten. 


Kaninchen & Mensch

Wenn wir heute über die Leben und Treiben der Kaninchen in Wales lesen, ergibt sich kein klares Bild. Epidemien der gefürchteten und zwischenzeitlich für ausgestorben gehaltenen Kaninchenpest Myxomatose werden aufgeführt, die die Kaninchenpopulationen in einigen Gegenden von Wales gewaltig dezimiert haben – andererseits machte das Dorf St. Fagans bei Cardiff Schlagzeilen, weil sich die überlebenden Kaninchen von Wales dort offenbar ein Stelldichein gaben und „sich vermehrten wie die Kaninchen“, so ein irritierter Bewohner. Man könne nicht in den Garten gehen, ohne von Kaninchenscharen angestarrt zu werden, die deutlich der Ansicht seien, das sei ihr Territorium, auf dem Zweibeiner nichts zu suchen hätten. Aber in den Garten gehe man ohnehin nicht mehr gern, da die Kaninchen alle Blumen weggefressen hätten. Einige Nachbarn schafften sich deshalb Plastikblumen an, aber auch die wurden von den Kaninchen angeknabbert, dann zwar als nicht genießbar verworfen, aber schön sehen sie dann nicht mehr aus. Nur eine Frau aus St. Fagans äußert sich sehr zufrieden: Die Kaninchen hätten allen Löwenzahn von ihrem Rasen weggefressen, und Löwenzahn konnte sie noch nie leiden. Den von den Kaninchen terrorisierten Menschen kommt niemand zu Hilfe. Kaninchen gelten nicht als Schädlinge, deshalb lacht die staatliche Schädlingsbekämpfung nur höhnisch, wenn jemand aus St. Fagans einen Einsatz verlangt. Man könnte natürlich eine private Schädlingsbekämpfungsfirma anheuern, aber das kostet teuer! Und wer weiß, vielleicht sind es ja ganz seltene Kaninchenarten, die unter Artenschutz stehen! Der Heilige Ffagan (Fagan ist die englische Namensform) wird manchmal als Apostel Britanniens bezeichnet, schon im 2. Jahrhundert kam er nach Wales, um die heidnischen Einheimischen zu bekehren. In der Nähe von St. Fagans gibt es einen nach ihm benannten Brunnen, dessen wundertätiges Wasser angeblich gegen die Fallsucht hilft. Wieso die Kaninchen das alles so anziehend finden, ist bisher ungeklärt. 

„Kaninchen“ heißt auf Kymrisch cwningod, was absolut nichts mit dem englischen „rabbit“ zu tun hat. Ein gelehrtes Werk mit dem Titel „Abhandlungen zur Naturgeschichte, Physik und Oekonomie“ aus dem Jahre 1779 teilt mit, „das Blut der Ochsen, Schafe und Kaningen besteht aus Kügelgen, die mit den Blutkügelgen der Menschen in allen, auch in der Grösse übereinstimmen: folglich scheinen diese Kügelgen die Materie, welche das Blut roth färbt, zu sein.“ Das ist interessant zu wissen, vor allem sehen wir am Beispiel cwningod/Kaningen, dass Kymrisch und Deutsch viel enger miteinander verwandt sind, als viele meinen.

Gabriele Haefs:

111 Gründe, Wales zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 300 Seiten, Paperback, 14,99 Euro.

 

Zur Buchvorstellung

Liebeserklärung an Wales