Gabriele Haefs

Autorin

Zum Portrait

Wales und seine Schafe

Warum Waliser ihren Schafen so schöne Namen geben
20. Juni 2020
© Ingo Wandmacher

Klar ist, Wales ist Pferdeland, nicht Schafland, und das ist eigentlich auch richtig so. Ein Schaf macht in vielen Zusammenhängen nicht so viel her: Der Prinz ritt auf seinem edlen Schaf zum Tjost, das geht nun mal nicht. Auch hier aber sagt ein Blick auf die Landkarte mehr als tausend Worte: Wales ist für Schafe wie gemacht. Die vielen Berge, die Hänge, die Weiden, das alles lädt doch zur Schafzucht geradezu ein. Und folglich haben sich in Wales auch wunderschöne Schafssorten herausgebildet. Die typischen walisischen Schafe sind robust, damit sie sich auch in höheren Berglagen wohlfühlen können. Ihr Fell ist zumeist weiß, wobei Stirn und Wangen ebenso wollelos sind wie die unteren Teile der Beine. Die Böcke haben meistens geschwungene Hörner, die Schafsdamen sind hornlos. Ihr Fell ist dicht und recht lang, und das macht ihre Wolle natürlich beliebt (und Wales-Reisende, die gern stricken, geraten meistens außer sich vor Begeisterung und legen ein Vermögen in echter walisischer Wolle an). Ein so feiner Schafsbestand erregt den Neid des bösen Nachbarn, und um 1880 beschrieb ein englischer Beobachtet das walisische Schaf als „winziges missgestaltetes Tier, dessen strähniges Fell eher an Haare erinnert denn an Wolle.“ Der englische Agrarwissenschaftler Arthur Young (1741 – 1820) schließlich behauptete, das walisische Schaf sei „das verachtenswerteste aller Arten“. Selber verachtenswert!, möchten wir ihm da  zurufen. Aber vielleicht haben sich die walisischen Schafe ja in den vergangenen zwei Jahrhunderten zu ihrem Vorteil verändert? Die heutigen, wie gesagt, bestechen durch ihr dichtes Fell und ihre schmal gezeichneten, edlen Züge. Insofern könnte sich so ein Prinz durchaus mit einem Schaf sehen lassen.

Balwen Welsh Mountain Sheep. © gailhampshire/ wiki commons Lizenz cc-by-sa 2.0

Weißer Blitz & Sommersprossen

Doch welche Sorte sollte unser Prinz wohl aussuchen? Schön ist das Balwen-Schaf (was „Weißer Blitz“ bedeutet!, so prachtvolle Namen haben nur walisische Schafe!), es hat ein schwarzes Fell und ist an Beinen und am Schwanz weiß, es sieht aus wie ein wandelnder Pullover, einfach zauberhaft. Ein anderes Schaf heißt Dachsgesicht, was aber ungerecht ist, sein Profil ist so aristokratisch wie das aller anderen walisischen Schafe. Dachsgesicht tritt in zwei Varianten auf, Torddu (Schwarzbauch) und Torwen (Weißbauch). Hier ist das Tier zweifellos schöner als der Name, während sich beides sonst zumeist die Waage hält. Dann haben wir das Llanwenog, das heißt einfach so nach einer ausgestorbenen Sorte namens Llanweni, es ist schwarz und hat sehr lange Wolle. Den schönsten Namen aber hat Beulah mit dem gesprenkelten Antlitz – dieses Schaf hat wirklich eine Art schwarzer Sommersprossen im Gesicht! 

Das sind nur einige Beispiele für schöne walisische Schafsnamen. Wenn man „Welsh Sheep“ googelt, kann man sich darin festlesen. Walisische Autoren nehmen gern Schafsnamen, wenn sie ihre Romanpersonen benennen. J. D. Oswald, der Verfasser einer gewaltigen Drachensaga belegt zwei ganze Dynastien mit Schafsnamen, und die interessanteste Person von allen ist natürlich Beulah mit dem gesprenkelten Antlitz.

Dass die hier erwähnten und alle anderen walisischen Schafe hervorragend schmecken, braucht vielleicht nicht extra erwähnt zu werden?


Unzucht

Erwähnt werden muss jedoch der skandalöse Umstand (das noch zum Stichwort „der böse Nachbar“), dass englische Bekannte, wenn sie von der Leidenschaft ihrer kontinentalen Freunde für Wales hören, immer wieder darauf hinweisen, dass die Waliser mit ihren Schafen allerlei unappetitliche Dinge anstellen. Aber das ist natürlich alles gelogen. Die Erklärung für diese gemeine Verleumdung ist historisch:

Als im ausgehenden Mittelalter in Wales englische Gesetze eingeführt wurden, stellten die Waliser erstaunt fest, dass Unzucht mit einem Schaf viel geringer bestraft wurde als der Diebstahl eines Schafes. Ein geklautes Schaf kostete den ertappten Dieb eine Hand, im anderen unaussprechlichen Fall kam er oft mit einer Geldbuße oder einer Runde Pranger davon. Und da die Armut in der ländlichen Bevölkerung in Wales immer größer wurde, je mehr sich dort die neuen englischen Herren breitmachten, umso mehr Grund sahen viele, diesen Herren auch mal ein Schaf zu entwenden. Was lag dann näher, als, wurde man erwischt, mit Unschuldsmiene zu beteuern: „Nein, gestohlen habe ich das Schaf nicht, ich wollte nur mal kurz …“ Die Frage ist natürlich, wieso englische Gesetzbücher solche perversen Bestimmungen aufwiesen, aber wir schreiben hier ja schließlich über Wales. Und möchten nur, wie schon im Fall des verachtenswerten Mr Young rufen: „Selber!“, wenn das nächste Mal englische Bekannte solche uralten Vorurteile weitertragen.

 

Gabriele Haefs:

111 Gründe, Wales zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 300 Seiten, Paperback, 14,99 Euro.

 

Zur Buchbesprechung:

Liebeserklärung an Wales