Gabriele Haefs

Autorin

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Von Glibberfisch, Weihnachtsbier und Wichtel

Weihnachten in Norwegen
23. Dezember 2021

Von Süden aus betrachtet wirkt Norwegen wie das absolute Weihnachtsland, sozusagen ewiger Schnee, endlose Tannenwälder und unerschöpfliche Reserven an Rentieren, die dem Weihnachtsmann den Schlitten ziehen können. Der Weihnachtsmann hat auch in Norwegen eine Postadresse und beantwortet die Briefe der Kinder, und neben dem Weihnachtsmann gibt es ja auch noch die vielen Weihnachtswichtel. Umgekehrt ist es übrigens auch so, in Norwegen gibt es die Vorstellung von „Deutschland“ (dieses Deutschlandbild setzt sich allerdings sehr weitgehend aus bayrischen und österreichischen Bausteinen zusammen) als einer Art immerwährendem Schwarzwald, die Weihnachtsmärkte in Norddeutschland ziehen Busladungen von norwegischen Reisenden an, während der große Weihnachtsladen in Rothenburg ob der Tauber das ganze Jahr hindurch von Gästen aus dem Norwegen frequentiert wird. In Norwegen ist auch bekannt, dass sehr viel Weihnachtsbrauchtum aus Deutschland importiert worden ist, allen voran der Weihnachtsbaum, der Weihnachtsmann, die Weihnachtslieder, neuerdings sogar Adventskranz und der Adventskalender. Ab und zu geht dabei etwas schief: Dass in Norwegen ein Weihnachtslied zur Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ gesungen wird, ist so ein Missverständnis. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ist in der norwegischen Fassung genauso unbegreiflich wie in der deutschsprachigen, norwegische Kinder, die Krippenbilder zeichnen sollen, malen allerdings keinen lachenden Owie, sondern eine Bretterbude – sie verstehen die Zeile „Engler daler ned i skjul“ – Engel gleiten heimlich auf die Erde hinab – als „Engel fallen in den Schuppen“, was auf Norwegisch sehr ähnlich klingt. Was den Weihnachtsmann angeht – seit 2003 ist bewiesen, dass der erste „moderne“ Nikolaus nicht aus den USA nach Norwegen kam, bis dahin wurde der Santa Claus der Colareklame von 1931 für den Ursprung gehalten. Aber schon fast hundert Jahre zuvor gab es Bilderbögen aus Deutschland, auf denen der gute Nikolaus zu sehen war, und auch der große Nikolas mit seinem großen Tintenfass hat über die norwegische Ausgabe des Struwwelpeter viel zur Entstehung dieses Weihnachtsmannsbildes beigetragen. Der Nikolaus heißt auf Norwegisch Julenisse und das Wort „nisse“ ist wirklich vom Namen Nikolaus abgeleitet. Dass es aber daneben die vielen Weihnachtswichtel gibt, die auch „nisse“ heißen, macht das norwegische Weihnachtsgewusel ganz schön unübersichtlich. 

©Johanna Rädecke

Weihnachtsbaumpolonaise

Ansonsten ist alles wie hierzulande, vor Weihnachten verschickt man Weihnachtskarten (und es gilt als arger Fauxpas, irgendwen zu vergessen, selbst härtestgesottene maoistische Atheisten schreiben pflichtbewusst ihre Weihnachtskarten an alle, mit denen sie im vergangenen Jahr einen Kaffee getrunken haben, und reagieren zutiefst beleidigt, wenn man ihnen keine schickt). Vor der Bescherung und danach in allen Kaffeepausen bis nach Neujahr gibt es oft Gløgg, eine Art Glühwein, der durch Mandeln und Rosinen ungeheuer satt macht, und Unmengen von Weihnachtsplätzchen. Eigentlich muss man mindestens sieben verschiedene Sorten backen, aber heutzutage ist es gesellschaftlich bereits akzeptabel, sich auf drei zu beschränken oder einige zu kaufen. Viele Familien brauen für das Festmahl am Heiligen Abend noch heute eigenes Weihnachtsbier, es schmeckt ein bisschen wie Malzbier, und es hat so gut wie keinen Alkohol. Geschenke werden am Heiligen Abend verteilt, und anschließend wandert man in einer Art Minipolonaise um den Weihnachtsbaum. Da in den modernen Wohnungen die Wohnzimmer nie so groß sind, dass der Weihnachtsbaum in der Mitte stehen kann, muss alles beiseitegeräumt werden, damit der Baum von der Wand gezogen werden kann. Nach der Polonaise wird dann alles zurückgestellt. Danach wird gegessen, und da gibt es auch in Norwegen unterschiedliche Traditionen. An der Küste oft Fisch, gern Kabeljau, aber auch Würste aller Art und geräuchertes Hammelfleisch sind beliebt, und natürlich der im Winter allgegenwärtige Lutefisk.


Glibberfisch, Reispudding & Wichtel 

Lutefisk, ja. „Laugenfisch“, so die wörtliche Übersetzung, klingt nicht appetitlich, aber keine Angst, richtig zubereiteter Lutefisk schmeckt von sich aus nach nichts. Es ist Stockfisch, der in diese Lauge eingelegt wird, damit er nicht mehr hart und versalzen ist. Danach sieht er glibberig aus, wie ein riesiger gelblicher Gummibär. Serviert wird er mit Specksoße, Erbsenpüree und sehr viel Senf – der perfekt zubereitete Lutefisk also ist wunderbare Kost für alle, die gern Speck und Senf verzehren. Nach dem weihnachtlichen Hauptgericht gibt es immer Reispudding mit Himbeersoße. Im Reispudding ist eine Mandel versteckt, und wer die erwischt, bekommt ein Marzipanschwein. Meistens ist man inzwischen so vollgefressen, dass man das Marzipanschwein erst mal nicht zu würdigen weiß, aber irgendwann im Januar ist man dann meistens froh über diese Möglichkeit zu einer süßen Zwischenmahlzeit.  

©Johanna Rädecke

Ehe das alles aufgetischt wird, kommt aber wieder der Nisse zu seinem Recht. Ursprünglich hatte jedes Haus einen Nisse, der irgendwo auf dem Dachboden oder in einem Schuppen hauste und sich nur selten sehen ließ. Es ist ungeklärt, wie das heutzutage in der Stadt ist, sind die Wichtel mitgezogen, als auch in Norwegen die Landflucht einsetzte, oder gibt es nur noch eine Restpopulation auf den verbliebenen Höfen? Man weiß es nicht, und man geht lieber kein Risiko ein. Zu Weihnachten gehört es sich ganz einfach, dem Hauswichtel ein Schüsselchen mit Weihnachtsbrei hinzustellen, und selbst gestandene Naturwissenschaftler, die das ganze Jahr hindurch über jede Art von Aberglauben erhaben sind, folgen diesem Brauch. Denn das, so beteuern sie auf die Fragen der erstaunten Gäste aus dem Ausland, sei ja gar kein Aberglaube, sondern Tatsache. Der Wichtel wartet auf seinen Brei, und man weiß nicht, was passiert, wenn er ihn nicht bekommt. 


Brei oder Sixpack

Ein Problem, dem sich offenbar noch niemand so richtig gewidmet hatte, tauchte in Anfragen an die norwegische Botschaft in Berlin auf. Beim urbanen Lebensstil, wo alles so schnell gehen muss, haben da wirklich alle Familien Zeit, für den Wichtel den vorschriftsgemäßen Brei zu kochen? Und wenn sie z.B. in einem Reihenhaus oder einem Wohnblock wohnen, wohin stellen sie den Brei, der ja in die Scheune gehört? Da diese Frage in Norwegen total unerforscht war, musste sich ein dazu abkommandierter Botschaftsrat eine Antwort ausdenken. Weihnachtsbrei, Weihnachtsbier, es geht um das Festmuster und ein Fall von Requisitenverschiebung macht sich in der Brauchtumsbeschreibung immer gut, muss er gedacht haben, und so lautete dann die Antwort: Nein, oft reicht die Zeit nicht zum Breikochen, so wenig, wie zum Brauen des althergebrachten Weihnachtsbieres. Deshalb wird der Familienvater ausgesandt, um für den Hauswichtel einen Sixpack Pils zu erstehen. Der Sixpack wird in die Garage gestellt und kann dort vom Wichtel abgeholt oder an Ort und Stelle konsumiert werden.

Was der Wichtel übriglässt, darf der Hausvater dann am nächsten Morgen austrinken.

Ein schöner, zeitgemäßer Brauch, finden Sie nicht? Diese Beschreibung geistert seit zwei Jahren durch die deutschsprachige Presse und wird damit langsam zur modernen Wandersage, aber, leider, glauben Sie kein Wort, es ist alles erfunden. Der wahre norwegische Wichtel bekommt zu Weihnachten Brei oder gar nichts!

Denn wenn er etwas anderes bekommt, geht es immer schief. Das berichtet ein in Norwegen in vielen Varianten verbreitetes Märchen: 

Es war einmal ein Hofwichtel, mit dem die Bauersleute sehr zufrieden waren. Der Wichtel hütete die Tiere, vor allem die Pferde wurden vorbildlich versorgt. Wenn der Bauer mit der Arbeit fertig war, brauchte er sich nie mehr um die Pferde zu kümmern – das erledigte ja der Wichtel. 

Der Bauer und die Bäuerin schätzten ihren hilfsbereiten Wichtel natürlich sehr und wollten ihm das auch zeigen. An Festtagen stellten sie ihm immer den feinsten Sahnebrei in die Scheune, und zu Heiligabend gab die Bäuerin einen ganz besonders dicken Klecks Butter hinein, so dass der Weihnachtsbrei richtig lecker und fett wurde.

Doch als sich das Weihnachtsfest wieder näherte, kamen Bauer und Bäuerin auf die Idee, dem 

Wichtel ein ganz besonderes Geschenk zu machen, weil er immer so tüchtig und hilfsbereit war. Die Bäuerin nähte ihm deshalb eine Hose aus allerfeinstem Leder und legte sie abends in der Scheune neben die Breischale.

Am Weihnachtsmorgen wütete ein Schneesturm, aber die Bauersleute fuhren trotzdem zur Kirche, wie der Brauch es verlangte. Bei ihrer Rückkehr spannten sie die Pferde auf dem Hofplatz aus, liefen dann aber eilig ins Trockene – der Wichtel würde schließlich den Rest erledigen.

Als der Bauer nachmittags auf den Hofplatz trat, sah er zu seinem Schrecken, dass die Pferde noch immer nass und verfroren dort standen. Rasch brachte er sie in den Stall, nahm ihnen das Zaumzeug ab, rubbelte sie mit einem Heubündel trocken, gab ihnen Futter und Wasser. Danach kletterte er zu dem Wichtel auf den Heuboden und verfluchte ihn auf ganz unweihnachtliche Weise, weil der Wichtel seine Arbeit nicht getan hatte. „Aber das konnte ich doch nicht“, verteidigte sich der Wichtel, „bei dem schrecklichen Schneesturm konnte ich nicht rausgehen. Dann wäre doch die feine Lederhose nassgeworden!“

©Johanna Rädecke

 

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