Gabriele Haefs

Autorin

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Norwegische Gebäckforschung

Ein Zuckerkuchen namens Napoleon
25. September 2020

Ein in Norwegen sehr beliebter Kuchen heißt Napoleonskake, also, „Napoleonskuchen“. Zum vollendeten Kuchengenuss gehört dabei, dass jemand in der Tafelrunde sagt: „Politisch kann man ja von Napoleon halten, was man will – aber Kuchenbacken, das konnte er.“ Und alles lacht, auch beim tausendsten Mal. Doch hat der Kuchen wirklich etwas mit Napoleon zu tun, mehr als Bismarck mit dem Hering und Leibniz mit dem Keks? Ein Blick auf den Kuchen oder ein Biss in denselben helfen uns nicht weiter. So ein Napoleonskuchen ist ein Gebäck aus Blätterteig, zwischen Deckel und Boden befindet sich eine mindestens drei Finger breite Schicht Vanillecreme. Der Deckel ist überzogen mit einer dicken Schicht Zuckerglasur, die richtig schön knirscht, wenn man hineinbeißt. In manchen Bäckereien bekommt man den Napoleonkuchen allerdings auch mit einem knusprigen Deckel aus Mandelmasse, dann ist es eigentlich schon fast ein Bienenstich, heißt aber weiterhin Napoleonskuchen. Und dann gibt es noch die Variante ohne Vanillecremefüllung, dafür mit Schlagsahne – ebenfalls Napoleonskuchen.

Hier kommt ein Rezept, das sich so in vielen norwegischen Kochbüchern findet, und es wurde von meiner Schwiegermutter beglaubigt und ist damit über jeden Zweifel erhaben.

©Georges Seguin (Okki) / Wiki Commons. GNU Free Documentation License, Version 1.2

Napoleonskuchen

ca. 6 Portionen


Zutaten

2 Lagen Blätterteig

Für die Füllung:

8 Blätter Gelatine

50 ml kochendes Wasser

300 ml fertige Vanillecreme

250 ml Schlagsahne

Rumaroma

für die Glasur:

200 ml Puderzucker

ein Teelöffel Eiweiß


Zubereitung

Den Backofen auf 225 Grad einstellen. Den Blätterteig ca. 15 Minuten auf dem Backblech auftauen. Dann ausrollen, bis er doppelt so breit ist. Mit der Gabel einstechen, dann mit einem scharfen Messer in vier gleich große Teile schneiden. Im Backofen backen, bis sie aufgegangen und braun sind. Auf einem Rost abkühlen lassen.

Die Gelatineblätter ca. 5 Minuten in kaltes Wasser legen. Das Wasser ausdrücken. Gelatine in  kochendem Wasser auflösen. Abkühlen lassen, dann mit der Vanillecreme mischen. Mit Rumaroma abschmecken. Die geschlagene Sahne vorsichtig unterheben. Die Creme beiseitestellen und dick werden lassen.

Aus Puderzucker und Eiweiß eine Glasur herstellen, wenn gewünscht, mit Rumaroma anreichern. 

Dann die Creme auf der Hälfte der zurechtgeschnittenen Platten verteilen. Die andere Hälfte mit der Puderzuckerglasur bestreichen, die Deckel auf die Böden mit der Creme legen. 

(Mit echtem Rum schmeckt es übrigens noch besser!)


Kuchenspaß nicht nur auf Kindergeburtstagen

Ein beliebtes Spiel nicht nur bei Kindergeburtstagen, ist ein Wettbewerb: Wer schafft es, ein Stück Napoleonskuchen zu verzehren, ohne den Deckel abzunehmen? Und der Dichter André Bjerke schwärmt: „Kann man sich einen klassischer aufgebauten Kuchen überhaupt vorstellen? Ein rechteckiger Architrav aus Zuckerglasur mit einer tragfähigen Säule aus Eiercreme!“

Das erklärt aber noch immer nicht, was Napoleon damit zu tun hat. Der in Norwegen hoch angesehene Sprachprofessor Sylfest Lomheim hat die Erklärung! 1806 hatte Kaiser Napoleon, der gerade dabei war, sich ganz Kontinentaleuropa zu unterwerfen, eine Einfuhrsperre für Waren aus den britischen Kolonien verfügt. Seine Kriegsschiffe sorgten dafür, dass dieses Verbot auch eingehalten wurde – und viele Waren wurden deshalb unerschwinglich teuer, eben auch Rohrzucker. Schon im 18. Jahrhundert waren Verfahren entwickelt worden, um aus Runkelrüben Zucker zu gewinnen; diese Verfahren wurden in der Not eilends veredelt, und schon konnte man vor Zucker knirschenden Kuchen verzehren. Von Napoleons Politik mochte man weiter halten, was man wollte, aber den Kuchengenuss konnte sie den Norwegern nun nicht mehr verderben. Das sagt Professor Lomheim, und es klingt natürlich wunderbar. Vielleicht zu wunderbar? Das gelehrte Wörterbuch der Norwegischen Akademie hat eine viel prosaischere Erklärung: „Vermutlich abgeleitet vom französischen gâteau napolitain, also „neapolitanischer Kuchen“. Überzeugend, klar, aber so langweilig. Bleiben wir bei Napoleon und trinken wir eine schöne Tasse Kaffee zum Kuchen. Am besten am 7. November, denn der ist auf der Liste der norwegischen Merktage der Tag des Napoleonskuchens.


Ein Bäckertipp

Napoleonskake gibt es überall in Norwegen, aber den besten in Oslo servieren vermutlich die Filialen der Bäckereikette Samson (22 an der Zahl). Samsons Bäckereien sind inzwischen in der fünften Generation im Familienbesitz. Der Gründer war der Sohn eines deutschen Wanderschneiders; er wurde 1871 in Oslo geboren und erhielt den schönen Namen Wilhelm Bismark Samson. Die eigenwillige Schreibweise „Bismark“ ist wohl eher einem schusseligen Standesbeamten zu verdanken als tieferen Überlegungen der Samsoneltern. Und hier schließt sich der Kreis. Bismarck und Kaiser Wilhelm hatten soeben dem französischen Kaiser Napoleon III das Handwerk gelegt – da musste ein auf beider Namen getaufter Bäcker doch mit Napoleonskuchen brillieren. In den Filialen von Baker Samson gibt es zudem noch richtig guten, echten Filterkaffee!