Gabriele Haefs

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Seeungeheuer

Norwegen ist ein Paradies für Seeschlangen
11. März 2019

Seeschlangen hatten eigentlich noch nie eine gute Presse. Alles Mögliche wurde ihnen unterstellt: Angeblich verschlangen sie Schiffe mit Mann und Maus und zwischendurch auch mal eine Insel, brachten Unglück und Seuchen, nein, eine Seeschlange wollte man nicht in der Nachbarschaft haben. Heute gelten sie so ungefähr als ausgestorben, nur im schottischen Loch Ness soll eine überlebt haben, und Versuche zur Wiederansiedlung werden auch nicht gemacht. In Norwegen aber ist alles anders, da werden die Seeschlangen gehegt und gepflegt, genauer gesagt, sie würden gehegt und gepflegt werden, wenn das nur so einfach wäre.

© Omar Roque / Unsplash

Seeschlangen wollen ihre Ruhe haben

In jedem See haust eine Seeschlange, hört man in Norwegen. Nicht in den Fjorden, aber sind da die vielen Kreuzfahrtschiffe, andererseits darf in Norwegen Industrieabfall in Fjorde geleitet werden, man kann die Seeschlangen schon verstehen. Sie wollen offenbar ihre Ruhe haben und verkriechen sich auf dem Seegrund, ähnlich wie ihre bekanntere Kollegin in Schottland. Durch zuverlässige Augenzeugenberichte belegt sind eigentlich nur zwei.

Die bekanntere wohnt im See Mjøsa in der Nähe der alten Bischofsstadt Hamar. Das tat sie jedenfalls, so richtig weiß niemand, wo sie sich derzeit herumtreibt. Über ihr Aussehen wissen wir dagegen ziemlich genau Bescheid, und zwar durch die sogenannte Hamar-Chronik, die irgendwann gegen Ende des Mittelalters aufgeschrieben wurde. Dort heißt es:

 „Ihre Augen waren groß wie Fassdauben, und ihre lange schwarze Mähne hing weit über ihren Hals hinab. Sie war nun so hoch auf die Schäre gestiegen, dass sie so schnell nicht mehr herunterkonnte. Deshalb griff einer der Bischofsknechte, der ein wahrer Waghals war, einen stählernen Bogen und schoss der Schlange viele Pfeile ins Auge, aus dem schließlich so viel grüner Eiter quoll, dass sich das Wasser im See grün färbte. Ebendiese Schlange bot einen grausigen Anblick, und wies ihre Haut viele Farben auf.“ Es gibt noch weitere Beobachtungen, alle zu Papier gebracht von vertrauenswürdigen Gewährsleuten (Pastoren, Historikern, Schullehrern). Immer, wenn die Schlange sich gezeigt hatte, suchte bald darauf ein furchtbares Unglück die Gegend heim. Das ging so bis zu Beginn des 18.  Jahrhunderts. Da tauchte die Schlange auf und alles hielt den Atem an – welcher Schicksalsschlag stand den Städten am Mjøsa nun wohl bevor? Doch es geschah – gar nichts. Jedenfalls nichts, was schlimm genug gewesen wäre, um mit der furchtbaren Schlange in Verbindung gebracht werden. Dieser verpatzte Auftritt war dem armen Lindwurm offenbar oberpeinlich, seither hat er sich nicht mehr blicken lassen und wird heute, wo überall nach Tourismusmagneten gesucht wird, ganz besonders schmerzlich vermisst.

© Ross Sokolovski / Unsplash

Selma taucht ab

Die zweite prominente norwegische Seeschlange hat sich den See Seljordsvannet in Telemark zum Domizil auserkoren. Dort taucht sie, wenn wir den Zeugenaussagen glauben dürfen, mit Vorliebe an warmen, stillen Sommerabenden auf. Sie scheint große Ähnlichkeit mit der schottischen Kollegin zu haben. Einige Aussagen weichen allerdings ab und beschreiben sie eher als ein überdimensionales Seepferdchen. So ähnlich sieht sie auch im Wappen der Gemeinde Seljord aus, die sich seit 1989 ihr prominentes  Seeungeheuer zum Wappentier gewählt und ihr den Namen Selma gegeben hat. In Seljord hofft man natürlich, dass Selma Touristen in die Gegend locken und die Stadtkassen füllen wird. Aber, Vorsicht – das sagt der hauptberufliche Seeschlangenforscher Jan Ove Sundberg. Aus den vorliegenden Beschreibungen schließt er, dass Selma 10 Meter lang ist, Ähnlichkeit mit einer Anakonda hat und für Menschen lebensgefährlich sein kann, wenn sie sich bedroht fühlt. Ob sie Menschen verschlingt, kann er allerdings nicht garantieren. Jeden Sommer, an stillen, warmen Abenden eben, versucht Herr Sundberg, die arme Schlange zu fangen, bisher hat er sie allerdings noch nicht einmal aus der Nähe gesehen (aus der Ferne übrigens auch nicht). Interessant ist, dass der erste schriftliche Bericht über die Seljordsschlange erst 1750 verfasst wurde. Damals hat sie angeblich ein Ruderboot zum Kentern gebracht, mit dem ein Mann aus Bø gerade sein Umzugsgut über den See transportierte. Der Mann hatte allerdings stark den Eindruck, dass der Schlange das Malheur selbst peinlich war, offenbar war sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort aufgetaucht. Mehrmals wurden Taucher in den See geschickt, um die Schlange zu fotografieren und Genaueres über sie in Erfahrung zu bringen, aber dann versteckt sie sich, was man ihr ja nicht übelnehmen kann.

Doch wenn wir bedenken, dass die Mjøsa-Schlange Anfang des 18. Jahrhunderts aus der Gegend von Hamar verschwunden ist, und dass erstmals um 1750 im Seljordsvann eine Seeschlange gesichtet wurde, fragt man sich doch, ob es sich nicht um dieselbe handeln kann – es wäre doch verständlich, wenn die Seeschlange sich nach dem Fiasko ihres letzten Auftritts vor Hamar dort nicht mehr blicken lassen wollte und nach Telemark ausgewandert wäre, um dort auf dem Grunde des tiefen Sees ihre Wunden zu lecken? Dieses Rätsel harrt noch der Aufklärung, und das macht Reisen an die norwegischen Binnenseen noch einmal besonders attraktiv.

© Marko-Blazevic / Unsplash

Von Wolken aufgesogen

Wenn die erste Begeisterung über das Vorkommen von Seeschlangen abgeebbt ist, stellt sich dem kritischen Geist natürlich unweigerlich die Frage: Wie kommen Seeschlangen, die ja seit altersher als Meeresungeheuer bekannt sind, in Binnenseen, und wie vermehren sie sich? Dieses Problem hat schon frühere Generationen beschäftigt, und schon die erste naturwissenschaftliche Beschreibung Norwegens, im Jahre 1599 von dem gelehrten Pastor Peder Claussøn Friis, veröffentlicht, wusste die Antwort. Die winzig kleinen Seeschlangeneier werden von den über das Meer dahinziehenden Wolken aufgesogen. Die Wolken ziehen weiter, und über dem Land lassen sie die Eier, zusammen mit Regen, nach unten fallen. Hat so ein Ei Glück, landet es in einem gastfreundlichen Binnensee und kann dort heranwachsen. Überzeugend, nicht? Jedenfalls besser als die Behauptungen moderner Wissenschaftler, die gar nichts erklären können und uns deshalb weismachen wollen, Seeschlangen gebe es gar nicht!

© Schwarzkopf Verlag

Gabriele Haefs

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