Ein Beitrag von Martin Hüdepohl

Dass die englische Sprache ihren Ursprung in Norddeutschland hat, dürfte weitestgehend bekannt sein: Aus den Sprachen der Angeln im Lande Schleswig und der Sachsen in Holstein und Niedersachsen entwickelte sich bei uns das Plattdeutsche – und in Britannien das Englische.
Weit weniger bekannt ist jedoch, dass nicht nur die Weltsprache bei uns wurzelt, sondern auch das bekannteste Fast-Food-Gericht der Welt – der Hamburger! Der Name geht nämlich keineswegs auf das englische Wort für Schinken zurück, sondern auf die norddeutschen Erfinder dieses kulinarischen Weltkulturguts. Hamburger Auswanderer importierten ihr geliebtes Kneipenessen „Rundstück Warm“ nach Amerika – ein rundes Brötchen mit Schweinebraten, Bratensauce und eingelegtem Gürkchen – und passten das Rezept geschickt an die dortige Barbecue-Kultur an. Statt Schweinebraten gab’s eine gegrillte Rinderbulette, statt Bratensauce Ketchup und Senf. Damit glänzten sie auf Grillabenden und machten ihr Gericht bald in den ganzen USA berühmt. Die Firma McDonald’s erkannte schließlich das Potenzial und verhalf dem „Hamburger“ zu Weltruhm.
Warum eigentlich „Rundstück“?
Das Wort „Rundstück“ war nicht nur der norddeutsche Ausdruck für ein Brötchen – es spiegelt auch ein Stück norddeutscher Mentalität wider: unser Bedürfnis für das Schöne im Einfachen. Während man im Süden schon früh begann, die schlichte Teigkugel, aus der jedes Brötchen entsteht, kunstvoll zu formen – man denke an Kipf, Kipferl, Spitzweck, Kaisersemmel oder die Brezn – beließ man es im Norden bei der ursprünglichen Form. Die Kugel kam einfach so aufs Blech, vielleicht noch in Saaten getaucht – ganz nach dem Motto: Warum etwas verändern, das bereits perfekt ist?
Heute ist das „Rundstück“, der schlichte, runde Urahn des „Burger Buns“, in Norddeutschland aber nur noch selten zu finden. Auch hier haben sich komplexere Formen mit allerlei Faltungen und Schnitten durchgesetzt. In Dänemark jedoch ist „Rundstykker“ bis heute der gängige Begriff für normale Weizenbrötchen – und so sehen sie dort auch noch aus.
Dänische Rundstykker – die Ähnlichkeit zum „Burger Bun“ ist nicht zu verkennen
Soweit die spektakuläre, wenn auch wenig bekannte Erfolgsgeschichte des „Rundstück Warm“.

Noch viel, viel weniger bekannt ist jedoch eine erstaunliche Entdeckung, die ich selbst erst vor etwa einem Jahr machte: Der Hamburger Imbissklassiker besitzt einen Bruder in Kiel! Ein Braten-Brötchen mit ebenso langer Geschichte und Tradition, das allerdings – im Gegensatz zum weltgewandten „Rundstück“ – die Grenzen seiner Heimatstadt niemals überschritten hat. Es trägt den schönen Namen „Poller“.
Diese Benennung scheint geradezu perfekt für diesen geheimnisvollen Snack – verweist sie doch sowohl auf seine knubbelige Form als auch auf seinen mutmaßlichen Ursprungsort. Der Legende nach wurde der Poller nämlich erstmals am Kieler Fischmarkt feilgehalten – just an jenem Ort, wo die namensgebenden Poller zum Festmachen der Fischerboote das maritime Stadtbild prägten.
Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem „Poller“ – oder „Kieler Poller“, wie Auswärtige ihn nennen? Wo lässt er sich heute noch aufspüren? Und vor allem: vermag er geschmacklich mit dem Hamburger, seinem weltberühmten Neffen, zu konkurrieren?
Seine Geschichte soll hier erzählt werden.
Rundstücks kleiner Bruder
Erstmals begegnete mir der Begriff „Kieler Poller“ auf einer Feier in meiner Heimatstadt Eckernförde. Damals überboten sich am Nebentisch einige nostalgisch gestimmte Trinker mit Anekdoten nächtlicher Alkoholexzesse in den 1980er-Jahren, für die sie eigens nach Kiel gereist waren.
Obwohl ich versuchte, wegzuhören, drang dieses eine Wort immer wieder an mein Ohr: „Poller“. Die Zecher priesen ihn als jenes Nahrungsmittel, das sich während intensiver Druckbetankung als wohltuende, magenberuhigende Zwischenverpflegung bewährt hatte.
Mein Interesse war sofort geweckt und ich mischte mich in die Unterhaltung ein; ließ mir dieses kulinarische Kuriosum genauestens beschreiben: Ein schlichtes Weizenbrötchen, in dem eine Scheibe Rollbraten aus Schweinebauch liegt – darüber Sauerkraut und ein Klecks Senf, eventuell auch Zwiebeln (darüber bestand Uneinigkeit).
Natürlich erinnerte mich dieses Konzept eines Brötchens mit Schweinebraten als schnelles Kneipenessen sofort an das Hamburger Rundstück Warm!
Bei nächster Gelegenheit kochte ich das Rezept nach. Besonders gefiel mir dabei, wie passgenau sich eine kreisrunde Scheibe Rollbraten an die Form einer Brötchenhälfte anschmiegt – deutlich eleganter und ergonomischer als beim klassischen Rundstück Warm, bei dem die eher länglichen Bratenscheiben Überhänge bilden, welche unweigerlich zu unhygienischen Bratensaucen-Abtropfkanten werden.
Das Ergebnis meiner Kochversuche überzeugte mich jedoch nicht restlos. Also beschloss ich, die Kochmütze an den Nagel zu hängen – und mich stattdessen auf die Suche nach einem echten Poller aus Kiel zu begeben.

Die Pirsch nach dem Poller
Doch meine Recherche nach Anbietern dieser Spezialität förderte Erschreckendes zutage: Der Kieler Poller ist akut vom Aussterben bedroht! Bis etwa 2023 boten ihn noch die Kneipe „Die Gaslaterne“ sowie die „Ringlstetter Wurstbraterei“ beim Kieler Hauptbahnhof an. Heute jedoch bleibt nur noch die kleine „Fleischerei Damlos“, welche dieser einst beliebten Kieler Zwischenmahlzeit noch eine Heimat bietet.
Es versteht sich von selbst, dass ich bei nächster Gelegenheit Damlos – diesen letzten Gralshüter – aufsuchen würde, um die einzig verbliebene Möglichkeit zu nutzen, einen echten Kieler Poller zu kosten, bevor er die Weltbühne verlässt.
Wenige Wochen später war es dann so weit: Ich stand ehrfurchtsvoll vor meinem Ziel – Damlos, Fleischerei und Partyservice. Ein liebenswürdiger, aus der Zeit gefallener Betrieb. Als einziges Geschäft weit und breit duckt er sich unter einer endlos wirkenden Reihe von Wohnblöcken in der Rendsburger Landstraße – als hätte der Zeitgeist ihn dort einfach übersehen.
Das also war sie: die letzte Bastion des Kieler Pollers – seine einzige verbliebene Heimstatt, seine Trutzburg.

Doch zu meinem Erstaunen deutete bei Damlos rein gar nichts auf die Anwesenheit des Pollers hin! Kein Spruch an der Glasfassade wie „Kieler Poller – Festmachen und Reinbeißen“, kein Exemplar in der Auslage, nicht einmal eine Erwähnung auf der Angebotstafel oder der Speisekarte. War ich … zu spät?
Zaghaft fragte ich nach – worauf mich Fleischereifachverkäuferin entgeistert ansah, als hätte ich gerade das „P-Wort“ ausgesprochen. „Einen Poller? Noch um diese Uhrzeit??“ Es war kurz nach Mittag. Anscheinend hatte der Poller in den letzten 40 Jahren eine Wandlung von einem mitternächtlichen Zecher-Snack zu einem deftigen Handwerkerfrühstück durchgemacht. Jedenfalls war er ausverkauft.
Einige Monate später versuchte ich es noch einmal, aber schlauerweise mit Vorbestellung. Dieses Mal wurde ich vom sympathischen Chef persönlich bedient. Als ich ihn auf den Poller ansprach, bekam sein Gesicht einen wissenden Ausdruck, und er verschwand erstmal für längere Zeit in seinem Backoffice.
Als er schließlich zurückkehrte, überreichte er mir ein warmes, dick eingewickeltes Paket – nicht ohne mir dringlich einzuschärfen, dies auf keinen Fall im Laden zu öffnen. Man sei schließlich keine Binnengastronomie. Ich versuchte noch, ihm spannende Informationen rund um den Poller zu entlocken; steckte ihm, dass er der letzte Gralshüter sei. Doch das quittierte er nur mit einem Lächeln und der Bitte, ich möge aufhören, ihn zu veräppeln. Und mit dem Hinweis, mein Poller würde kalt.
Entweder war ihm seine Rolle als Gralswächter nicht bewusst – oder er trug sie einfach mit typisch norddeutscher Gelassenheit. Auf jeden Fall hatte er keine Lust, sich von Kunden mit Blödsinn vollquasseln zu lassen.

Nun aber, zurück im Auto, kam der große Augenblick. Der Moment, auf den ich lange gewartet und hin gefiebert hatte. Lage um Lage wickelte ich voller Spannung das weiße Papier ab, in welches das Kieler Kleinod gehüllt war, bis schließlich … ein erstickter Schrei meiner hungrigen Kehle entfuhr! „Das ist ja gar kein Sauerkraut – das ist … Krautsalat!!“
Meine Überraschung über diese unerwartete Vitamin-C-Quelle war berechtigt, beruhte mein Wissen über den Poller doch einzig auf den Erzählungen jener trinkfesten Herren von einst – und diese hatten von Sauerkraut gesprochen! Auch Zwiebeln suchte ich vergeblich. Und der Schweinebauch? Rosa! Also eindeutig gepökelt. Eine weitere Überraschung.
Doch nun wurde es ernst. Die Inaugenscheinnahme war abgeschlossen – jetzt galt es zu prüfen, ob der Geschmack hielt, was Duft und Optik versprachen. Ich schloss die Augen, atmete tief durch, sammelte mich – und … biss hinein.
Kieler Poller vs. Hamburger
Mein Verkostungsergebnis könnte klarer nicht ausfallen: Der Kieler Poller ist ein Hochgenuss! Den Vergleich mit einem Hamburger muss er keineswegs scheuen – im Gegenteil. Eine kurze Gegenüberstellung zeigt das eindrucksvoll:
- Statt eines wabbeligen Industriebrötchens gibt es ein knuspriges Schnittbrötchen vom Bäcker.
- Statt einer Bratbulette aus gewolften Rindfleischresten bekommt man ein bodenständiges Stück Schweinebraten mit Knusperkruste.
- Statt zuckrigem Ketchup gibt es einen ehrlichen Klacks Senf.
- Statt flauer Gurkenscheiben kommt knackiger Krautsalat auf das Brötchen (wobei mir mittlerweile aus mehreren Quellen zugetragen wurde, dass früher tatsächlich auch Sauerkraut üblich war).

Das sind allesamt landestypische Zutaten, die perfekt auf unsere schleswig-holsteinischen Geschmacksknospen abgestimmt sind. Dass der Poller dennoch so ein Schattendasein fristet, ist mit Nichts zu rechtfertigen!
Sollte es einen kritischen Leser geben, der sich jetzt noch fragt, warum ich so einen Aufriss wegen etwas scheinbar so Unbedeutendem wie einem schlichten Imbissbrötchen mache – dem sei der Bericht zu Beginn dieses Artikels in Erinnerung gerufen: wie das Rundstück Warm, jenes ebenso schlichte Imbissbrötchen, als Hamburger zu Weltruhm gelangte und den Namen einer norddeutschen Hafenstadt bis in die entlegensten Winkel der Erde trug! Und währenddessen? verkümmert sein Kieler Bruder im Verborgenen. Nur noch ein einziger kleiner Hersteller verkauft ihn – und das auch nur unter der Hand, an Eingeweihte, die wissen, wonach sie fragen müssen.
Eine traurige Parallele bietet die Geschichte des Kieler Franzbrötchens: während sein Hamburger Pendant in ganz Norddeutschland fröhliche Einstände feiert, ist die Kieler Variante nahezu verschwunden. Selbst Bäcker Lyck, der 2016 in den Kieler Nachrichten noch unter der Überschrift „Rettet das Kieler Franzbrötchen“ öffentlich zur Rettung dieses kulinarischen Schatzes aufrief, stellt es heute nicht mehr her.
In vielen Bereichen hat Schleswig-Holstein verlorenes Terrain zurückerobert und steht nicht länger hinter Hamburg zurück. Dass Selbiges auch in der Brötchen-Welt erfolgen muss, liegt auf der Hand.
Martin Hüdepohl ist Informatiker und Heimatforscher in Sachen Fischerei und Kulinarik. Er betreut auch die Tagebuchaufzeichnungen von Fiete Daniel. Der Eckernförder Fischer hat vor rund 100 Jahren die Ostsee-Fischerei detailgenau beschrieben.
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