Gabriele Haefs

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Ein gottgefälliges Vergnügen

Warum es in Wales die besten italienischen Eisdielen gibt
3. August 2020

Wieso sollen wir in Wales Eis essen? Regnet es da nicht immer? Und bei der wunderbaren walisischen Küche (Porreesuppe! Welsh Rarebit!), sollen wir auch noch Eis essen? Aber es regnet ja gar nicht andauernd, das haben wir nun schon klargestellt, und Eis geht doch immer? Also, die italienischen Eisdielen und wie sie nach Wales kamen. Genau wie überallhin, durch Auswanderung aus Italien eben. Die ging schon im frühen 19. Jahrhundert los, im Zuge der Industrialisierung. In den bitterarmen ländlichen Regionen Italiens sprach es sich herum, dass in Wales Bergarbeiter gesucht und gut bezahlt würden. Die meisten kamen aus der Gegend um Bardi in der Emilia Romagna. Holz aus den Wäldern dieser Region wurde nach Wales verschifft und zu Stützvorrichtungen in den Bergwerken verarbeitet, und die Kunde von den Arbeitsmöglichkeiten in Wales reiste mit den leeren Schiffen zurück und sprach sich langsam herum. Die Bezahlung war dann aber doch nicht so traumhaft, die Arbeit war hart und gefährlich, und so bot es sich doch fast an, ein kleines Restaurant aufzumachen? Die Kumpel mussten schließlich essen, die eigenen Landsleute freuten sich über einen kulinarischen Gruß aus der Heimat, das ist kurz gesagt die Entwicklung. Eine Volkszählung des Jahres 1903 nennt 430 Italiener in der Gegend von Cardiff, der italienische Konsul allerdings hielt diese Zahl für weitaus untertrieben und rechnete mit etwas 1000. Dazu kamen Drehorgelspieler und Maronenverkäufer, die nicht fest in Wales lebten, sondern durch die Lande zogen. Der erste italienische Eismann in Wales war Giacomo Bracchi, der (natürlich) aus Bardi kam. Es gibt sogar ein Musical über ihn, geschrieben 1996 von Emyr Edwards, auf Kymrisch. Später wurde es ins Englische und ins Italienische übersetzt, aufgeführt bisher wurde aber nur die kymrische Version. 


Kohle statt Gold

Das Musical beginnt mit einer Szene in einem Café in Bardi, die sicher typisch war. Jemand hat gehört, dass es in einem Land namens Wales, das irgendwo hinter England liegt, Gold gibt, und dass Leute gebraucht werden, die dieses Gold aus dem Boden holen. Dass das Gold schwarz ist und Kohle genannt wird, geht im allgemeinen Jubel unter. Danach erleben wir, wie der junge Giacomo nach Wales reist und zum Eiscremekönig wird. Seine Eisdielen wurden zu einem solchen Erfolg, dass „Bracchi“ eine Zeitlang in Wales als Bezeichnung für ein Eiscafé üblich war. Warum in Wales ein solcher Eisboom ausbrach, ist noch nicht richtig erforscht. Weil es köstlich schmeckt, das ist natürlich die nächstliegende Erklärung. Ein Grund waren aber offenbar auch die vielen gestrengen Sekten, bei denen so ungefähr alles verboten war, was Spaß macht. Eis aber nicht, das gab es ja noch nicht, als die Sektengründer ihre Regeln ersannen. Und auch bei den nicht ganz so strengen Protestanten war es doch verpönt, sonntags in die Kneipe zu gehen (falls die überhaupt offen hatte), aber die Eisdiele? Ein gottgefälliges Vergnügen für die ganze Familie.

Weil so viele frühe Einwanderer aus derselben Region kamen, war es zunächst leicht, Beziehungen zur weiteren Verwandtschaft und den alten Nachbarn in Italien beizubehalten, und das sicherte dann den Nachschub. Wollte sich der alte Bracchi zur Ruhe setzen, so konnte die Kusine aus Bardi garantiert eine Großnichte oder einen Patensohn der Nachbarstochter schicken, und die Kontinuität blieb gewahrt.


Bittere Kriegsfolgen

Das klingt nach einer wundervollen Erfolgsgeschichte, aber ganz so einfach war es nun doch nicht. In den zwanziger Jahren kam es zu allerlei Zerwürfnissen in der italienischen Gemeinde in Wales – Flüchtlinge aus Mussolinis Italien trafen auf Verwandte, die den Duce ganz toll fanden und nichts mit Leuten zu tun haben wollten, die das anders sahen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden alle Italiener in Wales festgenommen, Antifaschisten, Mussolinifans und ganz und gar unpolitische Eisverkäufer, die noch gar nicht so richtig begriffen hatten, wer nun gegen wen Krieg führte. Zusammen mit deutschen Einwanderern, Flüchtlingen und Nazis wurden sie in Lager gesperrt. Damit die „feindlichen Ausländer“ nicht auch vom Lager aus Unruhe stiften könnten, wurde beschlossen, sie nach Übersee zu schaffen. Am 2. 7. 1940 wurde das Transportschiff Arandora Star auf dem Atlantik von einem deutschen Torpedo versenkt, 865 Menschen kamen ums Leben (vor allem eben italienische und deutsche Internierte und Kriegsgefangene). Es gibt Gedenkstätten in Bardi und in der St. Davids-Kathedrale in Cardiff. 

Eine in walisischen Sammlungen gern nachgedruckte Erzählung („The Pattern“ von Rhian Roberts, eine Autorin, über die offenbar so gut wie nichts bekannt ist) schildert die Stimmung in einem walisischen Dorf vor der Tragödie der Arandora-Star. Der eigentlich beliebte Cafébesitzer Mr Bracchi ist festgenommen worden, jetzt möchten die Leute aus dem Dorf ihre patriotische Gesinnung zeigen und beschließen, im Café die Fenster einzuwerfen. Ein kleiner Junge, der nicht begreift, wozu das gut sein soll, wird belehrt: Das sind Ausländer, Katholiken, bei denen weiß man ja nie! Er begreift zwar noch immer nicht, was das für ein Grund sein soll, greift aber auch zu einem Stein. – Diese Stimmung änderte sich nach dem Untergang der Arandora-Star allerdings und die Italiener, die noch auf freiem Fuß waren, wurden weitgehend in Ruhe gelassen.

Nach dieser Tragödie dauerte es mindestens ein Jahrzehnt, bis die Einwanderung aus Italien wieder in Schwung kam, aber die alten Eisdielen hatten überlebt. Dann aber ging es in Italien wirtschaftlich bergauf, mit der Kohleindustrie ging es auch in Wales bergab, und die nachbarschaftlichen Verbindungen zu erhalten, geht über lange Zeiträume eben doch nicht so einfach. Nach 1980 gab es deshalb viel weniger Einwanderung nach Wales, und viele der alten Eisdielen machten dicht, weil niemand sie übernehmen mochte, oder sie wurden zu walisischen Imbissbuden, wo zwar Tee und Toast angeboten wurden, aber weder ein Tiramisú noch ein schöner starker Espresso. 

Aber einige gibt’s noch, eigentlich sogar überraschend viele. Hier sind einige Tipps, italienische Eiscafés in Wales, entweder noch immer im Familienbesitz oder im Sinne der ursprünglichen Besitzer fortgeführt!

Sidoli’s Ice Cream, in Ystrad Mynach

Verdi’s in Mumbles

Parisella’s in Conwy

Fecci’s in Tenby

Carpanin’s Café in Treorchy

(und das muss doch erwähnt werden: Giovanni’s Restaurant in Cardiff ist zwar keine Eisdiele, sondern ein richtig teurer Edelitaliener, aber von vertrauenswürdigen Gewährsleuten haben wir gehört, dass kein geringerer als Tom Jones dort zu den Stammgästen zählt!)

Noch ein Buchtipp zum Thema: Giancarlo Gemin: Café Morelli. Königskinder Verlag, 2017

 

Gabriele Haefs:

111 Gründe, Wales zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 300 Seiten, Paperback, 14,99 Euro.

 

Zur Buchbesprechung:

Liebeserklärung an Wales