Martin Hüdepohl

Softwareentwickler, Tüftler, Autor

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Das erste Fischkutter-Wiki ging online – Archiv für die Fangflotte Eckernförde

24. Juli 2026
Bild: EckeKutter.de

Ladies und Gentlemen, es ist vollbracht. EckeKutter.de ist online – das erste deutschsprachige digitale Fischkutter-Wiki. Ins Leben gerufen vom Verein Museum Alte Fischräucherei Eckernförde e. V.und … mir!

EckeKutter ist ein Archiv, das die gesamte Fangflotte Eckernfördes darstellt – also alle aktuellen und vergangenen Schiffe, die ein „ECKE“-Fischereikennzeichen am Bug trugen oder noch immer tragen. 

Außerdem ist es Diskussionsplattform und ein digitales Museum, das die Erinnerung an Eckernfördes glanzvolle Zeit als einer der größten Fischereistandorte Deutschlands bewahren soll.

Inzwischen finden sich dort die Lebensläufe von rund 300 Fahrzeugen – mit Bildern, Bauwerften, Motoren, technischen Daten, Eignern, Umbauten und all den kleinen und großen Katastrophen, die ein Schiffsleben mit sich bringt. Allerdings ist das Archiv noch nicht vollständig – wer noch Bilder oder Informationen zu Eckernförder Kuttern besitzt und zur Verfügung stellen möchte – ist hiermit herzlich eingeladen, sich zu beteiligen!

Okay, das war’s schon, was ich mitteilen wollte.

Aber halt. Was wäre das denn für ein Artikel, der nur anpreist und und nichts herüberwachsen lässt? 

Dann will ich also noch ein bisschen erzählen – von einem jahrelang unveröffentlichten Buchmanuskript, einem mürrischen Zahnarzt, einem fast vergessenen Weltumsegler, Unmengen an Schnaps und der Erkenntnis, dass die Beschäftigung mit Fischkuttern melancholisch machen kann.

Beginnen wir mit der Entstehung des Projekts.

Eine Idee, die 15 Jahre brauchte

Die technische Umsetzung von EckeKutter hat mich gerade einmal eine Woche gekostet – doch die Vorgeschichte des Projektes geht nicht weniger als fünfzehn Jahre zurück!

Es begann 2011, als ich den Entschluss fasste, den Fischkutter meines Urgroßvaters als Modell nachzubauen. Bei der „Silbermöwe“ handelte es sich um einen sogenannten „Kriegsfischkutter“, kurz KFK. Diese Schiffe waren während des Zweiten Weltkriegs in großer Zahl gebaut worden und wurden nach Kriegsende vielerorts als zivile Fischkutter weiterverwendet.

Auf der Suche nach Informationen nahm ich Kontakt zu Dr. Herwig Danner auf. Er war ein Hamburger Zahnarzt, dessen Lebensziel darin bestand  – neben der Verbesserung der allgemeinen Zahngesundheit – jedes noch so winzige Detail über den Schiffstyp „Kriegsfischkutter“ zusammenzutragen.

Dr. Danner hat zwei Bücher über Kriegsfischkutter im Eigenverlag veröffentlicht. Und was für Bücher! Meisterwerke der guten Lesbarkeit und eleganten Formulierung sind sie … nicht. Dafür aber Studien darüber, wie absurd viel Nerd-Wissen man zwischen zwei Buchdeckel quetschen kann! Wer sie aufschlägt, dem wird klar: Hier war ein Getriebener am Werk, ein notorischer Datensammler. Ein Mann, der keine halben Sachen macht und sich mit oberflächlichen Antworten nicht zufrieden gibt.

Es entwickelte sich ein lockerer E-Mail-Verkehr mit diesem mürrischen, aber hilfsbereiten älteren Herren. 

Im Jahr 2019 teilte er mir mit, dass er an einem neuen Buch arbeite. Es trug den schlichten Titel „Die Fischerei in Eckernförde“. Anders als seine vorherigen Werke sollte dieses Buch nicht die Lebensläufe der Kriegsfischkutter dokumentieren, sondern die Geschichte aller Kutter mit Heimathafen Eckernförde – was mich als Abkömmling von Eckernförder Fischern natürlich begeisterte! Das Manuskript war gemeinsam mit den Eckernfördern Ralf Trümner und Bernd Gradlowski entstanden. Jahrelang hatten die drei in Seeschiffsregistern, Fachbüchern und privaten Archiven recherchiert.

Diesmal wollte Dr. Danner das Werk auch nicht im Eigenverlag herausbringen, sondern in einem richtigen. Bestenfalls noch gefördert durch Eckernförder Institutionen. Das klappte aber alles nicht – sehr zu seiner Enttäuschung. „Gibt es denn in Eckernförde keine Idealisten?!“, schrieb er mir einmal in einer Word-Datei, die an eine leere E-Mail angehängt war – seine übliche, spleenige Art der Kommunikation.

Klar gibt es die. Mich zum Beispiel! 

Ich schlug ihm schon damals vor, das Buch als Internetarchiv zu veröffentlichen. Doch von so einer neumodischen Idee wollte er nichts wissen. Der E-Mail-Verkehr riss irgendwann ab – wahrscheinlich, weil Dr. Danner mittlerweile verstorben war.

Als ich 2025 von seinem Tod erfuhr, erinnerte ich mich wieder an das unveröffentlichte Manuskript. Wäre doch verdammt schade, wenn diese ganze Arbeit umsonst gewesen wäre, oder? Herr Danner konnte sich nun nicht mehr um eine Veröffentlichung bemühen … stand nun aber auch nicht mehr der Idee eines Kutter-Wikipedias im Wege!

Ich erzählte Katharina Mahrt vom Museum alte Fischräucherei Eckernförde von der Idee. Sie nahm Kontakt zu den beiden Mitautoren Bernd Gradlowski und Ralf Trümner auf, brachte die Beteiligten zusammen, entwickelte das Vorhaben weiter und stellte einen Förderantrag.

Sobald dieser genehmigt war, weckte ich das Manuskript aus seinem Dornröschenschlaf, verwandelte es in ein Wiki und ergänzte es um Hunderte neuer Informationen, die Gradlowski und Trümner unermüdlich nachlieferten – so entstand aus einem unveröffentlichten Buchmanuskript ein digitales Archiv mit 300 Schiffsbiografien.

Aber kommen wir endlich zum Inhalt des Wikis. Denn zwischen all den Daten verbergen sich erstaunliche Geschichten! Im folgenden ein paar meiner persönlichen Highlights.

Die SCHOLLE

Beginnen wir mit der coolsten Entdeckung aus dem EckeKutter-Archiv. Es geht um die SCHOLLE. Ein großer, alter Fischkutter, der bis 1995 im Eckernförder Hafen lag. In meiner Kindheitserinnerung allerdings nur noch als ein Mitleid erregendes Wrack. 

Die SCHOLLE in Eckernförde und ihr Konstruktionsplan von 1920 – angefertigt von keinem Geringeren als Max Oertz. Bilder EckeKutter.de, Brix Bootsbau

Aufgrund ihrer Ausmaße hatte ich die SCHOLLE immer für einen Kriegsfischkutter gehalten. Doch sie war etwas viel, viel Spektakuläreres: das Schwesterschiff der HAMBURG – des ersten deutschen Schiffes und des ersten Fischereifahrzeuges überhaupt, das … die Welt umrundete!!

Diese Weltumsegelung fand in den Jahren 1925 bis 1927 unter dem Kommando des Hamburger Walfängerkapitäns Carl Kircheiß statt. 1928 veröffentlichte er darüber das Buch „Meine Weltumsegelung mit dem Fischkutter Hamburg“, das ihn zum Bestsellerautor und gefeierten Seehelden machte.

Die HAMBURG vom Cover des Buches „Meine Weltumseglung mit dem Fischkutter Hamburg“. An der markanten Form des Buges lässt sich erkennen, dass es sich um das gleiche Schiff handelt wie die SCHOLLE. Bilder: Kribe-Verlag

Beide Schiffe, HAMBURG und SCHOLLE, wurden im Jahr 1921 als HOLSTENTOR und BURGTOR im Auftrag der Lübecker Reederei Cordes & Petersen auf Kiel gelegt. Bauwerft war die Max-Oertz-Yacht-Werft in Neuhof bei Hamburg. Max Oertz gilt als der berühmteste Yachtkonstrukteur der deutschen Geschichte. Er entwarf auch Flugzeuge, machte zahlreiche Erfindungen – und von ihm stammte ebenso der Entwurf der Fischkutter HOLSTENTOR und BURGTOR.

Während sich die weitere Geschichte der HAMBURG verliert, lässt sich die Geschichte der SCHOLLE ab 1971 wieder rekonstruieren. Damals hieß sie MARGIT und war als Fischkutter in Finkenwerder im Einsatz. 1973 kam sie als Angelkutter in den Besitz des „Traumschiff“-Reeders Peter Deilmann, der sie NEUSTÄDTER SCHOLLE nannte. Ab 1984 lag die SCHOLLE in Eckernförde und wurde dort als Angelkutter, Stundenfahrtschiff und Versorger der Schwedeneck-Bohrinseln eingesetzt. 1986 wurde im Winter der Motor nicht entwässert – er fror durch und wurde zerstört.

In einer besseren Welt hätte man die SCHOLLE spätestens zu diesem Zeitpunkt liebevoll restauriert und zu einem ruhmreichen „Käpt’n-Kircheiß-Weltumsegler-Museum“ umgebaut.

Stattdessen vergammelte die SCHOLLE neun Jahre lang im Hafen, bis sie 1995 verkauft und nach Wismar überführt wurde. Auf dieser Fahrt sank sie, wurde wieder gehoben und schließlich abgewrackt. Mit dem Kaufpreis von 6.500 D-Mark konnten gerade einmal die angehäuften Schulden für die Liegeplatzgebühren beglichen werden.

Hätten ein Museum verdient: Weltumsegler Kircheiß und seine HAMBURG. Fotos: Gemeinfrei

Butterschiffe

Auf EckeKutter.de sind nicht nur Fischkutter erfasst, sondern auch die Eckernförder Ausflugsschiffe. Ich muss sagen: Dass es einmal sowas wie Butterschiffe gab, ist aus heutiger Sicht einfach skurril! Ich meine: wer käme heute auf die Idee, den Tourismus anzukurbeln, indem man Besucher mit Schnaps und Zigaretten zu reduzierten Preisen anlockt??

Na gut, die Helgoländer.

Ich habe allerdings eine schöne Erinnerung an eine Butterfahrt mit meiner Oma. Es ging mit Reederei Cassen Eils nach Sonderburg und wieder zurück. Im Grunde war so eine Butterfahrt wie eine Senioren-Kaffeefahrt mit dem Bus – nur zu Wasser und irgendwie … aristokratischer!

Lediglich die Tatsache, dass alle paar Minuten graugesichtige Greise an unseren Tisch kamen und fragten:

„Entschuldigen Sie … keuch, ächz, röchel … würden Sie Ihre Zigarettenmarke … räusper, rassel … gegen eine Spirituosenmarke tauschen? … hust, keuch“

… störte das elegante Gesamtbild ein wenig.

Ein Bekannter soll der Legende nach regelmäßig an der Butterschiff-Pier getaucht sein. Dort barg er die Schnapsflaschen, die einige Senioren bei überraschenden Zollkontrollen lieber über Bord warfen, als den lästigen Zoll darauf zu bezahlen.

Als 1999 „Duty free“ abgeschafft wurde, bedeutete das nicht nur das Ende der Butterschiffe. Langfristig traf es auch die Hochseeangelkutter, die ja immer einen Schnapsladen und eine Kneipe an Bord hatten. Denn zu einem guten Fang war ein kostengünstiges Besäufnis eine schöne Draufgabe, auf die man nur ungern verzichtete.

Was ich nicht wusste: Vor 1985 gab es neben den eigentlichen Butterfahrten noch sogenannte „Stundenfahrten“. Statt der „großen Zollration“ – eine Stange Kippen plus einen Liter Hartgas – erhielt man dort nur die „kleine“: zwei Schachteln Zigaretten, ein Kilo Butter und einen Liter Wein. Doch auch hier kamen ambitionierte Kettenraucher nicht zu kurz: die Fahrten konnten schließlich stündlich wiederholt werden.

SEEBAD BORBY, das letzte Eckernförder Butterschiff. Foto: Kai Pahl

Gesunken, gehoben, abgewrackt 

Nachdem ich nun also 300 Artikel zu Schiffen und Booten verfasst habe, die zu 95 % nicht mehr existieren, muss ich sagen: Ich kann jetzt verstehen, warum Dr. Danner so ein grummeliger Kauz war.

Danner hatte die Lebensläufe sämtlicher 612 gebauter Kriegsfischkutter recherchiert – und die meisten davon enden tragisch und traurig. Anschließend rekonstruierte er die Geschichte von rund 300 Eckernförder Fischkuttern, deren Schicksale ebenso häufig tragisch und traurig enden! Sowas verdirbt einfach die gute Laune.

Diese alten Fischkutter sterben fast immer gleich: der alte Eigner gibt auf, verkauft das Schiff für einen Spottpreis, der neue Eigner hat kein Geld, keine Zeit oder keine Ahnung, vernachlässigt das Schiff. Es sinkt, wird gehoben und abgewrackt. Und die Gemeinde bleibt auf den Kosten sitzen. 

Kein Denkmalschutzministerium eilt zur Hilfe, keine „Stiftung Sorgenschiff“ springt ein. Solche schwimmenden Kulturgüter haben kaum eine Lobby. Besonders dann nicht, wenn es sich um wenig prestigeträchtigte Arbeitsschiffe wie Fischkutter handelt.

Ich behaupte: In gewisser Hinsicht ist der Tod eines Schiffes sogar tragischer als der eines Menschen. Ein Mensch muss zwangsläufig irgendwann sterben – ein Schiff nicht. Und wenn es doch stirbt, dann immer aus einem Mangel an Liebe und Zuwendung. 

Der Adler lebt!

Doch selbstverständlich will ich nicht auf einer finstren Note enden. Zum Schluss also noch eine freudige Entdeckung: Der letzte in Eckernförde gebaute Fischkutter, ECKE 27 ADLER, existiert noch! Er befindet sich zwar ebenfalls in keinem guten Zustand, steht aber immerhin an Land und ist damit vorerst dem üblichen Kutter-Schicksal entronnen. Und: Er wäre der ideale Kandidat für ein Eckernförder Fischereimuseum! 

EckeKutter kann die verschwundenen Schiffe nicht zurückholen. Es kann aber ihre Namen, Bilder und Geschichten bewahren – und damit verhindern, dass sie ein zweites Mal untergehen. 

Und vielleicht … hätten wir mit der ADLER den ersten der 300 ECKE-Kutter, dessen Artikel nicht mit den Worten „gesunken, gehoben, abgewrackt“ endet, sondern mit „restauriert und im Museum ausgestellt“.

Das wäre ein Update, das ich mit Vergnügen einpflegen würde. 

ECKE 14 ADLER: Der letzte in Eckernförde gebaute Fischkutter. Foto: GBK

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