Im Eckernförder Hafen fällt derzeit ein ungewöhnliches Ding ins Auge: Mitten auf der Promenade ragt ein riesiges Objekt gen Himmel, das Spaziergänger zwingt, in einem großen Bogen drumherum zu gehen, ihnen dafür aber auch einen spektakulären Anblick bietet: Es handelt sich um das ehemalige Eckernförder Restaurantschiff Capella, das Anfang Mai sank, vorletztes Wochenende gehoben und an Land gestellt wurde, und nun seiner Verschrottung harrt.

Mit der Capella verschwindet auch ein Stück Eckernförder Hafengeschichte. Sie gehört zur Klasse der sogenannten Kriegsfischkutter (KFK) – ursprünglich im Zweiten Weltkrieg als Hilfsschiffe der Marine gebaut, später zu Fischkuttern umgerüstet. Über Jahrzehnte prägten diese Schiffe das maritime Stadtbild. Wenn die Capella abgebrochen ist, wird es keinen KFK mehr in Eckernförde geben.
Zeit für einen Nachruf.
Die KFKs meiner Familie
Ich gebe es offen zu: Für mich sind Kriegsfischkutter einfach die legendärsten und schönsten Fischereifahrzeuge, die je gebaut wurden! Am Hafen von Eckernförde aufgewachsen, brauchte ich nur aus meinem Kinderzimmerfenster blicken, um die eleganten Linien mindestens dreier KFKs bestaunen zu können: Ich erinnere mich an die Aldebaran, die Scholle und die Gudrun. Letztere gehörte Gottfried Mahrt, einem entfernten Onkel von mir. Er war der erste Eckernförder, der seinen Kutter zum Hochseeangelkutter umbauen ließ. Viele Kollegen hielten ihn zunächst für verrückt. Aber „Hottie“, wie er genannt wurde, behielt recht – und wurde mit seiner Geschäftsidee ein wohlhabender Mann.

Doch die Gudrun war nicht der einzige Kriegsfischkutter in der Familie. Auch mein Urgroßvater, der unter seinem Ökelnamen „Paster Suurmuul“ bekannt war, besaß einen KFK – die Silbermöwe. Mit ihr fuhr er gemeinsam mit seinen Söhnen Walter und Franz, meinem Großvater, nicht nur zum Fischfang hinaus. Die drei betätigten sich außerdem als Stein- und Schrottfischer. Als Steinfischer bargen sie Findlinge vom Meeresgrund, die als Baumaterial verkauft wurden. Als Schrottfischer holten sie Metall von gesunkenen Schiffen an die Oberfläche.
Besonders begehrt war Munition. Gegen Kriegsende waren große Massen davon in der Ostsee versenkt worden, und Messing brachte gutes Geld. Der Überlieferung zufolge schlug man die geborgene Patrone kurzerhand auf die Bordwand, so dass die Granate ins Wasser fiel. Die Treibladung wurde über Bord geschüttet, übrig blieb die wertvolle Messinghülse.
Walter, der Taucher an Bord, starb in den 1970er Jahren bei einem Unglück, als er beim Fischen über Bord ging. Seine alte Tauchausrüstung hat überlebt und kann noch heute im Heimatmuseum Eckernförde besichtigt werden.
Im Esszimmer meiner Großeltern hängt bis heute ein Ölgemälde der Silbermöwe, das mein Großvater selbst gemalt hat. Schon als Kind konnte ich mich kaum daran sattsehen – der KFK wurde zum Lieblingsmotiv meiner ersten Zeichenversuche. Und auch später ließ mich das Bild nicht los: Viele Jahre später diente es mir als Vorlage für ein professionelles LEGO-Modell der Silbermöwe.

Warum „Kriegs“-Fischkutter?
Die Geschichte der KFKs ist ziemlich verrückt. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in Deutschland Nahrungsmangel, besonders aber ein Mangel an Protein. Um die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern, beschloss man, die deutsche Fischereiflotte zu modernisieren. Die bestand damals noch zu großen Teilen aus traditionellen Segelbooten mit Gaffelrigg und Hilfsmotor.
Mit der Entwicklung moderner Fischkutter in verschiedenen Größen wurde die Bremer Maierform GmbH beauftragt, ein auf Hydrodynamik spezialisiertes Konstruktionsbüro. Das Ergebnis war bemerkenswert: Die neuen Motorkutter sahen nicht nur ausgesprochen schnittig aus, sondern waren auch für die Massenfertigung optimiert. Ihr Stahlgerippe wurde industriell vorgefertigt und als Bausatz an die Werften geliefert, wo es nur noch zusammengesetzt und beplankt werden musste.
Diese als „Reichsfischkutter“ bezeichneten Fahrzeuge sollten den Fischern eigentlich über zinsfreie Kredite zum Kauf angeboten werden. Aus den Tagebuchaufzeichnungen meines Urgroßonkels, der selbst Fischer war, weiß ich allerdings, dass nur vergleichsweise wenige dieser Schiffe tatsächlich in den Besitz von Fischern gelangten. Denn schon die Marine der Weimarer Republik hatte das Potenzial des Entwurfs erkannt und kaufte einen Großteil der gebauten Einheiten auf.
Als in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs immer neue Notprogramme aufgelegt wurden, um irgendwie die deutsche Rüstungsproduktion aufrechtzuerhalten, erinnerte man sich des Reichsfischkutters. Sein Entwurf galt als vielseitig und vor allem preiswert. Deshalb entschied man sich, die größte Variante mit 24 Metern Länge in Serie zu fertigen. Der Reichsfischkutter wurde zum Kriegsfischkutter – KFK.
An insgesamt 42 Standorten begann nun eine großangelegte Produktion – nicht nur an den deutschen Küsten, sondern auch im besetzten Ausland und sogar im neutralen Schweden. Mit 612 gebauten Einheiten ist der KFK, von den U-Booten abgesehen, das meistgebaute Marineschiff der deutschen Geschichte.
Für den direkten Kampfeinsatz war der KFK nicht geeignet. Das überwiegend aus Holz gebaute Fahrzeug war lediglich mit Flugabwehrwaffen ausgerüstet und erreichte gerade einmal neun Knoten Höchstgeschwindigkeit. Seine Stärke lag vielmehr in seiner Vielseitigkeit. KFKs dienten als Vorpostenboote, Minenleger, Minensucher, U-Jäger und für die zahllosen kleineren Aufgaben, die bei der Marine anfielen.

Quelle:https://www.seawarmuseum.dk/Ny-Viden–Artikler/S%C3%B8krigen-under-WW2/Kriegs-Fischkutter-KFK–jagten-p%C3%A5-en-identitet
Nachkriegsnutzung
Nach dem Krieg wurden die verbliebenen KFKs, sofern sie nicht als Reparationen ins Ausland abgegeben worden waren, endlich ihrer ursprünglich vorgesehenen Aufgabe zugeführt und zu Fischkuttern umgebaut.
Das Steuerhaus wurde häufig etwas weiter nach achtern versetzt, um mehr Platz auf dem Arbeitsdeck zu schaffen. Das Achterdeck, auf dem sich während des Krieges eine Flak-Plattform und teilweise auch Wasserbomben befunden hatten, wurde nun nicht mehr benötigt. Oft ersetzte man außerdem das ursprüngliche Steuerhaus durch einen größeren Aufbau, installierte höhere Masten und rüstete die Schiffe mit stärkeren Motoren aus.
Für die Eckernförder Fischer erwies sich der KFK als Glücksfall. Dank seiner Größe und Seetüchtigkeit konnten nun auch weit entfernte Fanggründe erschlossen werden. Das war dringend nötig, denn die Fischbestände in der Eckernförder Bucht standen unter Druck, während gleichzeitig zahlreiche ostpreußische Fischer nach dem Krieg in die Stadt gekommen waren und ebenfalls von der Fischerei leben mussten.
Seit Ende der 1980er Jahre wurde in Eckernförde kein KFK mehr als Fischkutter eingesetzt. Übrig blieben lediglich die Hochseeangelkutter. Deren letzter Vertreter war die Simone, die vor einigen Jahren aus dem Hafen verschwand. Noch existiert die Simone zwar – heute liegt sie als äußerst traurig anzusehendes Wrack am Schleswiger Wikingturm. Lediglich darauf wartend, dass irgendjemand das Geld für ihre Verschrottung aufbringt.

Der letzte KFK
Und nun entschwindet also auch der letzte Eckernförder KFK: die Capella. Seit 2002 lag sie als Restaurantschiff im Hafen und versorgte Touristen mit Fischbrötchen. Betrieben wurde sie von dem Langholzer Fischer Klaus Lutz, der in seinem Heimatort an der Eckernförder Bucht eine Räucherei sowie den bis heute bestehenden Imbiss „Meer und mehr“ führte.
Anfang Mai sank die Capella an ihrem Liegeplatz. Ende Mai wurde sie in einer spektakulären Bergungsaktion mit zwei Kränen, die dabei offenbar hart an ihre Belastungsgrenzen gingen, wieder gehoben. Seitdem liegt sie auf Sandsäcken an der Hafenmole und wartet auf ihr Schicksal. Mit dem Abbruch wurde bislang noch nicht begonnen, denn die aktuellen Eigentümer sind auf rätselhafte Weise verschwunden und konnten bisher nicht ausfindig gemacht werden.
Ein erbaulicher Anblick ist die Capella nicht mehr. Jahrelange mangelnde Pflege und zahlreiche fragwürdige Umbauten haben ihr deutlich zugesetzt. Doch trotz aller Veränderungen ist die eigentliche Seele des Schiffes noch immer erkennbar: der geniale Rumpfentwurf, den die Ingenieure von Maierform vor hundert Jahren entwickelten. Allein dafür lohnt noch ein letzter Blick.
Der KFK als Filmkulisse
Noch heute sind im Norden einige KFKs als Hochseeangelkutter im Einsatz – was eigentlich erstaunlich ist. Wo sonst findet man noch Gerät aus dem Zweiten Weltkrieg, das bis heute kommerziell genutzt wird? Wer sich dafür interessiert, kann noch immer entsprechende Fahrten buchen. Oder sich die sehenswerte NDR-Serie Die Fischer von Moorhövd aus dem Jahr 1982 anschauen.
Die Serie, prominent besetzt mit Manfred Krug und Heinz Reincke, spielt im fiktiven Ort Moorhövd, der in Wirklichkeit Maasholm ist. Krug verkörpert den Fischer Detlef Detlefsen, der schweren Herzens dieselbe Entscheidung trifft wie weiland Onkel Gottfried: Er gibt die traditionelle Fischerei auf und steigt auf Hochseeangelfahrten um, was sehr anschaulich dargestellt wird. Zu diesem Zweck beschafft er sich ebenfalls einen KFK, den er auf den Namen Antje D. tauft.
Als ich nun im vergangenen Jahr Maasholm besuchte, erlebte ich eine große Überraschung! Halluzinierte ich? Oder was dümpelte da friedlich an der Mole? Das war doch tatsächlich Die Antje D. – noch immer dieselbe wie vor 44 Jahren! Leider bietet auch sie heute einen bedauernswerten Anblick. Sie ist schon der dritte KFK in diesem Artikel, der nur deshalb noch existiert, weil sich bislang niemand gefunden hat, der seine Verschrottung bezahlt.

Ein weiteres Fahrzeug aus der Fernsehserie hat dagegen deutlich mehr Glück gehabt. Das als „dänischer Superkutter“ auftretende Schiff ist der Fischkutter Schwalbe des Eckernförder Fischers Lorenz Marquardt und verrichtet bis heute seinen Dienst.
Eine norddeutsche Ikone
Der Bestand an KFKs schwindet rapide, aber ein KFK-Museum wird es wohl niemals geben. Denn als Museumsschiff ist ein KFK denkbar schlecht geeignet: In seinem Originalzustand als waffenstarrender Fischkutter existiert er nicht mehr – und so will ihn bestimmt auch niemand haben. Und selbst dieser „Originalzustand“ war eigentlich nur eine zurechtgebastelte Notlösung, genau wie all seine späteren Daseinsformen – als Bergungsschiff, als Fisch- Angel- und Forschungskutter, als Motor- und Segelyacht, als Wachboot des Bundesgrenzschutzes oder, wie die Capella, als Restaurantschiff. Alles Improvisationen, die zwar originell, aber nicht original sind und somit nur begrenzten musealen Wert besitzen. Der KFK war nie ein Schiff mit einer klaren Identität, sondern ein Arbeitstier, das sich immer wieder neu erfinden musste.
Es gibt ein paar zu Traditionsseglern umgebaute KFKs, die teilweise unter Denkmalschutz stehen und daher wohl noch eine Weile erhalten bleiben werden. Einer davon ist die Freddy, die man sogar regelmäßig in Eckernförde zu Gesicht bekommt. Mit Freddy Quinn hat sie übrigens nichts zu tun, auch wenn dieser tatsächlich einmal einen zur Yacht umgebauten KFK besaß.
Aber so sehr ich Menschen bewundere, die Herzblut in den Erhalt solcher Schiffe investieren – für mich sind diese historisierten, auf Oldtimer getrimmten KFKs mit ihren Segelmasten, Klüverbäumen und modifizierten Rümpfen einfach nicht dasselbe.
Für mich ist der KFK eine norddeutsche Ikone. Acht Jahrzehnte lang gehörte er zum vertrauten Bild nahezu jedes deutschen Fischereihafens und beglückte Besucher mit Kutterfisch, Butterfahrten, Hochseeangeltouren, Rundfahrten, Fischbrötchen und nicht zuletzt dem Anblick seiner eleganten Linien. Und ich persönlich verbinde mit ihm glückliche Erinnerungen an meine Kindheit am Eckernförder Hafen.
In genau dieser Rolle verschwindet der KFK nun aus Eckernförde. Und in absehbarer Zeit wohl auch aus dem Rest Norddeutschlands. Vielleicht ist das nur der normale Lauf der Dinge. Aber einen Stich ins Herz versetzt es trotzdem.

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