Hannes Hansen

Journalist & Autor

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Viele Buddeln voll Rum

Rumstadt Flensburg
13. April 2020

Es ist noch gar nicht so lange her, gerade einmal vierzig bis fünfzig Jahre, da beherrschten Firmen aus Flensburg den deutschen Rum-Markt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es dort noch über sechzig unabhängige Rumproduzenten. Siebzig Prozent alles in Deutschlands getrunkenen Rums kam aus der Fördestadt an der dänischen Grenze. 

Löschen von Kartoffelsprit unter Zollaufsicht, SEXTA 1870er © Schifffahrtsmuseum Flensburg

Das hatte politische Gründe. Seit 1460 waren die Herzogtümer Schleswig und Holstein und somit auch Flensburg eng mit dem Königreich Dänemark verbunden. Der dänische König war Herzog von Schleswig und damit sein eigener Untertan, als Herzog von Holstein war er ein Vasall des deutschen Kaisers. Die Geschichte ist kompliziert, musste sich der König doch die beiden Herzogtümer mit einem verwirrender Weise auch „Herzog“, nämlich Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf genannten Verwandten teilen. Erst 1773 konnte der dänische König das Gebiet arrondieren und ganz unter die Herrschaft der Krone stellen.

Zum „Dänischen Gesamtstaat“, einem europäischen Großgebilde, gehörten nun in Personalunion das dänische Stammland in Jütland und auf den Inseln, die Herzogtümer Schleswig und Holstein, das Herzogtum Sachsen-Lauenburg, Norwegen, Island, die Färöer und Grönland, dazu Besitzungen an der afrikanischen Goldküste und in Dänisch-Ostindien im indischen Trankebar und auf den Nikobaren.

Und es gehörten die 1666 und 1667 von dänischen Kapitänen und Kaufleuten besetzten Inseln St. Thomas und St. Jan (heute St. John) und ab 1733 die von Frankreich erworbene Insel St. Croix dazu. Zusammen bildeten sie die Kolonie Dänisch-Westindien, auch Dänische Jungferninseln genannt. Seit dem Verkauf an die Vereinigten Staaten im Jahre 1917 sind sie das US-Außengebiet „American Virgin Islands“. 

Den Handel mit den Jungferninseln organisierte seit 1671 die Dänisch-Westindische Kompanie von dänischen Häfen aus. Doch schon im Februar 1666 schickte im Auftrag Königs Frederik III ein Konsortium dänischer Kaufleute unter Führung ihres späteren Gouverneurs Erik Niels Smit ein Schiff auf die Insel St. Thomas. Auf der Heimreise war es beladen mit Tabak, Guajakholz, Rohrzucker, Kakao, Zimt und ein paar Schildkröten. Von Rum ist noch nichts zu hören.

Dänische Siedler gründeten auf den Jungferninseln schon bald Zuckerrohrplantagen, die von afrikanischen Sklaven aus Afrika bewirtschaftet wurden. Rum war zuerst nur ein Nebenprodukt. Es ging vor allem um den teuren Zucker. Wenn noch Frachtraum übrig blieb, nahm man auch ein paar Fässer Rum mit. Wann das zum ersten Mal geschah, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es wird im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts gewesen sein.

© Schifffahrtsmuseum Flensburg


Statt Sklaven Rohrzucker

Von der Stadt Flensburg war da zunächst noch nicht die Rede. Ihr war, wie den anderen dänischen Städten außer Kopenhagen, der Handel mit den Kolonien verboten. Das änderte sich erst 1755. Ein Jahr zuvor hatte der dänische Staat die in Finanznot geratene Dänisch-Westindische Kompanie übernommen, und die Flensburger Kaufleute hungerten danach, an dem lukrativen Westindien-Geschäft teilzuhaben. Jetzt, nicht mehr von der Handels- und Schifffahrtspolitik der Kompanie gehindert, schickte ein Konsortium Flensburger Kaufleute mit königlicher Erlaubnis das Schiff „Neptunus“ auf die dänischen Besitzungen in der Karibik. Zu ihrem Leidwesen aber verbot der dänische Staat den Flensburgern den noch viel lukrativeren atlantischen Sklavenhandel, denn der durfte nur von Kopenhagen aus betrieben werden. Aber auch bei der Westindienfahrt und retour ließ sich eine Menge Geld verdienen. 

Die „Neptunus“ brachte neben Tabak, Kaffee und Kakao vor allem braunen und feuchten Rohrzucker nach Flensburg, den die dortigen Kaufleute dort zu weißem Raffinadezucker verarbeiteten und in den schleswig-holsteinischen Städten wie Flensburg selbst, in Schleswig, Kiel und auf dem dänischen Festland weiter verkauften. Möglicher Weise hatte man auch schon Rum geladen, der in Flensburg dann von über 200 Schnapsbrennereien, die zum Teil noch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts existierten, weiter veredelt wurde. 

Neben Kopenhagen und dem damals dänischen Altona stieg Flensburg schnell zu einem Haupthafen der dänischen Westindienflotte auf. Um 1780 waren in der Fördestadt offiziell bereits an die dreihundert im Westindienhandel tätige Kaufleute registriert, die Butter, Fleisch, Salzheringe, Hülsenfrüchte und andere landwirtschaftliche Produkte exportierten. Dazu sogenanntes „Negertuch“, ein grobes Leinentuch, Nägel und Fassdauben, die für frühen Rumimport sprechen. Und wenn dann immer noch freier Frachtraum zur Verfügung stand, lud man Backsteine aus den rund um die Flensburger Förde in großer Anzahl vorhandenen Ziegeleien. Sie verarbeiteten den Lehm und den Ton, die die letzte Eiszeit in großen Mengen hinterlassen hatte. Noch heute sorgen die zahlreichen aus ihnen gebauten Häuser auf den Jungferninseln dafür, dass sich ein Norddeutscher dort seltsam heimisch fühlen kann. Auf der Heimreise importierte man in erster Linie Zucker und bald auch Rum, letzteren zunächst wohl in nur geringeren Mengen. 

Flensburger Kaufleute schickten ihre Söhne gerne auf die Inseln, damit sie dort das Geschäft lernten. Seit langem schon genossen Flensburger Kornhändler das Privileg, aus dem Überschuss an Getreide von den umliegenden landwirtschaftlichen Höfen und Gütern Schnaps zu brennen, wenn die Brotversorgung der Stadt gesichert war. Und da das relativ weiche Grundwasser der Fördestadt von hervorragender Qualität war und ist, kam schon bald eine beträchtliche Schnapsproduktion in Gang. Was lag also näher, als sich auch am Rumhandel zu beteiligen. Original Rum mit einer Stärke von an die siebzig Prozent oder mehr wurde importiert. Und hier muss gleich mit einem Märchen aufgeräumt werden. In Flensburg wurde nie Rum gebrannt. Der Import von Melasse wäre viel zu aufwendig gewesen. Gebrannt wurde nur Kornschnaps.

Christiansted St Croix 1830 © Schifffahrtsmuseum Flensburg

Beträchtlicher Rumhandel 

Der Import von Rum geschah zunächst, wie gesagt, in noch geringem Umfang. Zucker blieb die hauptsächliche Handelsware. Als es aber im Jahre 1801 dem Chemiker Franz Carl Achard, einem Hugenotten und Nachkömmling französischer Glaubensflüchtlinge, im niederschlesischen Ort Kunern gelingt, Zucker aus Zuckerrüben herzustellen, und er ein Jahr später mit der industriellen Produktion beginnt, verfällt der Rohrzuckerpreis rapide. Man orientiert sich in Flensburg um und konzentriert sich auf den Rumimport. Es entstehen oder orientieren sich neu die heute noch bekannten großen Marken. Die Firma Balle, 1717 gegründet, verarbeitet ab 1779 importierten Rum, das Haus Dethleffsen ist ab 1738 im Spirituosenhandel tätig. 1781 gründet der Schiffer Hans Christian Henningsen eine Rumhandelsfirma, die 1901 von Heinrich Sonnbergübernommen wird. Hans Hinrich Pott eröffnet 1848 eine nach ihm benannte „Destillerie“, die freilich trotz des Namens wie alle Flensburger Rumhandelshäuser nicht selbst Rum aus Melasse destilliert, sondern ihn aus Westindien einführt. H.C. Asmussen folgt ihm 1860, der Weinhändler Hans Hansen gründet 1869 ebenfalls eine Rumhandelsfirma und schließlich etabliert 1878 der Urgroßvater des jetzigen Firmeninhabers die Firma Johannsen.

Im Jahre 1864 kommt die nächste große Veränderung. Österreichische und preußische Truppen marschieren in Schleswig-Holstein ein und annektieren die Herzogtümer. 1866 nach dem „Deutschen Krieg“ zwischen Preußen und Österreich wird ganz Schleswig-Holstein preußisch. Den Flensburger Rumhändlern bricht der dänische Absatzmarkt weg und sie müssen sich umorientieren. Sie finden für ihre Schwierigkeiten eine Lösung, die ihre Geschäfte in ungeahntem Maße aufblühen lässt. Statt von den Dänischen Jungferninseln importieren sie jetzt Rum aus dem englischen Jamaika, und zwar den besonders kräftigen und aromatischen „German Flavoured Rum“, den sie schon bald mit Neutralalkohol verschneiden. Da ein solcher „Rum-Verschnitt“ nur 5 Prozent Original Rum enthalten muss, umgeht man so die hohen Steuern, die auf Spirituosen ausländischer Herkunft in Deutschland erhoben werden. Man hat jetzt in Flensburg das, was man heute als Alleinstellungsmerkmal bezeichnet. 

historischer Kolonialwarenladen von C.C. Petersen © Schifffahrtsmuseum Flensburg

Rum-Spezialitäten

Seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben sich die bekannten Flensburger Rumhäuser nach und nach von ihrem Standort verabschiedet und ihren Markennamen verkauft. Von den altbekannten Firmen ist nur das Haus Johannsen in einem alten Kaufmannshof in der Flensburger Altstadt übrig geblieben. Der jetzige Chef Martin Johannsen, der Urenkel des Gründers, lässt in seiner Manufaktur in der Fördestadt neben einer Reihe anderer Spirituosen über zehn verschiedene Rumsorten produzieren, zum Teil auch nach dem aufwendigen Solera-Prinzip. Und zwar echten Rum der Marken „Senior“ und „Chef“ einträchtig neben Rum-Verschnitt. 

Und ein Neuer ist in Flensburg hinzugekommen. 1976 gründete der gelernte Destillateur Walter Braasch in einem verwinkelten alten Gebäudekomplex in der Flensburger Altstadt einen Weinhandel. In den neunziger Jahren, als der Boom des Rums als Edelspirituose begann, erinnerte er sich an das Rezept seines Lehrherren für einen ganz speziellen „Chef“-Rum und begann mit seiner Produktion. Dabei half ihm die Tatsache, dass heutzutage nicht mehr unbedingt persönliche Kontakte zu den westindischen Inseln vonnöten sind, weil der Export von Rum nach Europa zum allergrößten Teil in den Händen von nur vier Großimporteuren, etwa in London und Hamburg, liegt. Heute produziert und vertreibt die Firma Braasch neben anderen Spirituosen etwa zwanzig verschiedene Rumsorten, überwiegend echten Rum im eher hochwertigen und Hochpreis-Segment. 

Rumfässer © Schifffahrtsmuseum Flensburg

 


Weitere Infos

www.schifffahrtsmuseum-flensburg.de

www.braasch.sh

www.johannsen-rum.de

 

 

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