Jens Mecklenburg

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Pommerngans

Multitalent vom Lande
27. Oktober 2017

Am 11. November, dem Martinstag, beginnt die Gänsesaison, denn wie die Schweine wurden auch die Gänse in früheren Zeiten besonders in der (Vor)Weihnachtszeit geschlachtet. 

Einer überlieferten Geschichte nach verrieten am 11. November im Jahre 371 schnatternde Gänse den Heiligen Martin, der sich in ihrem Stall versteckt hatte, um dem Bischofsamt zu entgehen. Der Ex-Soldat des römischen Kaisers sollte Bischof von Tours werden. Dafür hätten sie angeblich büßen müssen. Eine eher unglaubliche Geschichte. Die wahrscheinlichere Erklärung für die traditionelle „Martinsgans“ ist, dass der Martinstag das Ende des Erntejahres markierte und die Bauern ihren „Zehnten“ an die Lehnsherren entrichten mussten, und zwar meistens als Naturalabgabe, wozu seit dem 13. Jahrhundert bevorzugt Gänse zählten. Eine dieser Rassen hat sich über die Jahrhunderte gehalten: Die Pommerngans. Seit über 700 Jahren ist sie in ihrer Heimat Pommern und besonders auf Rügen, in der Uckermark und dem Gebiet um Stralsund auf zahlreichen kleinen Höfen und großen Gütern zu finden. Die weiß, grau oder grau-gescheckte Pommerngans, auch Rügener Gans genannt, war seit jeher ein beliebter Landbewohner, auch weit über die Grenzen ihrer Ursprungsregion hinaus. Mit bis zu acht Kilogramm Gewicht, oftmals auch ohne Mast, ist die große und hübsche Gans eine Art Multitalent unter den Hofbewohner. Als Weidegans anspruchslos in der Haltung, widerstandsfähig gegen Krankheiten und schlechtes Wetter, liefert sie sehr gute, wärmende Daunen, beschützt Haus und Hof genauso zuverlässig wie jeder Hofhund. Außerdem machen sie die breite, volle, teilweise hervortretende Brust und die starken Schenkel zu einem exzellenten Fleischlieferanten. Das kräftige und wohlschmeckende Fleisch wurde schon früher hoch geschätzt und ist nicht nur als Weihnachtsbraten ein ganz besonderer Genuss.


Grazile alte Dame

Obwohl die Pommerngans zu den großen Gänserassen zählt, ist sie ein ausgesprochen graziles Federvieh. Ihren eiförmigen Körper mit den breiten Schultern trägt sie waagerecht bis leicht aufrecht und besticht durch ein straffes und eng anliegendes sie gut schützendes Gefieder. Das ruhige Gemüt und der ausgeprägte Mutterinstinkt machen sie zu einem bestens geeigneten Naturbrüter, der sich liebevoll um seine Gössel-Nachwuchs kümmert. Am liebsten hat die Pommerngans Weidehaltung, bei der sie mit ihren Artgenossen zusammen die Umgebung erkunden und nach Herzenslust schnattern kann.

Trotz ihrer Robustheit und Anspruchslosigkeit, ist der alte Landschlag der Pommerngans, immerhin seit 1912 als reinrassig verbrieft, zunehmend seltener anzutreffen. Es drohte ihr dasselbe Schicksal wie so viele alte Landrassen. Aber zum Glück besannen man sich in den letzten Jahren besonders in ihrer Heimat wieder auf ihre Stärken und so erlebt die Gans zumindest auf Rügen und in anderen norddeutschen Regionen eine kleine Renaissance. Hält man die Pommerngans artgerecht und ökologisch sinnvoll mit viel Auslauf, natürlichem Futter und ausreichend sozialen Kontakten, können sie ein für Gänse sagenhaft hohes Alter von rund 40 Jahren erreichen. Genügend Zeit also, sich an die Tiere zu gewöhnen und sich von ihrer Schönheit und ihrem Nutzen für uns Menschen überzeugen zu lassen.

Pommerngans. © Ingo Wandmacher