Jens Mecklenburg

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Miesmuscheln für die Manneskraft

Abgeschmeckt
14. September 2019

Die Alten fehlen. Auch in der Politik. Bei der letztjährigen Eröffnung des Schleswig-Holstein Gourmet Festivals – vergleichbar mit dem Schleswig-Holsteinischen Musik Festival, nur für Gourmets – waren zwar ausländische Diplomaten vor Ort, aber kein Ministerpräsident, kein Minister, auch keine Ministerin, nicht mal ein Staatssekretär. Schien nicht so wichtig zu sein, ging ja nur um Essen & Trinken.

Das hätte es unter Peter Harry Carstensen nicht gegeben. Immer, wenn es um die leiblichen Dinge ging, war er ganz vorne mit dabei. Heute unterstützt er als Pensionär den Verein FEINHEIMISCH – Genuss aus Schleswig-Holstein e.V.. Er wusste um die Bedeutung der Esskultur für den Norden.

Wann immer es galt das Land von seiner leckersten Seite zu präsentieren, war der Landesvater an vorderster Front zu finden – da kannte er kein Pardon.

Als Ministerpräsident war er auch dafür bekannt, gern mal einen lockeren Spruch rauszuhauen. Als Peter Harry im nordfriesischen Schlüttsiel vor einigen Jahren die Muschelsaison eröffnete, sprach er: „Schleswig-Holsteins Muscheln wirken bei Männern genauso wie Spanische Fliege oder gemahlenes Nashorn, aber sie schmecken viel besser.“ Ich kann nicht beurteilen, ob der Ministerpräsident recht hat. Ich habe schon viel probiert, das gehört schließlich zu meinem Beruf. Alle möglichen Innereien, gegrillte Heuschrecken, Wal und Seetang, aber Spanische Fliege und gemahlenes Nashorn waren nicht dabei. Ist auch nicht ratsam. Die Spanische Fliege besteht aus zermahlenen Käfern gleichen Namens und soll die Erektionsfähigkeit des Mannes steigern. Das Problem: Das Zeug ist giftig. Zermahlenes Nashorn zählt in Asien als natürliches Heilmittel, wenn es in Liebesdingen mal nicht mehr so klappt. Das Zeug wird richtig teuer gehandelt. Ist aber illegal. Es treibt die Ausrottung des Nashorns voran. Sollte man also drauf verzichten.

Aphrodisiaka, nach der griechischen Göttin der Liebe benannt, sind ja bekanntlich Mittel zur Steigerung der Leidenschaft und Potenz. In ihrem Hunger nach einem erfüllten Liebesleben griffen schon unsere Urahnen nach potenzsteigernden Mitteln. So schildert Homer die stimulierende Wirkung von in Wein eingelegten Geschlechtsteilen von Schweinen. Im asiatischen Raum wurde eine Mixtur aus Tigerhoden und Alraunenwurzeln bevorzugt und in Spanien schwor man auf Stierhoden in jeder Zubereitungsart. Unsere Vorfahren, die alten Germanen, begnügten sich mit in Met veredeltem Bilsenkraut, um in einen Rausch der Sinne zu geraten. Den Engländern sagt man ja bis heute eine gewisse Spleenigkeit nach: Dazu zählen auch die Versuche englischer Männer im 18. Jahrhundert, ihre „Leistungsfähigkeit” im Bett durch die Einnahme von Arsen zu steigern. Die Versuche führten allerdings nicht wie gewünscht zu einer Steigerung der Libido, sondern zu Todesfällen. Als diese sich rumsprachen, kam die Methode zum Glück aus der Mode. Dann doch lieber nordfriesische Miesmuscheln. Todesfälle durch den Verzehr von Miesmuscheln sind mir nicht bekannt. Woher unser Landesvater allerdings seine Erkenntnisse hat, verriet er nicht. Ganz alte Schule: Der Gentleman isst, genießt und schweigt.