Jens Mecklenburg

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Männer am Herd

Männer kochen anders
23. Mai 2019

Kochen heißt blenden. Es unterscheidet sich wenig von Tätigkeiten eines Versicherungsvertreters oder Politikers: Es wird große Kompetenz vorgetäuscht, dabei Kochen alle nur mit Wasser. Wenn Männer kochen, wollen sie Anerkennung erringen. Der Rat unseres Autors: einfach entspannt bleiben.  

„Wenn ich allein in der Küche für mich etwas anrichten will, fühle ich mich verloren“, sagt Schnier in Heinrich Bölls` „Ansichten eines Clowns“. „Meine Hände werden ungeschickt vor Einsamkeit, und die Notwendigkeit, eine Büchse zu öffnen, Eier in die Pfanne zu schlagen, versetzt mich in tiefe Melancholie.“

Der Blick in den Kühlschrank eines männlichen Singlehaushalt war über Jahrzehnte meistens deprimierend: Drei Flaschen Bier, eine Flasche Wasser, ranzige Butter, das war‘s. Alleinstehende Männer hatten es schwer. Kochen war nicht ihr Ding. Heute, wo sich immer mehr Männer im familiären Haushalt einbringen und kochende Männer gar als „sexy“ gelten, ist die Situation anders: Mann kocht auch. Nur meisten anders als Frau.

Foto: Jagdhaus Eiden Apicius Food

Betrachtungen über kochende Männer  

Seien wir ehrlich: Kochen heißt häufig blenden. Es unterscheidet sich wenig von anderen Tätigkeiten wie etwa der eines Versicherungsvertreters, eines Werbers oder eines Politikers: Überall wird große Kompetenz vorgetäuscht, doch letztlich Kochen alle nur mit Wasser. Wenn Männer heute kochen, geben sie sich meist nicht mit dem Brutzeln von Spiegeleiern zufrieden, sondern wollen – ganz wie im richtigen Leben – Aufsehen erregen und Anerkennung erringen. Dabei ist Kochen, im Vertrauen gesagt, gar nicht schwer und kommt dem männlichen Naturell sogar entgegen. Es hat nämlich eine ganze Menge mit Blenden und Hochstapelei zu tun. Schnelle Anerkennung ist garantiert.

Wenn wir ehrlich sind, ist das doch unser Antrieb, frei nach dem Motto: Mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Induktionsherd. Dem kommt das Kochen entgegen. Die Erfahrung zeigt, schon nach einem halbwegs gelungenen Essen sind die Gäste voll des Lobes: „Es schmeckt vorzüglich. Wie hast Du das nur hinbekommen?“ Bei solch wohl kalkulierten Reaktionen bleiben Sie am besten wortkarg und setzen ein bescheidenes und wissendes Lächeln auf. Sollen Ihre Gäste Sie doch für einen genialen Koch halten. Wenn Frauen kochen, sieht alles schnell, leicht und selbstverständlich aus. Steht aber ein Mann am Herd, macht er es nicht unter einem 12 Stunden bei Niedrigtemperatur vor sich hinköchelnden Schweinebraten mit Biersauce.

Für viele Frauen ist das tägliche Kochen hingegen bis heute eine lästige Pflicht, die sie erfüllen, um ihre Familie vor dem Hungertod zu bewahren. Für ihre Männer dagegen ist es die Kür. Man belausche nur einmal zwei Freizeitköche beim Fachsimpeln. Sie unterhalten sich über Felsenaustern aus der Normandie, über die Vorzüge ihres neuesten Filetiermessers und über die hundertdrei Arten Risotto zuzubereiten. Ein Zahnarzt überraschte mich und seine Kumpels in seiner 100.000 Euro-Küche mit einer römischen-Risotto-Variante mit Speck von schwarzen Scheinen aus den Nebrodi Bergen, Moschuskraken, Miesmuscheln (natürlich aus Messina!) und Garnelen (aus Mazara del Vallo). Die alltägliche Küche überlässt er großzügig seiner Frau, er konzentrieren sich lieber auf die Festtage.

Klar: Wie jede Kunst verlangt auch das Kochen Hingabe und Kreativität. Die ganze Aufmerksamkeit gilt für den Mann der Zubereitung. Schmutzige Töpfe und angebrannte Pfannen, benutzte Teller und Gläser sind Nebensache, mit der er sich nur höchst ungern abgeben möchte. Schließlich käme auch kein Sterne-Koch in den Sinn, seine Küche selbst zu reinigen. Wenn er nach dem gelungenen Mahl bei Espresso und Digestif sitzt, erwartet der Küchenkünstler von seiner besseren Hälfte nicht nur überschwängliches Lob, sondern auch das Angebot: „Den Abwasch übernehme ich!“

Taiwanesischen Schweinebauch. Foto: Sebastian Hamester