Jens Mecklenburg

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Krete – Die Mutter aller Pflaumen

Wilde Genüsse aus dem Knick
30. August 2021

Wildfrüchte wie Ebereschen, Hagebutten, Holunderbeeren, Schlehen und Sanddorn haben in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erfahren. Weiter verarbeitet zu Fruchtaufstrichen, Gelees, Säften, Likören und Bränden sind sie die Highlights in Hofläden, auf Bauernmärkten und im Feinkosthandel geworden. Nur eine Frucht, obwohl überall in der norddeutschen Knicklandschaft präsent, hat noch nicht so richtig das Licht der kulinarisch interessierten Öffentlichkeit erreicht: Die Krete oder Kricke (Prunus domestica).  Dabei ist die Wildpflaume die Mutter aller Kulturpflaumen. Das heutige Verbreitungsgebiet der „Primitivpflaume“ reicht von Indien über Europa bis nach Nordafrika.

Historische Primitivpflaume, Kricke, auch Haferpflaume genannt. ©Ingo Wandmacher

Ur-Pflaume für Feinschmecker

Die Kricke, in Süddeutschland auch Krieche genannt, ist die älteste Pflaumenart überhaupt. Bei Ausgrabungen an Lagerplätzen der jüngeren Steinzeit findet man ihre Steine. Kricken wurden also schon vor 6.000 Jahren verzehrt, gehören somit zu unseren ältesten Kulturpflanzen. Wie die Wildpflaume nach Norddeutschland kam ist nicht überliefert, aber es muss sie hier schon einige Jahrhunderte geben. Noch heute findet man die Krete in vielen Knicks, in alten Hausgärten und auf Streuobstwiesen in ganzen Norden und Skandinavien. Unsere Großeltern kannte die Wildpflaume noch und schätzten ihren kräftigen Geschmack.

Die Krete ist ein sehr langsam hochwachsender Busch, der viele Jahre braucht, bevor er sich heimisch fühlt, um dann überhaupt erst blühen zu wollen und sich nur vielleicht dazu entscheidet, endlich Früchte zu tragen. Eine launische Diva. Diese Gemütlichkeit ist der Krete zum Verhängnis geworden, und wie so oft, so wurde auch sie zugunsten schneller wachsender Früchte verdrängt. Die Kricke fiel dem modernen Obstanbau und den zunehmenden Knickrodungen zum Opfer. Einige Pomologen versuchen in letzter Zeit die Kricke dem Verbraucher wieder an Herz zu legen, gehört sie doch zu unserer Kulturlandschaft, wie die Knicklandschaft in den Norden.    

Die Früchte der Krete sind blau-schwarz, kugelig wie eine Schlehe, aber deutlich größer, nämlich 2-3 cm groß. Je nach Lage und Witterung sind die Früchte im September und Oktober reif. Die Früchte schmecken fruchtig-herb und haben eine leichte pflaumige Süße. Ein kräftiger interessanter Geschmack.

Über die Inhaltsstoffe sind vor allem die organischen Säuren, Gerbstoffe und der hohe Vitamin-C-Gehalt bekannt.

Die heimische Frucht ist vorzüglich für Marmeladen, Säfte, Liköre und Brände geeignet. Der fruchtig-herbe Geschmack macht sie auch für edle Desserts interessant. Wunderbar munden sie in einem Brand von kleinen Edelbrandmanufakturen. In Schleswig-Holstein gefallen die Kretenbrände aus Dollerup und von Spritus Rex aus Malente besonders. Die Brände kommen mit einer Fülle von Aromen daher. Kirschtöne wechseln sich mit Aromen von Johannisbeeren und Marzipan ab. So gut kann der Norden schmecken. Gute Gründe also, um der Krete wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Rettet die Wildpflaume!