Verena Weustenfeld

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Wie lange gibt es noch die Ostseefischer?
13. November 2019
©Ingo Wandmacher

Die Küstenfischer aus Schleswig-Holstein versorgen uns mit frischem Ostseefisch – an 24 Häfen kann man fangfrischen Fisch sogar direkt vom Kutter kaufen. Dies sind die kürzesten Wege zum Verbraucher und haben damit eine bessere CO2–Bilanz als beispielsweise Fleischprodukte. „Brotfisch“ der Fischer ist u.a. der Dorsch – er sichert ihnen die Lebensgrundlage.  Doch steht es um ihn und etliche Fischbestände in der Ostsee schlecht. Die Stellnetzfischerei der heimischen Fischer ist dabei im Gegensatz zu den riesigen Trawlern noch am wenigsten invasiv, heißt ökologisch vertretbarer. Doch wenn es um Nachhaltigkeit und Artenschutz geht, liegen die Ziele der Küstenfischer und von Wissenschaftlern und Naturschützern, die sich zunehmend um den Zustand der Ostsee sorgen, oftmals weit auseinander. Es ist nicht immer leicht, sich überhaupt auf eine gemeinsame Analyse des Ist-Zustands zu einigen, gar, einen einvernehmlichen Weg in die Zukunft zu beschreiten. Beide Seiten haben ihre Argumente. Es geht darum, eine Balance zwischen dem Schutz der Bestände und den Interessen und Bedürfnissen der Fischerei zu finden. 


Fangmengen stark eingeschränkt 

Die EU-Fischereiminister haben gerade für 2020 die erlaubten Fangmengen von Hering und Dorsch um 60 Prozent gesenkt. Auch der Hering gehört zu den „Brotfischen“ der Küstenfischer. Der Verband der Kutter- und Küstenfischer zeigt sich entsprechend entsetzt – die Fangquoten „zerstörten Betriebe und Arbeitsplätze“. Die Ursachen für die Lage der Bestände sind ihrer Meinung nach nicht durch Überfischung, sondern vielmehr durch eine Veränderung der natürlichen Bedingungen in der Ostsee verschuldet. Die Vermutung, der Klimawandel sei ausschlaggebend hierfür, ist nicht unbegründet. „Die negativen Folgen für die Fischbestände von Dorsch und Hering durch den Klimawandel sind bereits spürbar. Der Fortpflanzungserfolg der Arten ist bereits deutlich schlechter, was unter anderem daran liegt, dass die Laichgründe in ökologisch schlechtem Zustand sind“, so sieht es auch die WWF-Fischexpertin Stella Nemecky. 97 Prozent der Ostsee sind laut WWF zu stark mit Nährstoffen – vor allem Stickstoff und Phosphat – belastet. Die Hälfte von ihnen stammt aus der Landwirtschaft. Über Flüsse in die Ostsee gespülte Düngemittel wie Nitrat und Phosphat fördern das Massenwachstum von Algen und Bakterien. Sterben diese ab, werden sie von Sauerstoff zehrenden Bakterien am Meeresgrund zersetzt. Es entstehen sauerstofffreie „Todeszonen“. „Wir sehen in unseren Messungen, dass diese Zone sich ausdehnt – auch vertikal. Das heißt, der Bereich des niedrigen Sauerstoffs kommt immer weiter in Richtung Oberfläche. Und das hat zu Folge, dass das Habitat für Fische immer kleiner wird“, so der Geochemiker Björn Fiedler vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Die Ostsee hat es dabei besonders schwer, denn sie ist fast rundherum von Land eingeschlossen und hat nur einen kleinen Zugang zur Nordsee – und damit sehr wenig Wasseraustausch. Wenn der Wind ungünstig weht, werden zusätzlich die sauerstofffreien Schichten aus der Tiefe hoch an die Küste gedrückt – wenn ein Fisch in solch eine Strömung gerät, dann erstickt er einfach.

© Ingo Wandmacher


Nützt es das Image der Fischer stärken

Überfischung. Negative Veränderungen durch Klimawandel. Verschmutzungen durch die Landwirtschaft. Die Lage ist kompliziert. Wie viele Fischer müssen demnächst ihre Kutter stilllegen? Die Fangquotenbeschränkung gerade bei den „Brotfischen“ wird wohl ohne Hilfsmaßnahmen der Regierung zu einem „Fischersterben“ führen.  

Man stelle sich vor, die Küsten- und Tourismusländer Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern hätten keine Fischerei mehr.

Nun, der meiste Fisch, der an der Küste verzehrt wird kommt eh nicht aus der Ost- oder Nordsee. Aber das wissen nur Experten. War zählt ist was sein könnte. Bis heute prägen die Küstenfischer die Ostseehäfen und vermitteln ein heimatliches maritimes Bild von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, das für den Tourismus von nicht unerheblicher Bedeutung ist. So wurde auch „WIR FISCHEN S.H.“ ins Leben gerufen – die neue Marke soll das Image der Fischer verbessern und neue Absatzmärkte schaffen. „Von Aquakultur bis zum Angeltourismus. Von den Teichwirten hin zu den Küstenfischern. Das alles zusammen ist Fischerei“, so Jan-Philipp Albrecht, Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Natur und Digitalisierung. Mittlerweile sind auch auf www.wir-fischen.shaktuelle Nachrichten rund um die Themen Fisch und Fischerei online. „Mit dieser Seite können Sie sich über die Maßnahmen der Fischer informieren und das Produkt Ostseefisch näher kennen lernen“, so auch Dr. Robert Habeck (Grüne). Der Fischerei wieder ein besseres Image zu verpassen, ist ein ehrenwertes Ziel. Damit Werbung für den Tourismus zu machen, nachvollziehbar. Nur hilft es den Fischbeständen in der Ostsee sich zu erholen? Hilft es den Fischern einen altehrwürdigen Beruf auch in Zukunft ausüben zu können? Wohl kaum. Petri Heil!

Frische Heringe ©Ingo Wandmacher

Mehr Informationen

www.wir-fischen-sh.de

www.wwf.de

www.geomar.de