Wie das Bremer Filmfest zum Anziehungspunkt für Filmschaffende und Kinofans wurde.

Ein Beitrag von Thomas Joppig
Begonnen hat alles mit einem 24-stündigen Filmmarathon in einem Bremer Kino. Das war vor elf Jahren. Inzwischen ist das Bremer Filmfest zu einem gefragten Treffpunkt von Filmschaffenden geworden und lockt sogar Hollywood-Stars wie John Malkovich, Hugh Grant oder Vanessa Redgrave an die Weser.
Glaubt man Regisseurin Caroline Link, dann dürfte der Goldene Mops den Oscar längst abgelöst haben – zumindest als Türstopper am Eingang ihres Arbeitszimmers. Matthias Greving, Leiter des Filmfests Bremen, rätselt bis heute, ob der Austausch als Kompliment gemeint war, „oder sie den Mops einfach noch hässlicher fand als den Oscar“, wie er mit einem Grinsen sagt. Aber dass er sich diese Frage überhaupt stellen kann, zeigt schon, wie erfolgreich das Filmfest Bremen in den elf Jahren seines Bestehens geworden ist. Wäre das Filmfestival ein Mensch, so befände es sich jetzt in der beginnenden Pubertät, als Mops dagegen bereits mitten im Seniorenalter. „Pubertät passt besser zu uns“, sagt die künstlerische Leiterin Ilona Rieke. „Wir haben schon noch den Drang, uns auszuprobieren, zu wachsen und uns abzugrenzen.“
Goldener Mops erinnert an Loriot
Wer sich mit dem Gründungs- und Führungsduo des Bremer Filmfests unterhält, merkt schnell, dass es bei aller Ernsthaftigkeit in der Organisation auch mit viel Humor auf die Entwicklung des Festivals blickt. Jährlich wird es mit einem kleinen Kernteam und vielen Freiberuflern, Ehrenamtlichen und Sponsoren auf die Beine gestellt. Für diese Haltung steht auch der Filmfest-Preis, der Goldene Mops, – er ist eine Anspielung auf den Humoristen Loriot, der einst bei Radio Bremen viele seiner legendären Sketche drehte. „Es ist schon erstaunlich, aber wir sind tatsächlich das einzige Filmfestival in Deutschland, das auch einen Wettbewerb für Humor und Satire hat“, sagt Greving. 2019 ging der Goldene Mops an Caroline Link für ihren Publikumserfolg „Der Junge muss an die frische Luft“.
Publikum gibt direktes Feedback
Entstanden aus einer 24-Stunden-Filmschau im Jahr 2015 ist das Filmfest Bremen inzwischen zu einer festen Größe im Kalender vieler Filmschaffender und Filmfans geworden. Matthias Greving und Ilona Rieke bringen dabei unterschiedliche Perspektiven ein: Er ist Geschäftsführer der Bremer Produktionsfirma Kinescope Film, sie kümmert sich im Filmbüro Bremen um Filmförderung, Netzwerkarbeit und Fortbildung von Filmschaffenden. Zwei Dinge waren dem Gründungsduo von Anfang an wichtig: „Wir wollten zeigen, wie viele tolle Filme in Bremen oder mit Bremer Beteiligung gedreht werden. Und wir wollten Filmschaffenden das geben, was sich die Allermeisten wünschen – nämlich viel Kontakt zum Publikum und die Möglichkeit, ein direktes Feedback zu bekommen“, sagt Ilona Rieke.

„Kino ist eben Begegnung – gerade in diesen multimedialen Zeiten“, ergänzt Matthias Greving. Dass in der Hansestadt viele Kinos und Kulturstätten nah beieinanderliegen, ist für die beiden dabei ein klarer Vorteil gegenüber Festivals in Millionenstädten. Mit kurzen Wegen, Leihfahrrädern für Gäste, Publikumsgesprächen und viel Raum für persönliche Begegnungen punktet das Festival mit seiner familiären Atmosphäre, sind die beiden überzeugt.
Hugh Grant als Überraschungsgast
Dass dies kein Widerspruch zu bekannten Namen sein muss, zeigt die Gästeliste der vergangenen Jahre, denn seit 2018 ehrt das Filmfest auch nationale und internationale Wettbewerbsbeiträge. Auch der bereits seit 1999 jährlich durch die Sparkasse Bremen verliehene Bremer Filmpreis ist seit 2019 Bestandteil des Festivals. Mit ihm wurde 2024 etwa John Malkovich ausgezeichnet, der gleich vier Tage in Bremen weilte. Und als der britische Regisseur Stephen Frears („The Queen“) im vergangenen Jahr den Preis bei der Gala verliehen bekam, hielt Hollywood-Star Hugh Grant als Überraschungsgast auf der Bühne des Theaters am Goetheplatz die Laudatio. Er verriet, dass er außer „Guten Abend“ nur drei deutsche Wörter kennt: „Kartoffel, Strumpfhose, Kännchen“. Und er bedankte sich bei Frears, dass dieser ihn vor dem „Romantic-Comedy-Altersheim“ gerettet habe.

Ehrung für Schauspielerin Vanessa Redgrave
Hinter solch lockeren Auftritten steckt eine Menge Organisation – und eine gehörige Portion Hartnäckigkeit. „Das Problem ist immer die Koordinierung. Drehpläne oder andere Engagements machen Zusagen sehr fragil. Oft müssen wir den komplexen Weg über ihre Agenturen und PR-Manager und viele Entscheidungsinstanzen gehen, bis eine Zusage kommt“, sagt Matthias Greving. „Es hilft, wenn man darlegt, warum diese Person gut zum Filmpreis passt und warum man dieses Werk besonders hervorheben will“, ergänzt Ilona Rieke. So auch bei Schauspielerin und Menschenrechtsaktivistin Vanessa Redgrave, die 2026 mit dem Bremer Filmpreis geehrt wird: „Sie lässt sich nicht verbiegen und vereinnahmen, sondern hat über sieben Jahrzehnte ihr eigenes Ding gemacht – und das künstlerisch auf hohem Niveau. Eine solche Preisträgerin ist gerade in Zeiten wie diesen ein tolles Beispiel und ein Vorbild“, sagt Greving.
Diversity-Preis soll Vielfalt im Film fördern
Auch abseits solcher Entscheidungen setzt sich das Filmfest Bremen für Weltoffenheit und Vielfalt ein. Erstmals gehört in diesem Jahr auch ein Preis für Diversität zum Programm. „Filmfestivals sind natürlich per se divers, vielfältig und offen, aber wir wollen mit dem Preis noch mal eine Gegenposition einnehmen zu dem Trend ‚weg von Diversity‘, der jetzt leider in der Politik und in vielen Bereichen zu beobachten ist“, sagt Ilona Rieke. „Wir möchten die Fahne hochhalten und hervorheben, dass nur in der Vielfalt die Stärke liegt.“
Auf Vielfalt setzt das Festival auch bei der Auswahl der Filme, denn über die entscheidet ein Beirat aus mehr als 50 Freiwilligen – teils Filmschaffende, teils Kinofans –, altersmäßig bunt gemischt von Studierenden bis hin zu Rentnern. Dass diese Vorauswahl beim Publikum großes Vertrauen genießt, freut Ilona Rieke und Matthias Greving jedes Jahr aufs Neue. Über den Gewinnerfilm in der Kategorie Deutschlandpremieren stimmt das Publikum ab. Dabei machen oft die komplexeren und anspruchsvolleren Stoffe das Rennen – so gewann im vergangenen Jahr der Dokumentarfilm „Songs of Slow Burning Earth“, der den Kriegsalltag der Menschen in der Ukraine thematisiert.
Die eigene Heimatstadt mit anderen Augen sehen
Ungewohnte Perspektiven und Erzählweisen prägen auch das diesjährige Programm. So gibt es bei den Dokumentarfilmen in diesem Jahr eine Langzeitbeobachtung über die somalische Gemeinschaft in Bremen. „Solche Filme vermitteln dem Publikum einen Zugang zu einer ganz anderen Welt, auch wenn sie in derselben Stadt spielen, in der sie selbst leben“, sagt Rieke.
Mehr als 15.000 Menschen haben die Veranstaltungen des Filmfest Bremen 2025 besucht. Wenn es nach Matthias Greving und Ilona Rieke geht, könnten es künftig gern noch mehr werden. Auch einen Filmmarkt für Fachbesucher würden die beiden gern etablieren. Bei alledem soll das Festival jedoch seinen familiären Charakter behalten. Und einer soll auf jeden Fall bleiben: der Goldene Mops. Der besteht zwar aus budgetären Gründen nicht aus Edelmetall, sondern aus „kreativer Masse“, wie Matthias Greving sagt. Aber er hat sich bei Preisträgerinnen und Preisträgern und dem Publikum als echter Sympathieträger erwiesen – genau wie das Festival selbst.
Das 11. Filmfest Bremen findet vom 15. bis 19. April 2026 statt.
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