Jens Mecklenburg

Herausgeber & Autor

Zum Portrait

Cröllwitzer Pute

Vogel der Ureinwohner
25. Juni 2020
Croellwitzer Pute ©Ingo Wandmacher

Die ursprüngliche Heimat der Puten ist Nord- und Mittelamerika. Bereits um 500 vor Christus fingen die Ureinwohner Amerikas mit der Zähmung der Wildpute, auch Truthahn genannt, an. Die schweren Vögel und Waldbewohner dienten den Ureinwohnern als Nahrung, die Knochen als Werkzeug, und die Federn als Schmuck. Um 1520 gelangten durch spanische Seefahrer die ersten „Indischen Hühner“ nach Europa. Ihr Weg führte über Spanien nach England und 1533 schließlich nach Deutschland. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es bereits am Niederrhein und in den Niederlanden größere Herden von Puten. Mit der planmäßigen Putenzucht wurde in Deutschland allerdings erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begonnen. Es war Alfred Beeck, Direktor und Begründer der ersten stattlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Geflügelzucht in Halle-Cröllwitz, der um 1910 mit der Zucht der Cröllwitzer Pute begann. In ihr findet sich vor allem die damals beliebte belgische Landrasse Ronquiéres wieder. 1932 bekam der hübsch gescheckte Vogel anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des „Sondervereins Deutscher Putenzüchter“ offiziell seinen Namen und wurde 1936 auf dem Weltgeflügelkongress in Leipzig mit Erfolg ausgestellt. In den 50er Jahren begann schon wieder der Niedergang der Rasse. Heute ist sie im Bestand gefährdet, leben doch kaum mehr als 600 Tiere in Deutschland.


Baumschläfer

Wie alle Truthühner haben Cröllwitzer einen nackten Kopf und Hals mit rötlichen Hautwarzen. Wenn die Tiere aufgeregt sind, färben sich Kopf und Hals intensiv rot. Während der Balz schlägt der Hahn ein Rad mit seinen Schwanzfedern, richtet sein Gefieder auf, spreizt die Flügel und wirbt um die Henne mit seinem typischen Ruf – ein sehenswertes Spektakel. Die Puten haben ein weißes, schwarz gesprenkeltes Gefieder und werden vier bis acht Kilogramm schwer. Die Weibchen legen 20 bis 40 Eier im Jahr.

Der imposante Vogel ist wesentlich robuster und vitaler als seine modernen Artgenossen mit Namen wie „Big 6“ und „T 9“ aus der heute üblichen Massenhaltung in fabrikähnlichen Ställen. Während die Artgenossen in den Fabriken kaum genug Platz zum Leben haben, genießt es die Cröllwitzer Pute bei ausreichender Fläche herum zu toben und interessiert die Umgebung zu erkunden. Ähnlich wie ihre wilden Artgenossen zieht sie sich sogar zum Ausruhen und Übernachten auf Bäume zurück. Die robuste Cröllwitzer Pute ist wetterfest und eignet sich hervorragend zur extensiven Freilandhaltung. Im Sommer schätzt sie schattige Plätze, im Winter einen trockenen, zugfreien Stall oder Unterstand. Auch mag sie Sandbäder. Lässt man sie frei weiden, ernährt sie sich überwiegend von Früchten, Gräsern und Blättern, aber auch von Insekten und Schnecken. Das Fleisch ist zart, fettarm und von sehr gutem Geschmack, durch die geringen Bestände ist es jedoch schwierig zu bekommen. Dabei ist gerade die hohe Qualität des Fleisches im Zusammenspiel mit der Größe der Cröllwitzer eigentlich eine gute Voraussetzung für eine wirtschaftliche Grundlage, eignet sie sich durch die durchschnittlich kleiner werdende Familie bestens als „Portionspute“ erster Güte.

Da es kaum mehr geeignete Puten-Rassen für die Freiland- und Biohaltung gibt, wäre das Überleben der Cröllwitzer Pute ein wichtiges Signal gegen den erschreckenden Schwund genetischer Vielfalt im Putenstall, die schon immer recht gering war.