Ein Beitrag von Nils Newrzella
Auf den ersten Blick wirken sie fast wie Fabelwesen: aufrecht schwimmend, mit geschwungenem Hals und einem Kopf, der eher an ein Pferd als an einen Fisch erinnert. Die Seepferdchen gehören zu den ungewöhnlichsten Bewohnern der Meere – und zu den wenigen, die selbst erfahrene Taucher immer wieder staunen lassen. Doch hinter ihrer zarten Erscheinung verbirgt sich eine hochspezialisierte Lebensweise, die in vielerlei Hinsicht einzigartig ist. Trotz ihrer fragilen Erscheinung sind sie perfekt an ihren Lebensraum angepasst und überstehen selbst wechselhafte Umweltbedingungen erstaunlich gut.
Ein Leben im Takt der Strömung
Seepferdchen leben vor allem in flachen Küstengewässern, Seegraswiesen und Korallenriffen. Statt aktiv weite Strecken zu schwimmen, lassen sie sich oft von der Strömung treiben oder verankern sich mit ihrem Greifschwanz an Pflanzen oder Korallen. Diese Anpassung spart Energie – denn Seepferdchen sind keine besonders guten Schwimmer. Ihre Fortbewegung erfolgt hauptsächlich durch eine kleine Rückenflosse, die so schnell schlägt, dass sie für das menschliche Auge kaum sichtbar ist. Ihr Körper ist von knöchernen Platten umgeben, die wie eine Rüstung wirken. Gleichzeitig ermöglicht ihnen ihre Tarnfähigkeit, mit der Umgebung zu verschmelzen: Farbe und sogar Struktur der Haut können sich verändern. So werden sie für Fressfeinde nahezu unsichtbar. Einige Arten entwickeln sogar fadenartige Hautfortsätze, die sie noch stärker wie Pflanzen erscheinen lassen. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus kleinen Krebstieren und Plankton. Mit ihrem röhrenförmigen Maul saugen sie Beute blitzschnell ein – ein Vorgang, der nur wenige Millisekunden dauert. Da sie keinen Magen besitzen, müssen sie fast kontinuierlich fressen, um ihren Energiebedarf zu decken.
Wenn das Männchen die Jungen austrägt

Eines der faszinierendsten Merkmale der Seepferdchen ist ihre Fortpflanzung – denn hier werden die Rollen scheinbar vertauscht. Nach einem oft tagelangen Balzritual, bei dem sich die Partner synchron bewegen und ihre Schwänze umeinander schlingen, überträgt das Weibchen seine Eier in die Bruttasche des Männchens. Viele Arten gelten dabei als monogam: Die Tiere bleiben über längere Zeit zusammen und finden täglich zu einem kurzen „Begrüßungstanz“ wieder zueinander. Dort geschieht etwas Außergewöhnliches: Das Männchen befruchtet die Eier und übernimmt anschließend die gesamte „Schwangerschaft“. In seiner Bruttasche werden die Embryonen mit Sauerstoff versorgt, osmotisch reguliert und geschützt – ähnlich wie in einer Plazenta. Je nach Art und Temperatur dauert diese Tragzeit etwa zwei bis vier Wochen. Schließlich bringt das Männchen voll entwickelte Jungtiere zur Welt – manchmal mehrere hundert auf einmal. Die Geburt ist ein anstrengender Prozess, bei dem sich das Männchen regelrecht „verkrampft“, um die winzigen Seepferdchen ins Wasser zu entlassen, indem es sie aus der Bruttasche drückt. Nach der Geburt sind die Jungtiere sofort auf sich allein gestellt und beginnen unmittelbar mit der Nahrungssuche. Auch das Erkennen von Männchen und Weibchen ist bei Seepferdchen möglich: Der wichtigste Unterschied liegt in der Bruttasche. Beim Weibchen ist der Übergang vom Bauch zum Schwanz eher kantig und ohne ausgeprägte Wölbung. Beim Männchen hingegen ist die Bruttasche deutlich sichtbar, wodurch der Übergang vom Bauch in den Schwanzbereich gleichmäßiger und leicht aufgebläht wirkt.
Seenadeln – Nahe Verwandte mit besonderen Gemeinsamkeiten

Die Seenadel gehört zur selben Familie wie die Seepferdchen (Syngnathidae) und teilt viele ihrer besonderen Eigenschaften. Wie ihre bekannteren Verwandten sind sie eher langsame Schwimmer und durch Knochenplatten statt Schuppen geschützt. Auch bei ihnen übernehmen die Männchen die Brutpflege: Während einige Arten eine Bruttasche besitzen, tragen andere die Eier offen an der Bauchseite, wo sie kontinuierlich mit Sauerstoff versorgt werden. Zudem sind beide Meister der Tarnung. Mit angepassten Farben und teils sogar veränderten Körperstrukturen verschmelzen sie nahezu vollständig mit Seegras, Algen oder Korallen. Während heimische Arten meist unauffällig gefärbt sind, zeigen tropische Seenadeln und Seepferdchen oft deutlich kräftigere, teils leuchtende Farben und auffällige Muster. Außerdem verfügen sie über ein bemerkenswertes Sinnesvermögen: Ihre Augen können sich unabhängig voneinander bewegen und ermöglichen so eine nahezu vollständige Rundumsicht. Da ihnen ein Magen fehlt, wird die Nahrung zwar schnell verdaut, aber weniger effizient verwertet – das ist der Grund, warum Seenadeln und Seepferdchen fast ununterbrochen auf Nahrungssuche sind.
Ein Blick ins Aquarium
Im Aquarium GEOMAR Kiel lassen sich Seepferdchen aus nächster Nähe beobachten. Ihre ruhigen Bewegungen und ihr außergewöhnliches Verhalten machen sie zu echten Publikumslieblingen. Das Aquarium bietet einen spannenden Einblick in die Vielfalt mariner Lebensräume und verbindet Forschung mit anschaulicher Vermittlung. Direkt an der Kieler Förde gelegen, lädt es Besucherinnen und Besucher dazu ein, die faszinierende Welt unter Wasser zu entdecken – und dabei auch die kleinsten und ungewöhnlichsten Bewohner mit neuen Augen zu sehen.
Aquarium GEOMAR Kiel
Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung
Düsternbrooker Weg 20
24105 Kiel
Aquarium GEOMAR
Öffnungszeiten:
täglich 9 – 18 Uhr.
Öffentliche Seehundfütterung: Mo – Do um 14.30 Uhr, Sa, So um 10 Uhr und um 14.30 Uhr.
Zusätzlich: Mo – Do um 10 Uhr Medical Training

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