Ein Beitrag von Nils Newrzella
Wer an elegante Meeresbewohner denkt, hat oft Delfine oder bunte Rifffische vor Augen. Doch verborgen im Sand der europäischen Küsten lebt ein Tier, das auf ganz eigene Weise fasziniert: der Nagelrochen. Meisterhaft getarnt, mit einem Körper wie ein lebender Teppich und Sinnen, die weit über das menschliche Vorstellungsvermögen hinausgehen, gehört er zu den spannendsten Bewohnern unserer Meere.
Ein Jäger im Verborgenen
Der Nagelrochen ist ein typischer Bodenbewohner. Er bevorzugt schlammige, sandige oder kiesige Untergründe, in denen er nahezu unsichtbar wird. Oft lugen nur seine Augen und die sogenannten Spirakel aus dem Sediment. Das sind kleine Atemöffnungen, die sich direkt hinter den Augen auf der Oberseite seines Körpers befinden. Über diese Spirakel kann er Wasser einsaugen, ohne Sand einzuatmen, während er eingegraben auf Beute lauert. Seine Jagdstrategie ist ebenso effizient wie raffiniert. Mit seinem ausgeprägten Geruchssinn und den sogenannten Lorenzinischen Ampullen, speziellen Sinnesorganen zur Wahrnehmung elektromagnetischer Felder, spürt er selbst versteckte Beutetiere auf. Die Muskelbewegungen kleiner Fische oder Krebse erzeugen elektrische Signale, die der Rochen „sehen” kann. Hat er sein Ziel lokalisiert, breitet er seine flügelartigen Brustflossen aus und bedeckt die Beute vollständig – ein Entkommen ist dann nahezu unmöglich.

Das überraschende „Gesicht“ von unten
Was viele nicht wissen: Die Unterseite des Nagelrochens wirkt fast wie ein eigenes Gesicht. Dort befinden sich das Maul, die Nasenöffnungen und die Kiemenspalten. Besonders auffällig ist die Anordnung dieser Strukturen, die oft wie ein freundlicher oder sogar lächelnder Ausdruck erscheint. Tatsächlich bilden die Nasenklappen und das Maul eine U-förmige Struktur, die diesem Eindruck verstärkt. Funktional ist diese Anordnung perfekt angepasst: Während die Oberseite für Tarnung und Wahrnehmung zuständig ist, dient die Unterseite vollständig der Nahrungsaufnahme und Atmung. Die Kiemenspalten liegen geschützt, sodass beim Fressen am Meeresboden möglichst wenig Sediment eindringt.

Fortpflanzung: Kleine „Meerjungfrauenbörsen“
Der Nagelrochen ist ovipar, also eierlegend. Die Paarungszeit erstreckt sich von Februar bis September, wobei sich Männchen und Weibchen in einer charakteristischen Umarmung begegnen. Interessanterweise findet diese Paarung in der Ostsee nicht statt. Die Weibchen legen bis zu 170 Eier pro Jahr ab. Diese sind in rechteckige, hornartige Kapseln eingeschlossen, die oft als „Meerjungfrauenbörsen“ bezeichnet werden. An ihren Ecken besitzen sie spitze Fortsätze, mit denen sie im Bodensubstrat verankert werden. Durch feine Schlitze strömt kontinuierlich Wasser, das den Embryo mit Sauerstoff versorgt. Nach etwa fünf Monaten schlüpfen die Jungtiere – vollständig entwickelt und bereit für ein Leben auf dem Meeresboden.
Wachstum und Verbreitung
Weibliche Nagelrochen erreichen beeindruckende Größen von bis zu 1,4 Metern, während Männchen etwas kleiner bleiben. Mit einer Lebenserwartung von rund 15 Jahren sind sie langlebige Bewohner ihrer Lebensräume. Man findet sie vor allem im Ostatlantik, bis runter entlang der Westküste Afrikas, im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. An den deutschen Küsten sind sie kaum noch zu finden, da sie vor allem in Nord- und Ostfriesland um 1910 herum so stark überfischt wurden, dass sie als ausgerottet galten. Seitdem konnten sich die Bestände kaum erholen und angespülte Eier findet man nur noch selten.
Ein Blick ins Aquarium
Wer den Nagelrochen aus nächster Nähe erleben möchte, kann dies im Aquarium GEOMAR Kiel tun. Direkt an der Förde gelegen, bietet das Aquarium spannende Einblicke in die heimische Unterwasserwelt der Nord- und Ostsee sowie in die Tropen. Besucherinnen und Besucher können hier nicht nur Rochen, sondern auch zahlreiche andere Meeresbewohner entdecken. Das Aquarium verbindet Forschung und Bildung: Als Teil des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung steht es für wissenschaftliche Expertise und vermittelt Wissen über marine Ökosysteme auf anschauliche Weise. Regelmäßige Fütterungen der Seehunde machen den Besuch zu einem besonderen Erlebnis – besonders für alle, die die verborgenen Seiten unserer Meere kennenlernen möchten.

Aquarium GEOMAR Kiel
Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung
Düsternbrooker Weg 20
24105 Kiel
Aquarium GEOMAR
Öffnungszeiten:
täglich 9 – 18 Uhr.
Öffentliche Seehundfütterung: Mo – Do um 14.30 Uhr, Sa, So um 10 Uhr und um 14.30 Uhr.
Zusätzlich: Mo – Do um 10 Uhr Medical Training





