Ein Beitrag von Nils Newrzella
Wer an Tiere des Meeres denkt, stellt sich häufig Fische, Krebse oder Quallen vor. Doch am Boden vieler Ozeane lebt eine Tiergruppe, die sich auf den ersten Blick kaum mit anderen Meerestieren vergleichen lässt: die Stachelhäuter. Zu ihnen gehören Seesterne, Schlangensterne, Seeigel, Seegurken und Seelilien – Tiere, die oft fremdartig wirken und dennoch eine entscheidende Rolle in marinen Ökosystemen spielen. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Erscheinung verbindet sie ein gemeinsamer Bauplan, der seit Millionen Jahren erstaunlich erfolgreich ist.
Verwandt trotz unterschiedlicher Formen
Die Gemeinsamkeiten der Stachelhäuter werden erst auf den zweiten Blick sichtbar. Ein zentrales Merkmal ist ihre sogenannte Pentameri, der meist auf einer Fünfer-Symmetrie basiert. Besonders deutlich wird dies bei vielen Seesternen, deren Arme sternförmig vom Zentrum ausgehen. Doch auch Seeigel oder Schlangensterne folgen diesem Muster, selbst wenn es weniger offensichtlich erscheint. Ebenso typisch ist ihr kalkhaltiges Innenskelett, das aus miteinander verbundenen Platten besteht und häufig von Stacheln bedeckt ist – daher der Name „Stachelhäuter“. Diese Stacheln dienen nicht nur dem Schutz vor Fressfeinden, sondern helfen je nach Art auch bei Bewegung oder Orientierung auf dem Untergrund. Eine weitere Besonderheit besitzen alle Stachelhäuter gemeinsam: das sogenannte Ambulakralsystem. Dabei handelt es sich um ein hydraulisches Netzwerk aus wassergefüllten Kanälen, mit denen die Tiere ihre winzigen Ambulakralfüßchen steuern.

Laufen mit Wasser – die Welt der Ambulakralfüßchen
Wer einen Seestern einmal vorsichtig von unten betrachtet, entdeckt Hunderte kleiner röhrenförmiger Füßchen. Diese Ambulakralfüßchen funktionieren wie winzige hydraulische Saugnäpfe. Über Wasserdruck werden sie ausgestreckt und wieder eingezogen. Für eine Bewegung streckt der Seestern zunächst einzelne Füßchen nach vorne aus und heftet sie mit ihren kleinen Haftscheiben am Untergrund fest. Anschließend ziehen sich Muskeln zusammen, wodurch der Körper langsam nachgezogen wird. Danach lösen sich die Füßchen wieder und der Vorgang beginnt von vorne – allerdings nicht gleichzeitig, sondern in einer präzise abgestimmten Reihenfolge. So entsteht die langsame, fließende Bewegung, mit der sich Seesterne über den Meeresboden bewegen. Damit bewegen sich Stachelhäuter erstaunlich präzise über Felsen, Sand oder Muschelbänke. Manche Arten nutzen die Füßchen zudem zum Festhalten, Graben oder sogar zur Wahrnehmung ihrer Umwelt. Bei Seeigeln helfen sie zusätzlich dabei, Nahrung zum Mund zu transportieren. Obwohl ihre Bewegungen langsam erscheinen, arbeiten im Hintergrund hochkomplexe Prozesse: Das Meerwasser wird durch spezielle Öffnungen in das Ambulakralsystem geleitet und erzeugt den notwendigen Druck für jede einzelne Bewegung. Ein Seestern läuft daher gewissermaßen „mit Wasser“.
Ein langsamer Jäger mit ungewöhnlicher Methode
Auch wenn Seesterne friedlich wirken, sind viele von ihnen geschickte Räuber. Besonders Muscheln stehen häufig auf ihrem Speiseplan. Hat ein Seestern seine Beute gefunden, heftet er sich mit hunderten Ambulakralfüßchen an die Schale und zieht diese mit gleichmäßigem Druck ein kleines Stück auseinander. Dann kommt eines der erstaunlichsten Merkmale zum Einsatz: der sogenannte Stülpmagen. Der Seestern kann seinen Magen durch den Mund nach außen stülpen und direkt in die geöffnete Muschel schieben. Dort beginnt die Verdauung bereits außerhalb des Körpers. Erst anschließend wird die vorverdaute Nahrung wieder eingezogen. Auch viele Seeigel ernähren sich von Algen, abgestorbenem Material oder kleinen Organismen. Dafür besitzen sie ein komplexes Kauwerkzeug aus fünf Kalkzähnen, das als „Laterne des Aristoteles“ bezeichnet wird. Mit diesem Mundapparat können sie Algen von Steinen abschaben oder Nahrung zerkleinern.

Wenn Arme nachwachsen
Ein weiteres erstaunliches Merkmal vieler Stachelhäuter ist ihre Regenerationsfähigkeit. Besonders bei Seestern und Schlangenstern können verlorene Arme teilweise oder vollständig nachgebildet werden. Verliert ein Tier beispielsweise durch einen Angriff einen Arm, beginnt unmittelbar ein komplexer Regenerationsprozess. Über Wochen bis Monate wächst neues Gewebe nach – einschließlich Nerven, Kalkstrukturen und Bewegungsorganen. Einige Arten können sogar aus einem verbliebenen Arm und einem Teil des Zentralkörpers einen nahezu vollständigen neuen Körper bilden. Bei Schlangensternen geschieht der Verlust von Armen oft sogar bewusst: Werden sie bedroht, werfen sie einzelne Gliedmaßen gezielt ab, um Räuber abzulenken und zu entkommen. Der verlorene Arm wächst später nach. Manche Schlangenstern-Arten nutzen diese Fähigkeit sogar zur asexuellen Vermehrung. Dabei teilt sich das Tier mehr oder weniger in der Mitte der Körperscheibe, sodass aus den beiden Hälften jeweils ein neuer Schlangenstern entsteht. Anschließend regenerieren beide Tiere die fehlenden Arme. Deshalb sieht man zu bestimmten Jahreszeiten besonders häufig Schlangensterne mit nur zwei oder drei vollständig ausgebildeten Armen, während die übrigen Gliedmaßen gerade nachwachsen.
Meister der Anpassung am Meeresboden
Stachelhäuter besiedeln nahezu alle Meeresräume der Erde – von flachen Küstenzonen bis in mehrere tausend Meter Tiefe. Während manche Seeigel Algen von Felsen abweiden, durchkämmen Seegurken den Meeresboden nach organischen Partikeln und tragen so zur Reinigung des Sediments bei. Viele Arten erscheinen langsam und unscheinbar, erfüllen jedoch wichtige Aufgaben im Ökosystem. Sie beeinflussen Nahrungsnetze, halten Lebensräume im Gleichgewicht und dienen wiederum selbst als Nahrung für andere Tiere.
Ein Blick ins Aquarium
Im Aquarium GEOMAR Kiel lassen sich verschiedene Stachelhäuter aus nächster Nähe beobachten. Besonders spannend ist der Blick auf ihre Bewegungen: Erst bei genauerem Hinsehen wird sichtbar, wie fein abgestimmt ihre Ambulakralfüßchen arbeiten oder wie unterschiedlich die Körperformen der einzelnen Gruppen sind. Das Aquarium verbindet Forschung und Wissensvermittlung und gibt Einblicke in die faszinierende Unterwasserwelt der Nord- und Ostsee. Direkt an der Kieler Förde gelegen lädt es Besucherinnen und Besucher dazu ein, Meerestiere zu entdecken, die oft verborgen am Meeresboden leben und deren Besonderheiten man erst auf den zweiten Blick erkennt.

Aquarium GEOMAR Kiel
Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung
Düsternbrooker Weg 20
24105 Kiel
Aquarium GEOMAR
Öffnungszeiten:
täglich 9 – 18 Uhr.
Öffentliche Seehundfütterung: Mo – Do um 14.30 Uhr, Sa, So um 10 Uhr und um 14.30 Uhr.
Zusätzlich: Mo – Do um 10 Uhr Medical Training
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