Jens Mecklenburg

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Wo bleiben die Alten?

Interview mit Eckart Brandt über Apfeleinfalt und -vielfalt
8. September 2020

Mit der goldenen Herbstzeit beginnt auch die Apfelernte. Dass diese längst mehr so üppig ausfällt liegt nicht nur an den wärmeren Wintern, sondern vor allem an der Verarmung genetischer und geschmacklicher Vielfalt. Eckart Brandt, der norddeutsche „Apfelpapst“ und Autor zahlreicher Bücher über alte Obstsorten und Bienen, zählt zu den wenigen Erzeugerinnen und Erzeugern, die noch regional-typische Obstsorten auf Hochstämmen züchten. Im Gespräch erklärt er, wie es heute um die Apfelvielfalt bestellt ist und warum sich der Griff zu alten Sorten lohnt.

Eckart Brandt. © Judith Bernhard

Wie kam es zum drastischen Rückgang regional-typischer Apfelsorten?

Motor dafür war der Handel, der fand, dass man mit einem vielfältigen Sortiment weder ordentlich arbeiten noch Geld verdienen konnte. Er stieß nach dem zweiten Weltkrieg die „Sortenbereinigung“ an. Ein schreckliches Wort, als seien die alten Sorten schmutzig gewesen. Bis dahin hatte es allein in Norddeutschland rund 200 Apfelsorten im Handel gegeben. Dass nach dem Weltkrieg Obstanlagen verwildert und verwaist waren nutzte die Wirtschaft für ihr großes Aufräumen. Übrig blieben Sorten die passabel schmeckten, die man gut anbauen und handeln konnte. Es waren die Anfänge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, das heißt mehrheitsfähig waren Sorten, die in allen beteiligten Ländern angebaut werden konnten. Lokalmatadoren wie der Finkenwerder Herbstprinz hatten ab den 60- und 70-er Jahren keine Chance mehr, denn in Südtirol zum Beispiel kannte ihn niemand. Es war also eine gewollte Entwicklung. Hätte man es dem Zufall überlassen wäre es auf eine immer größere Diversifizierung von Sorten hinausgelaufen.

Welche Rolle spielte dabei die Politik?

Die half mit Subventionen nach. Zuschüsse gab es europaweit nur noch für Erzeuger, die ihre alten Hochstämme rodeten und Niederstammanlagen mit auserwählten modernen Sorten in Reih und Glied kultivierten.

Welche Folgen hatte diese Verarmung von Vielfalt?

Erstens kam es zum Verlust der geschmacklichen Vielfalt. Zweitens zog sich die genetische Vielfalt und mit ihr robuste und von sich aus vitale Sorten auf Streuobstwiesen und in Obstgärten zurück. Drittens setzte der moderne Tafelobstanbau die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und Düngemittel voraus. Wirtschaft und Politik setzten alles auf eine Karte, die Golden Delicious hieß. Wo er klimatisch nicht fruchtete, kreuzte man ihn ein. Doch genauso fruchtbar wie der Golden Delicious und seine Einkreuzungen waren, genauso empfänglich waren sie für alle Krankheiten und Schädlinge, die ein Apfel bekommen kann. Das hatten die Verfechter des modernen Tafelobstanbaus großzügig übersehen. Ich kenne Vertreter des Obstanbaus, die sich heute wünschen, man hätte kritischer hingeschaut, was man zum Ausgangsmaterial moderner Sorten macht. Durch ihre Empfindlichkeit sind die modernen Apfelsorten für Privatmenschen nicht handhabbar, es sei denn sie kaufen das Chemiepaket gleich mit. Für mich kommt das einer Entmündigung gleich und es wundert mich, dass die Leute das so haben über sich ergehen lassen.

Finkenwerder Herbstprinz. © Judith Bernhard

Die Politik spricht sich verstärkt für den Schutz von Vielfalt aus. Stimmt Sie das zuversichtlich?

Da bin ich eher zurückhaltend. Das eine ist, Resolutionen zum Erhalt der Vielfalt zu unterzeichnen; dem Taten folgen zu lassen was anderes. Ich bin offen gesagt froh, wenn uns die Politik keine weiteren Knüppel zwischen die Beine wirft und dafür ‚abstraft‘, die Vielfalt zu retten. Die Regulierungswut der Brüsseler Bürokratie ist enorm. Dass es am Rande der Landwirtschaft ein Feld gibt, wo aus ihrer Sicht unkontrollierter Wildwuchs stattfindet, scheint ihr unerträglich. Dabei besetzen wir eine Nische im Vergleich zur Masse der industriell erzeugten Äpfel. Seit zehn Jahren unternimmt sie immer wieder Anläufe alles erfassen und registrieren zu wollen. Würden Regularien, die für den Erwerbsobstbau gelten rigoros auf jede in unserem Besitz befindliche Apfelsorte übertragen, müssten viele von uns ihren Betrieb einstellen. Politische Ansagen zum Erhalt der genetischen Vielfalt wären ad absurdum geführt. Jungbäume alter Sorten kämen nicht mehr in den Handel. Dieses Damoklesschwert hängt permanent über uns.

Wie ist die Nachfrage von Verbraucherinnen und Verbrauchern?

Da gibt es die Liebhaber alter Sorten, die wissen, dass es früher auch ohne Chemie ging. Sie suchen für ihren Standort angepasste Sorten und Empfehlungen. Die Käuferschichten unserer Jungbäume etwa sind bunt gemischt, darunter gibt es viele junge Familien. Die Nachfrage insgesamt werden wir nur steigern, indem wir die Apfelvielfalt mit allen Sinnen erlebbar machen. Sobald jemand wohlschmeckende Apfelaromen auf seiner Zunge hatte, ist er eher bereit dafür zu kämpfen, dass es sie weiter gibt. Immer nur an den Intellekt zu appellieren reicht nicht aus.

Haben Sie eine Lieblings-Apfelsorte?

Nicht nur eine, darunter ist der Arche-Passagier von Slow Food, der  Finkenwerder Herbstprinz. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit aus dem Garten meines Vaters. Er ist vielseitig und markant und auch in jeglicher Art der Verarbeitung köstlich, als sortenreiner Saft, als Gelee, Likör oder Obstbrand.

Wir stehen Mitten in der Apfelsaison, was erwarten Sie von der diesjährigen Ernte?

Aufgrund der wärmeren Winter habe ich zwei Floppjahre mit herben Ernteeinbußen hinter mir. Durch die höheren Temperaturen kommt die Obstblüte immer früher. Ein kurzer Frost reicht aus, um die Blüten zu zerstören. Dagegen sind selbst robuste Sorten nicht resistent. Üppig wird es deshalb auch diese Saison nicht aussehen. Bei mir ist gerade einmal ein Apfel auf jedem 30. Baum zu erkennen. Das ist natürlich bitter. Während man das Obst auf freien Feldern suchen muss, wächst die Ernte beim Erwerbsobstbau im alten Land zu 80 Prozent unter Frostschutzberegnung und wird dadurch gerettet. Für mich aber liegt darin nicht die Lösung. Das entscheidende für Mensch und Umwelt ist die Vielfalt, wir dürfen nicht nur auf einem Bein stehen und müssen alles tun, um für nachhaltige Kleinteiligkeit im Obstanbau zu begeistern.

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