Jens Mecklenburg

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Eckart Brandt: eine runde Sache

Dorfjunge, Student, Schnapsfahrer, Model, Apfelpapst
12. September 2020
© Judith Bernhard

Zärtlich streicht Eckart Brandt mit der Hand über den knorrigen Stamm, betastet die moosige Rinde, kratzt mit den Fingern Holzstaub aus einer Höhlung: „Wer hier drin wohl wohnt?“, murmelt er in seinen prächtigen Bart. Sein Blick gleitet suchend am Stamm empor. Der Baumfreund steht in einem Obstgarten im Alten Lande, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Cuxhaven. Der Marschstreifen am Unterlauf der Elbe gilt als Deutschlands größtes zusammenhängendes Obstbaugebiet. Von Kanälen durchzogene Obstgärten; saftige Wiesen, auf denen schwarzweiß gefleckte Kühe weiden; die Dörfer geprägt von Bauernhäusern aus rotem Backstein, deren weißes Fachwerk in der Sonne leuchtet. In dieser Landschaft wuchs Eckart Brandt auf, in diese Landschaft zog es ihn zurück, nachdem er sich die Welt angeschaut hatte. Das erste Obst wurde hier schon vor 700 Jahren geerntet, heute sollen in den Gärten des Alten Landes 18 Millionen Obstbäume stehen, vier Fünftel davon Apfelbäume.

Eckart Brandt ist ein untersetzter Mann mit kräftiger Statur, roten Wangen, blonder Lockenpracht und Rauschebart. Er wurde Obstbauer und Bewahrer alter Regionalsorten aus Passion. Der norddeutsche „Apfelpapst“ ist aber auch ein grandioser Autor und Geschichtenerzähler. In seinem neusten Buch erzählt er aus seinem Leben, bevor er zum Apfelexperten avancierte. 


„Mein Gott, was für ein hässliches Kind“

„Mein Gott, was für ein hässliches Kind“, soll die Hebamme beim Anblick des kleinen Eckart ausgerufen haben. Ein geglückter Start ins Leben.

„Wenn man frühe Kinderfotos von mir anschaut, scheine ich ein glückliches pausbäckiges Kind gewesen zu sein, dass eine gewisse Ähnlichkeit mit dem pausbäckigen, goldgelockten Knaben aufwies, dessen Porträt die Tüten unserer geliebten Brandt-Zwiebacke zierte. Als ich später während meiner Studienzeit als Mannequin bzw. als Model beim Künstlerdienst des Arbeitsamtes registriert war, erzählte ich gerne, dass der Hagener Zwieback-Fabrikant Carl Brandt mein Onkel sein und mein Konterfei schon früh in seiner Zwieback-Reklame einsetzte. Damit sei schon früh in meiner Kindheit der Grundstein zu meiner späteren Mannequin-Karriere gelegt worden. Onkel Carl habe dann später auch den Kontakt zu der in seiner Nähe wohnenden Claudia Schiffer hergestellt, was natürlich meiner Karriere sehr dienlich war.“

© Eckart Brandt

Aufgewachsen in den 50er und 60er Jahren im 700-Einwohner-Dorf Wohnste, erlebt er den einschneidenden Strukturwandel in der Landwirtschaft hautnah mit und wie sich dadurch auch das Dorfleben veränderte. Brandt versteht es einfühlsam wie witzig zu erzählen, ohne zu verklären oder romantisieren. Er mag die Menschen und nimmt sie wie sie sind. Für einen Bauernjungen seiner Zeit ungewöhnlich, besucht er – mit Erfolg – das Gymnasium in Buxtehude. Er reist mit dem Moped durch Europa, studiert in Hamburg, verdingt sich als Schnapsfahrer und Assistent bei der „Tagesschau“ und wird sogar Model für Astra. Später kehrt er in die Region zurück und kümmert sich um die alten fast vergessenen regionaltypischen Sorten seiner Kindheit. Auf seine Art bleibt er der Obstbau-Tradition des Alten Landes verpflichtet. Als Historiker begibt er sich auf Spurensuche und rettet, was noch an alten Apfelsorten zu retten ist. Rund 1.000 Sorten hat er mittlerweile „archiviert“. Für ihn ist der Apfel ein Kulturgut. Über die heutigen Modesorten wie Elstar, Jonagold oder Golden Delicious sagt er: „Die sehen nicht nur nach Lackschuh aus, die schmecken auch so.“


Das Gute & Schöne bewahren

Brandt setzt dagegen auf aromatische Regionalsorten: In seinem Obstgarten vermehrt er alte Lokal-Matadoren wie Celler Dickstiel, Schöner von Haseldorf, Vierländer Blutapfel, Juwel von Kirchwerder – schon die Namen klingen nach Poesie. Besonders stolz ist der Obstbauer auf die altbewährte Sorte Finkenwerder Herbstprinz, ein saftiger, gelbroter Tafelapfel mit ausgewogenem Zucker-Säure-Verhältnis, der sich auch ausgezeichnet zum Backen, Mosten und für Obstbrand eignet. „Ein Apfel mit rustikalem Charakter“, schwärmt Brandt vom Herbstprinzen. „Man schmeckt die Aromen des norddeutschen Sommers und die nahe See.“ Eigenschaften, die auch die Feinschmecker von Slowfood überzeugten: Die Genießer-Vereinigung hat den Finkenwerder Herbstprinzen in ihre „Arche des Geschmacks“ aufgenommen, die regionale Spezialitäten vor dem Untergang retten soll.
Brandt ist gelernter Historiker und das schimmert immer wieder durch, wenn er von seinen Recherchen nach der Herkunft alter Apfelsorten erzählt. Ein schier unerschöpfliches Thema für den Spross einer Imker-Familie, der erst über Umwege zum Obstbau gefunden hat. Weil das Studium keine beruflichen Perspektiven bot, hatte sich Brandt Anfang der 80er Jahre auf den Betrieb einer Mosterei verlegt. Die vielen, nie gesehenen Apfelsorten, die ihm die Leute damals kistenweise in den Hof stellten, entfachten seine Neugier: Wie er es als Historiker gelernt hatte, begann er, Dokumente, Ernte-Statistiken und Sorten-Bücher aus dem „goldenen Zeitalter der Pomologie“ im 19. Jahrhundert zu studieren. So wurde die Apfelvielfalt zum Leitmotiv von Eckart Brandts Leben.


Die Liebe zum Apfelbaum

Wenn Brandt in seinem typischen Blaumann und rotweißkariertem Hemd durch das hohe Gras zwischen seinen Apfelbäumen stapft, den Blick fest auf die Baumreihen geheftet, wird seine Apfelliebe körperlich spürbar. Im Vorbeigehen befühlt er erste knospende Früchte; rupft ein paar welke Blätter von einem tief hängenden Ast; begutachtet einen Baum, dessen Rinde sich als wolliges Gewucher von den Ästen schält. Hochstämmige Bäume, wie sie Eckart Brandt in seinen Apfelgärten stehen hat, sind heutzutage die Ausnahme: „Man muss ständig die Leiter umstellen, damit man alle Äpfel erwischt“, erläutert er. „Die Ernte dauert dreimal so lange wie bei niedrigstämmigen Spindelbäumen.“ Unökonomisch sind auch die großen Abstände zwischen den Bäumen; verschenkter Platz, der kein Geld bringt. Ein Luxus, den der Obstbauer jedoch nicht missen mag – zwischen den Baumkronen soll schließlich noch der Himmel durchscheinen.


Eine runde Sache

Es ist eine runde Sache mit den Äpfeln und Eckart Brandt. Mag sein, dass sein Aussehen dazu beträgt, rund und rosig das Gesicht, umkränzt von einigen widerborstigen Haarzweigen. Als er vor einigen Jahren auf der EXPO in Mailand war, um im deutschen Pavillon einen Film über ihn und seine Arbeit vorzustellen, hallte ihm schon auf dem Weg dorthin ein lautes „Papa di mele!“ entgegen. Der „Apfelpapst“ war geboren. Man kennt ihn in Pomologen-Kreisen weltweit, ihn und seine Leidenschaft für die Äpfel.

Wenn man sich mit ihm über Äpfel unterhält, kann man selbst als Apfelkenner noch staunen. Wie er stundenlang unterhaltsam wie kenntnisreich von den kasachischen Apfelurwäldern berichtet, von denen unsere Äpfel wohl abstammen. Er kennt genau die vier deutschen Klimazonen und welche Sorten wo am besten gedeihen. Er erzählt von seinen Begegnungen und Beobachtungen auf den Spuren der Äpfel. Von den anderen Apfelsammlern. Von den Streuobstwiesen, alten Beständen in Hessen oder Brandenburg, von seinem eigenen Boomgarden-Projekt hinter Stade bei Hamburg. Er kennt und mag Äpfel und Bäume und er mag Menschen. „Prüfet aber alles und das Gute behaltet“, ist das sympathische Lebensmotto von Eckardt Brandt. Unbedingt lesenswert!


Zum Boomgarden-Projekt: 

http://www.boomgarden.de/

Eckart Brandt:

Die erste Hälfte meines Lebens. Vom Land in die Stadt – und wieder zurück.

KJM Buchverlag, 166 Seiten, HC, 15 Euro.

 

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