Gabriele Haefs

Autorin

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Speck mit Stippe – eine norwegische Spezialität

Wie ein Romanheld Essgewohnheiten verändert
8. November 2020

„Speck mit Stippe“ klingt eigentlich nicht nach Spezialität, auf Norwegisch auch nicht: Flesk med duppe. Man hört doch geradezu, dass es sich um Hausmannskost handelt! So wenig klingt es danach, dass lange Zeit nicht einmal den Osloer Restaurants fein genug war, die norwegische Hausmannskost anbieten, Flesk med duppe auf der Speisekarte hatten. Das hat sich allerdings geändert. Also nicht so, dass man nun einfach irgendein Osloer Restaurant betreten und zuversichtlich um Flesk med duppe bitten kann, so nicht. Aber es werden immer mehr, und zumindest im Restaurant Larsen steht es fest auf dem Programm.

©MatPrat

Das Larsen ist, trotz seiner relativen Jugend (eröffnet 1951), ein Urgestein unter Oslos Restaurants. In norwegischen Reiseführern wird es bezeichnet als eine der „typischsten braunen Kneipen“ der Stadt. Unter „braunen Kneipen“ versteht man in Norwegen die ganz urigen, die fast nur von Stammgästen besucht werden, und wo die Wände vom jahrzehntelangen Tabaksrauch braungebeizt sind. Seit 2005 gilt in Osloer Lokalen striktes Rauchverbot, brauner werden die Wände also nicht mehr, aber natürlich ist das Larsen so gemütlich wie eh und je. Die Stammgäste sind geblieben, viele neue dazugekommen und die Speisekarte wurde erweitert durch „Flesk med duppe“. Und das kam so: In dem Roman „Blutsbrüder“ lässt der Autor Ingvar Ambjørnsen seine Helden Elling und Kjell Bjarne das Restaurant Larsen aufsuchen, weil sie gesehen haben, dass es dort als Tagesgericht Speck mit Stippe gibt. Sie haben sich nur im Tag vertan, an diesem Tag gibt es etwas anderes. Die beiden Helden sind entsetzt, es ist ihr erster Restaurantbesuch seit vielen Jahren (der Roman gibt darüber Aufschluss, warum es in ihrem Leben keine solchen Unternehmungen gegeben und was nun zu diesem plötzlichen Umschwung geführt hat). Dramatische Szenen scheinen bevorzustehen, aber die reizende Serviererin Johanne kann helfen, in der Küche finden sich noch zwei Portionen vom Vortag. Sofort verliebt sich Kjell Bjarne in die Schöne, aber das ist eine andere Geschichte. Im Larsen las man damals keine Romane, und die Belegschaft war bass erstaunt, als sich immer häufiger bisher nie gesehene Gäste einfanden, die Speck mit Stippe zu speisen wünschten, ein Gericht, das im realexistierenden Larsen, anders als im Roman, an keinem Tag vorgesehen war. Aber der kluge Gastwirt gibt dem Gast, was der Gast wünscht, und im Larsen gibt es seither zuverlässig Speck mit Stippe. Jeden Donnerstag als Tagesgericht. Ansonsten halten sich die Neuerungen in Grenzen, auch das ist eine Attraktion. Dunkle Holztäfelung, rote Kunststoffsitze, alles wie im Jahr der Eröffnung, oder, wie der freundliche Wirt es formuliert: „Tritt ein, setz dich und sperr die Welt aus.“

Der Roman „Blutsbrüder“ wurde verfilmt, der Film heißt „Elling“, wurde ein Welterfolg und für den Oscar nominiert. Das Larsen hatte allerdings nichts davon. Gedreht wurde die Szene nämlich nicht dort, sondern im nicht weit entfernten Restaurant Valkyrien, auch „Valka“ genannt. Warum dieser Drehort gewählt wurde, konnte nicht einmal der Drehbuchautor Axel Hellstenius erklären. Aber auch Valka ist eine ehrwürdige braune Osloer Kneipe, und das schon seit 1928. Unbedingt einen Besuch wert, wenn Sie im Stadtviertel Majorstua gemütlich ein Bier trinken wollen, für Fans des Films ohnehin unerlässlich. Allerdings, Spezialität des Hauses sind Hamburger, Speck mit Stippe gibt es nicht.

Und was ist das nun für eine Köstlichkeit? Es handelt sich um durchwachsenen Speck, auch in Norwegen heute oft Bacon genannt, außer, wenn es sich um Flesk med duppe handelt. Kein Mensch würde „Bacon med duppe“ sagen. Der Speck wird in 0,5 cm dicke Streifen geschnitten und in der Pfanne knusprig gebraten, und dann serviert mit gekochten Kartoffeln, Steckrübenpüree und einer dicken weißen Mehlsoße, der „Duppe“ eben. Wenn man die Duppe mit frischer gehackter Petersilie bestreut, sieht es geradezu festlich aus. Ganz einfach und einfach köstlich.

Adressen: Larsen:  Sørkedalsvn. 1 B, 0369 Oslo. https://larsenrestaurant.no/

                 Valkyrien: Valkyriegata 15 B, 0366 Oslo, keine Website.

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch:

111 Orte in Oslo, die man gesehen haben muss. Erscheint im Frühjahr 2021 bei emons.