Johanna Rädecke

Redakteurin

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Schöngeistige Neandertaler

Bereit vor 50 000 Jahren verzierten unsere Vorfahren Knochen
6. Juli 2021

Seit der Entdeckung erster Fossilreste im 19. Jahrhundert hat der Neandertaler das Image eines primitiven Vormenschen. Die Kompetenz des Neandertalers zur Herstellung effektiver Werkzeuge und Waffen ist lange nachgewiesen, aber konnte er auch Verzierungen, Schmuck oder gar Kunst anfertigen? Ein Forschungsteam unter Leitung des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege und der Universität Göttingen hat einen Neufund aus der Einhornhöhle im Harz analysiert und kommt zu dem Ergebnis: Der Neandertaler, unser genetisch nächster Verwandter, hatte bereits erstaunliche kognitive Fähigkeiten. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift Nature Ecology and Evolution erschienen. 

Die verzierte Riesenhirschphalange von der Einhornhöhle (Inventar Nr. 46999448-423). 
© V. Minkus, NLD

Die Forscherinnen und Forscher haben in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Unicornu fossile e.V. seit 2019 neue Ausgrabungen an der Einhornhöhle im Harz durchgeführt. Erstmals gelang es so, im verstürzten Eingangsbereich der Höhle gut erhaltene Kulturschichten aus der Zeit des Neandertalers zu erschließen. Unter den erhaltenen Jagdbeuteresten hat sich ein unscheinbarer Fußknochen als Sensation herausgestellt: Nach der Entfernung des anhaftenden Erdreichs zeigte der Knochen ein winkelartiges Muster aus sechs Kerben. »Wir erkannten rasch, dass es sich nicht um Schlachtspuren, sondern eindeutig um eine Verzierung handeln muss«, sagt Grabungsleiter Dr. Dirk Leder vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Die eingearbeiteten Kerben konnten dann in der Abteilung Holzbiologie und Holzprodukte der Universität Göttingen mit 3D‐Mikroskopie analysiert werden. Zusammen mit Dr. Raphael Herrmann von der Universität Göttingen führte er Experimente mit Fußknochen heutiger Rinder durch. Sie zeigen, dass der Knochen wohl zunächst gekocht werden musste, um das Muster anschließend mit Steingeräten in etwa 1,5 Stunden in die aufgeweichte Knochenoberfläche zu schnitzen. Gabriele Russo von der Universität Tübingen konnte mit Unterstützung des Roemer- und Pelizaeus-Museums Hildesheim den kleinen Fußknochen als Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) bestimmen. »Es dürfte kein Zufall sein, dass der Neandertaler den Knochen eines eindrucksvollen Tieres mit riesigen Geweihschaufeln für seine Schnitzerei ausgewählt hat«, sagt Professorin Antje Schwalb von der Technischen Universität Braunschweig, die an dem Projekt beteiligt ist. 

Die Ausgrabungen im verstürzten Eingangsbereich der Höhle im Jahr 2019. Gut erkennbar sind die teilerodierte Südwand und die gut erhaltene Nordwand, während das Höhlendach verstürzt ist. Der verzierte Knochen fand sich in Erdschichten unter der Nordwand. © J. Lehmann, NLD


Kieler Expertise

Mit Hilfe von Dr. Matthias Hüls, Leibniz Labor der Universität Kiel, konnte der verzierte Knochen mit der Radiokarbonmethode auf über 51.000 Jahre datiert werden. „Ich wusste gleich, dass es ein besonderes Stück sein muss, weil Professor Terberger das Knochenstück persönlich vorbeibringen wollte – trotz der Corona-Pandemie”, blickt Dr. Matthias Hüls zurück. Normalerweise werden die zu untersuchenden Stücke versandt. „Wir wollten sichergehen, dass es sich um die richtige zeitliche Einstufung handelt. Da das vorliegende Knochenstück so klein und einzigartig war, konnten wir für die Altersbestimmung nicht wie sonst üblich, ein Stück abtrennen. Dann wäre nicht mehr so viel davon übrig gewesen”, erklärt Hüls die Besonderheit. In Kiel hat man sich darauf spezialisiert, Radiokarbondatierungen auch mit kleinen Probenmengen vorzunehmen zu können. Projektleiter Professor Thomas Terberger hatte schon zu anderen Anlässen mit dem Kieler Leibniz Labor zusammengearbeitet und so kam der Kontakt zustande. „Wir haben die Knochenstruktur zuerst infrarotspektroskopisch auf den Erhaltungszustand untersucht und dann mithilfe einer Bohrung auf der Rückseite Material entnommen.” Damit ist es erstmals gelungen, ein vom Neandertaler verziertes Objekt mit dieser Methode verlässlich zu datieren. „Es freut uns sehr, dass wir bei diesem besonderen Projekt mithelfen und zur Aufklärung beitragen konnten. Das war eine Teamleistung, eine interdisziplinäre Arbeit mit Physikern, Ingenieurinnen und Laborantinnen des Labors”, sagt Dr. Matthias Hüls.

Bislang waren einige Schmuckobjekte aus der Zeit der letzten Neandertaler in Frankreich bekannt. Diese etwa 40.000 Jahre alten Funde werden jedoch von vielen Forschenden als Nachahmungen angesehen, denn zu dieser Zeit hatte sich bereits der moderne Mensch in Teilen Europas ausgebreitet. Aus etwa zeitgleichen Höhlenfundstellen des modernen Menschen auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg sind Schmuckobjekte und kleine Elfenbeinskulpturen überliefert. »Das hohe Alter des Neufundes aus der Einhornhöhle zeigt nun, dass der Neandertaler bereits Jahrtausende vor der Ankunft des modernen Menschen in Europa in der Lage war, Muster auf Knochen selbstständig herzustellen und wohl auch mit Symbolen zu kommunizieren«, sagt Projektleiter Prof. Dr. Thomas Terberger vom NLD und vom Seminar für Ur‐ und Frühgeschichte der Universität Göttingen. »Dies spricht für eine eigenständige Entwicklung der kreativen Schaffenskraft des Neandertalers. Der Knochen von der Einhornhöhle repräsentiert somit das älteste verzierte Objekt Niedersachsens und einen der bedeutendsten Funde aus der Zeit des Neandertalers in Mitteleuropa.«

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler sagt: »Die niedersächsische Archäologie sorgt immer wieder für Befunde und Funde, die unsere Geschichte neu schreiben. Nun hat die Forschung in der Einhornhöhle ergeben, dass schon die Neandertaler vor Ankunft der modernen Menschen aufwendig zu erstellende Zeichen erzeugten – wieder einmal eine weitreichende neue Erkenntnis, die unser Bild der Vorzeit gründlich revidiert.«

Neben dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, der Universität Göttingen und der Technischen Universität Braunschweig waren die Universitäten Kiel, Tübingen und die FU Berlin am Projekt beteiligt. Es wurde vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Rahmen des Programms Pro*Niedersachsen gefördert. 


Originalpublikation:
D. Leder/ R. Hermann/ M. Hüls/ G. Russo/ P. Hoelzmann, R. Nielbock/ U. Böhner/ J. Lehmann / M. Meier / A. Schwalb/ A. Tröller-Reimer/ T. Koddenberg, and T. Terberger, A 51,000 year old engraved bone reveals Neanderthals’ capacity for symbolic behavior. Nature Ecology & Evolution 2021. DOI: 10.1038/s41559‐021‐01487‐z, www.nature.com/articles/s41559‐021‐01487‐z

Mehr Informationen zur Einhornhöhle: 
https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/objekte/einhornhoehle/ 

Die Einhornhöhle, Blaue Grotte. Im Mittelalter wurden eiszeitliche Tierkonchen gefunden, welche die Schatzsucher für Einhornknochen hielten und als Medizinalien verkauften. Diesem Umstand verdankt die Einhornhöhle ihren späteren Namen. Seit Entdeckung der ersten Steinwerkzeuge aus der Zeit des Neandertalers im Jahre 1985, wurden in und vor der Einhornhöhle archäologisch-paläontologische Ausgrabungen durchgefüht.
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