Jens Mecklenburg

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Unter Dampf

Großer Bahnhof für Adler & Orient Express
14. März 2020

1835 fuhr die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Die Fahrt unter Dampf dauerte neun Minuten und veränderte das Reisen radikal. 1844 bestaunten Tausende ungläubig den ersten Zug von Altona nach Kiel. Der Orient Express wurde zur Legende. Erinnerungen an goldene Bahnzeiten.  

Schnaufende Dampfungetüme

Ein Heidentrubel muss das damals gewesen sein. Diesen Eindruck vermittelt zumindest das Gemälde, das ein längst vergessener Künstler anlässlich der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn am 7. Dezember 1835 anfertigte: Bunte Wimpel und die weißblaue Fahne Bayerns flattern im Wind. Der provisorische Nürnberger Bahnhof, der aussieht wie eine zu hoch geratene Scheune, ist mit Girlanden geschmückt. In den gelben offenen Waggons sitzen die Passagiere der Biedermeierzeit – die Herren mit Frack und Zylinder, die Damen im hochgeschlossenen, fußlangen Kleid, das Haar sittsam von einer Haube bedeckt. Vor ihnen schnauft das grüne Dampfungetüm, das den Tross der neun Wagen auf seinen roten Rädern gleich in die neun Kilometer entfernte Nachbarstadt Fürth ziehen wird. 

„Große Freude gewährte uns der Erlang des als Adler von uns benannten Dampfwagens, und viel Beruhigung empfinden wir nun, ein so allgemein bewundertes Kunstwerk mit seinen hundert Teilen binnen drei Wochen aufgestellt zu haben“, ließ der Gründer der ersten deutschen Eisenbahn-Aktiengesellschaft voller Stolz verlautbaren. Die erste Dampflok war sechs Monate vorher im englischen Newcastle bestellt worden. Der „Adler“, obwohl klein und zierlich, erreichte eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Geschwindigkeit von 60 Kilometer in der Stunde. Im Vorfeld hatten Ärzte vor der Benutzung des Vehikels gewarnt. Sie waren der Meinung, dass der menschliche Körper für solch hohe Geschwindigkeiten nicht ausgelegt ist, körperliche Schäden unvermeidbar seien. Die Warnungen verhallten ungehört, allerorten wurden nun Eisenbahnstrecken und -züge gebaut und in Betrieb genommen. Das Reisen und der Transport von Gütern nahm einen rasanten Aufschwung. 


Die erste Eisenbahn im Norden

Die erste Eisenbahn Schleswig-Holsteins setzte sich am 18. September 1844 in Bewegung. Die Route führte von Altona nach Kiel. Mit Musik und unter Hurra-Rufen zahlreicher Schaulustiger setzte sich der Sonderzug, der festlich mit Blumen geschmückt war, in Bewegung. Auf der Strecke nach Kiel standen Tausende Menschen und jubelten dem ersten Eisenbahnzug im Norden zu. Manch Skeptiker stand am Wegesrand und wollte es kaum glauben: „Ohne Peer? Allns Lögens.“ Gegen 11 Uhr lief der Zug unter Salutschüssen in Kiel ein, wo die offizielle Einweihungsfeier stattfand. Die Bahn erhielt den Namen „König Christian VIII. Ostseebahn“.

Im März 1843 war mit den Arbeiten zum Bau der Strecke begonnen worden. Finanziert wurde sie durch den Verkauf von 18.500 Aktien zu je 100 Spezies. Es waren vor allem Kieler und Altonaer Kaufleute, die Städte Kiel, Neumünster und Altona und der dänische König die in die Zukunft investierten. Insgesamt mussten auf der 105 Kilometer langen Strecke 333 Brücken und Durchlässe gebaut werden. Die Strecke war damals die längste zusammenhängende Bahnstrecke in Deutschland. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 45 Kilometer pro Stunde, bei Dunkelheit 30 Kilometer. Der Personenzug benötigte für die Strecke zwei Stunden und 32 Minuten reine Fahrtzeit ohne Aufenthalte. Auf der Chaussee hatte ein Pferdefuhrwerk zwölf Stunden gebraucht. Die Bahn wurde ein Erfolgsprojekt. Schon im ersten Jahr beförderte die Ostseebahn 370.000 Menschen und 1,2 Millionen Zentner Güter.  Die ganze Region profitierte von dem revolutionären neuem Fortbewegungsmittel.

Der Orientexpress in Buchs (St. Gallen). © Murdockcrc/ wikicommons. GFDL

Hotel auf Rädern – Orient Express

Er war der erste große Expresszug und der erste Hotelpalast auf Rädern. 1883 setzte sich der „König der Züge“ erstmals von Paris aus in Bewegung. Sein Name: Orient Express. 

Seit über einem Jahrhundert folgt der Orient-Express nun dem endlosen Band der Gleise. Während der 1920er Jahre war er Inbegriff für Glanz und Glamour, Stil und Eleganz der sogenannten oberen Zehntausend. Staatsmänner, Könige und Filmstars reisten im Orient-Express. Der „König der Züge“ inspirierte Regisseure, Schriftsteller und Komponisten und bot zeit seines Lebens den Stoff, aus dem die Träume sind. Agatha Christie zum Beispiel, selbst häufiger Passagier des Zuges, ließ sich Anfang der 30er Jahre zu ihrem berühmten „Mord im Orient-Express“ inspirieren.

Noch heute verkehrt der „Venice-Simplon-Orient-Express“, wie er korrekt heißt, alljährlich von März bis Oktober auf seiner Stammstrecke Paris – Venedig und wieder zurück.  Einige Reisen führen von Venedig über Budapest – Wien – München oder über Wien – Prag nach Paris und weiter nach London. Einmal im Jahr verkehrt er auch noch auf seiner alten Stammstrecke von Paris nach Istanbul und wieder zurück nach Venedig. 

Nach einer bewegten Geschichte war er lange in Vergessenheit geraten, seine Zeit schien endgültig vorbei. Bis der legendäre Luxuszug durch die Initiative eines englischen Unternehmers wieder ins Rollen kam. Er schickte am 25. Mai 1982 einen detailgetreu renovierten Luxuszug, allerdings mit moderner technischer Ausstattung, auf Jungfernfahrt. Nach einem ausgeklügelten Fahrplan schlängelt er sich seither quer durch Europa – und ist dabei regelmäßig in den schönsten Kulturmetropolen zu Gast: Venedig, Rom, Prag, London, Paris oder Istanbul.

Der Zug führt maximal 17 Waggons, davon 11 Schlafwagen, drei Speisewagen und einen Bar-Salonwagen mit Piano. Maximal 176 Passagiere können an einer Reise teilnehmen. 

Wie in alten Zeiten, steht ihnen ein freundlicher Kabinensteward zur Seite.  Im Barwagen werden klassische Cocktails serviert und man lauscht der Pianomusik. Er ist wie in alten Zeiten das Herz des Zuges. Und wie in früheren Zeiten kann sich der Reisende an Bord des Orient-Express nie zu vornehm anziehen.

Wer einmal eine Reise mit dem Orient-Express unternimmt, wird schnell feststellen: Es gibt kaum eine stilvollere Art der Fortbewegung. Nostalgiker werden sich in diesem Luxushotel auf Rädern wohlig an alte, längst vergangene Zeiten erinnern. An Zeiten, in denen Reisen noch ein besonderes Erlebnis war.

www.orient-express.com

 

Literaturtipp

„Orientreisen“ von Annemarie Schwarzenbach, Edition Ebersbach. In den 1930er Jahren war die Schriftstellerin an Bord des legendären Zuges.

 

Weitere berühmte Luxuszüge

 

The Ghan

Seit 1929 ist dieser australische Luxuszug von Adelaide bis Alice Springs, seit 2004 bis Darwin, unterwegs. Für die 3000 Kilometer quer durch den Kontinent braucht er 50 Stunden. Zweimal die Woche fährt er in jede Richtung.

www.railaustralia.com.au

 

Rovos Rail

Der südafrikanische Luxuszug fährt seit 1989 in historischen Waggons auf sechs Strecken von Pretoria beziehungsweise Kapstadt innerhalb Südafrikas sowie nach Namibia, Tansania und Simbabwe Viktoriafälle) und außerdem alle zwei Jahre – mit Flugtransfer zwischen einzelnen Streckenabschnitten bis – Kairo. Die Länge der Strecken liegt zwischen 550 Kilometer und 7200 Kilometer (Kapstadt – Kairo).

www.rovos.com

 

Palace on Wheels

Indiens erster Luxuszug verbindet seit 1982 die Hauptstadt Dehli mit Agra in der Region Rajasthan. Der Zug besteht aus 14 Waggons, die nach alten indischen Städten aus dem Rajputen-Reich benannt sind, mit jeweils vier Zweierkabinen. Zwei Restaurants stehen den Reisenden zur Verfügung.

www.palace-tours.net

 

The Royal Scotsman

Der schottische Luxuszug fährt seit 1985 zwischen April und Oktober von Edinburgh ins schottische Hochland.

www.royalscotsman.com