Jens Mecklenburg

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Grönland, die Dänen und Donald Trump – Wem gehört die Insel?

11. Januar 2025

Grönländer, Dänen oder doch die USA? Kurz vor dem Amtsantritt Donald Trumps als US-Präsident wird aufs Neue heftig debattiert, wer Grönland künftig kontrollieren soll. Und Trumps Sohn schaut auf einen Kurztrip vorbei.

Spektakuläre Eislandschaften, Gebirge und Tundra, eine einzigartige Tierwelt: Grönland bietet ohne Zweifel zahllose Motive für beeindruckende Fotos und Videos – erst recht in Zeiten von Social Media. Ob es richtig ist, für einen Sightseeing-Kurztrip in die von der Erderwärmung stark betroffene Arktis zu jetten, darf an anderer Stelle diskutiert werden.

Die öffentliche Erregung zu den Reiseplänen des US-Unternehmers Donald Trump Junior hat jedoch andere Gründe: Dessen Vater wird in wenigen Tagen erneut zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt – und hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, Grönland zum 51 Bundesstaat zu machen.

Trump Junior bemühte sich um eine unschuldige Darstellung seines Trips: „Wir sind nur als Touristen hier“, sagte er dem grönländischen Rundfunk zufolge nach der Landung in Nuuk – um dann noch Grüße von seinem Vater auszurichten. Zuvor hatte er sich gegenüber Fox News als Naturliebhaber beschrieben.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf sein Umfeld, Trump Junior wolle bei dem eintägigen Besuch Video-Content für einen Podcast aufnehmen und keine Politiker treffen. Der Büroleiter des grönländischen Außenministeriums, Mininnguaq Kleist, sprach gegenüber Reuters von einem vier- bis fünfstündigen Aufenthalt Trumps: „Wir sind nicht über das Profil seines Programms informiert worden – es ist also ein privater Besuch.“

Grönlands Hauptstadt Nuuk liegt übrigens näher an New York als an Kopenhagen.

Trumps neues Interesse an Grönland

Das Instagram-Profil des selbsternannten Naturliebhabers Trump Junior ist voll von politischen Posts auf Linie seines Vaters. So ist kaum vorstellbar, dass die Reise losgelöst von der Agenda des 47. Präsidenten der USA betrachtet werden kann, der am 20. Januar ins Amt eingeführt wird.

Seit seinem Wahlsieg im November hat Trump Senior bereits die Kontrolle über mehrere Orte außerhalb der USA eingefordert: Den Panama-Kanal und Kanada würde er gerne neben Grönland unter seiner Kontrolle sehen.

Am handfestesten sind wohl jedoch Trumps Ansprüche auf Grönland: Der frühere Immobilien-Unternehmer äußerte bereits 2019, in seiner ersten Amtszeit, Interesse an einem Kauf des dänischen Hoheitsgebiets. Als Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ihn abblitzen ließ, sagte Trump einen Staatsbesuch in Dänemark ab.

Trump verspricht Grönland und seinen rund 56.000 Einwohnern Schutz vor der „dänischen Kolonialherrschaft“. Wirtschaftlich und geopolitisch würde so der Einfluss in der rohstoffreichen Arktisregion wachsen, in der in Zeiten schmelzender Eispanzer auch Russland und China ihre Ansprüche mit zunehmender Vehemenz vertreten. Die USA sind durch ihren Bundestaat Alaska selbst Arktis-Anrainer und betreiben seit 1951 einen Luftwaffenstützpunkt in Nordwestgrönland. Nun sieht Trump den Besitz der größten Insel der Erde als „absolute Notwendigkeit“ an – und drohte Dänemark bereits mit ökonomischem Druck, um einen Deal zu erzwingen.

Der Kölner Politikprofessor Thomas Jäger sieht im Interview des privaten Fernsehsenders NTV noch einen weiteren möglichen Hintergedanken Trumps: „Man kann sich gut vorstellen, dass Trump sich in die Tradition der Präsidenten stellen will, die ihr Territorium stark erweitert haben – im 19. Jahrhundert, als die Vereinigten Staaten nach Westen wuchsen, dann Alaska (von Russland) gekauft haben. Das wäre etwas, was ihn zu einem wirklich großen Präsidenten machen würde.“

Aufwind für Grönlands Unabhängigkeit von Dänemark

Grönland als Mittel zum Zweck – das sieht Aaja Chemnitz, grönländische Abgeordnete im dänischen Parlament, kritisch: „Ich möchte keine Schachfigur in Trumps wilden Träumen sein, sein Imperium auszudehnen und unser Land darin einzuschließen“, schrieb Chemnitz auf Facebook. Zumal in der grönländischen Innenpolitik gerade eine ganz andere Debatte zur künftigen Vorherrschaft geführt wird: In seiner Neujahrsansprache hat Regierungschef Egede „wichtige Schritte in Richtung eines unabhängigen Landes“ gefordert. „Die Zukunft und das Land gehören uns!“

Der 37-jährige grönländische Regierungschef Mute Egede hat zuletzt seinen Tonfall gegenüber Dänemark verschärft. © LEIFF JOSEFSEN/Ritzau Scanpix/AFP/Getty Images

Die von Inuit bewohnte Insel wurde im 18. Jahrhundert von Dänemark und Norwegen kolonisiert und fiel schließlich unter die Verwaltung der dänischen Krone. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Grönland offiziell dekolonisiert, zugleich wurden jedoch auch Frauen zur Verhütung gezwungen und Kinder gegen den Willen ihrer Eltern aufs dänische Festland verschleppt. Die Gräueltaten werden erst langsam aufgearbeitet und verstärken den Wunsch vieler Grönländer, sich endgültig von Dänemark zu lösen.

Wenn im April ein neues Parlament in dem Autonomiegebiet gewählt wird, hoffen die Unabhängigkeitsbefürworter auf weiteren Rückenwind. Egede sagte in seiner Neujahrsansprache, das Parlament habe bereits damit begonnen, eine Verfassung für ein souveränes Grönland zu erarbeiten.

Dänemark will Grönland nicht aufgeben

Dabei ist umstritten, ob ein unabhängiges Grönland überhaupt wirtschaftlich bestehen könnte: Jährlich überweist Kopenhagen umgerechnet rund 550 Millionen Euro, ungefähr ein Drittel der gesamten Haushaltsmittel, auf die Insel.

Und auch Dänemark würde nicht zuletzt wegen seiner Bodenschätze und geostrategischen Bedeutung wohl kaum auf Grönland verzichten wollen. Kurz nach Trumps Offerte veröffentlichte Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen eine Investitionsliste für die militärische Infrastruktur in Grönland.

© Königshaus Dänemark

Zugleich räumte das Königshaus Grönland mehr Platz auf dem neu gestalteten Staatswappen ein: Anstatt den grönländischen Eisbären gemeinsam mit dem Widder der Färöerinseln in eine Ecke zu pferchen, haben beide Wappentiere nun ein eigenes Feld. „Wir gehören zusammen“, bekräftigte König Frederik in seiner Neujahrsansprache.

Ob die Grönländer dies so unterschreiben würden, dürfte nun weiter Thema im Wahlkampf bleiben. Ob Unabhängigkeit, Angliederung an die USA oder ein Verbleib bei Dänemark, womöglich unter höheren Zuschüssen – die geopolitische Aufwertung der schmelzenden Arktis spielt Grönland in die Karten.

War Grönland mal eine „grüne“ Insel?

Der Name Grönland steht auf altnordisch für „Grünland“. Was aber mehr ein Marketinggag als Realität war. Während einer mehrhundertjährigen milderen Phase von 986 an bis ins 14./15. Jahrhundert gab es einzelne Wikingersiedlungen an der Südspitze Grönlands. Gegründet wurden sie von „Erik dem Roten“, einem Flüchtling aus Island – der Name „Grünland“ war vermutlich ein schönfärberischer Name, mit dem Neusiedler in die unwirtliche Gegend gelockt werden sollten. Landwirtschaft war selbst während der „Warmphase“ nur in bescheidenem Umfang und in geschützten Buchten an einem schmalen Küstenstreifen Grönlands möglich.

Das Schicksal dieser Siedlungen ist eines der Beispiele für untergegangene menschliche Zivilisationen, die der preisgekrönte US-Evolutionsbiologe Jared Diamonds in seinem Buch „Kollaps“ untersuchte. Sehr detailreich beschreibt er, wie schwer es damals den Menschen in den Wikinger-Siedlungen fiel, der für sie unwirtlichen Umgebung genügend zum Leben abzutrotzen – und wie sie dabei die fragile Umwelt und damit ihre eigenen Lebensgrundlagen langsam selbst zerstörten. Nach einer erneuten Abkühlung des Regionalklimas ab dem 14./15. Jahrhunderts auf der Nordhalbkugel – umgangssprachlich „Kleine Eiszeit“ genannt – und einer damit einhergehenden weiteren Verschlechterung der landwirtschaftlichen Bedingungen starben die Siedlungen dann komplett aus. Trotz regional milderer Temperaturen – „grün“ war Grönland selbst damals nur an den Küsten. Der grönländische Eisschild auf dem Großteil der Insel existiert seit mindestens 400.000 Jahren.

© Tim Brücher GEOMAR