Jens Mecklenburg

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Edward Mukiibi neuer Präsident von Slow Food International

Ökologische, klimatische, politische und soziale Herausforderungen für die Welt
27. Juli 2022

Der 8. Internationale Slow Food Kongress markiert den Beginn einer neuen Ära: Edward Mukiibi, ein junger ugandischer Landwirt und Sozialunternehmer, wurde zum neuen Präsidenten von Slow Food gewählt.

Foto Slow Food Internationaler Vortsand 2022 © Marco del Comune

Am 16. Juli 2022 fand im norditalienischen Pollenzo der 8. Internationale Slow Food Kongress statt. Dieses Datum stellt einen Meilenstein in einer Zeit dar, die von einem tiefgreifenden Wandel und einem Prozess der Erneuerung gekennzeichnet ist. Für Slow Food, vor 30 Jahren von Carlo Petrini gegründet, ist es ein historischer Wendepunkt.

Die internationalen Delegierten wählten einen neuen internationalen Vorstand, der sich bestmöglich den ökologischen, klimatischen, politischen und sozialen Herausforderungen stellen wird, von der unsere in 160 Ländern aktive Bewegung betroffen ist.

„Es wird immer deutlicher, dass Ernährung eine der Hauptursachen für die Klimakrise ist. Unsere Bewegung, die sich seit 30 Jahren für das Recht auf gute, saubere und faire Lebensmittel für alle Menschen einsetzt, muss den Mut haben, eine politische Führungsrolle bei der Eindämmung der katastrophalen Folgen dieses Ungleichgewichts einzunehmen“, sagte Carlo Petrini. „Wir brauchen eine Führungsstruktur, die den neuen Generationen Raum gewährt. Wir müssen in der Lage sein, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir einen langen Weg zurückgelegt und Ziele erreicht haben, die unerreichbar schienen. Dadurch konnten wir das werden, was wir heute sind. Die Welt ist heute aber grundlegend anders als damals, als unsere Bewegung entstanden ist. Wir müssen uns also von der Kreativität und Intuition neuer Akteur*innen inspirieren und leiten lassen, die in der Lage sind, die Gegenwart zu interpretieren, und dann gemeinsam die Marschrichtung festlegen, um künftige Ziele zu erreichen.”

Im Mittelpunkt dieser neuen Perspektiven steht die neue Leitung von Slow Food durch Edward Mukiibi. Als junger afrikanischer Bauer begann seine Reise genau im Jahr 1986, als auch der berühmte Protest gegen die Eröffnung einer McDonalds-Filiale in Rom die Slow-Food-Bewegung ins Leben rief.

Die Wurzeln der beruflichen Laufbahn von Edward Mukiibi liegen in einem familienbetriebenen Bauernhof eines kleinen afrikanischen Dorfes, wo er Zögling des Kisoga Trading Center im Bezirk Mukono in Uganda war. Heute gestaltet er die Zukunft regenerativer Landwirtschaftskulturen mit und schreibt mit seiner Ernennung zum Präsidenten von Slow Food Geschichte.

Foto Slow Food Edward Mukiibi 2_©Marco del Comune

„Selbst die kleinen Aktivitäten und Aktionen unserer Gemeinschaften geben konkreten Anlass zur Hoffnung und zeigen positive Auswirkungen auf unser Leben, weil wir wie eine große Familie sind: Was eine*n von uns betrifft, betrifft auch alle anderen, unabhängig von geografischen, sozialen und kulturellen Unterschieden. Als Organisation muss sich Slow Food bewusst sein, dass sich selbst kleine, lokale Aktivitäten stark auf andere Ecken der Welt auswirken können“, sagte Mukiibi. „Als ergebnisorientierte Bewegung, die sich selbst weiterentwickelt und zugleich zur Regeneration des ganzen Planeten beiträgt, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um unsere Anstrengungen als Bewegung aufzufrischen, zu verstärken und zu erneuern. Mit dem Ziel, in puncto Ernährung und Umwelt, eine Welt zu schaffen, wie wir alle sie brauchen. Ich rufe persönlich dazu auf, dass möglichst viele Jugendliche Aktivist*innen Teil der Slow-Food-Bewegung werden, der es genauso sehr am Herzen liegt, die Erde wieder auf den richtigen Kurs zu bringen, wie ihnen.”

Der Tropen-Agronom Edward Mukiibi ist Pädagoge im Bereich Ernährung und Landwirtschaft mit einem Bachelorabschluss in Landwirtschaft und Landnutzungsmanagement von der Universität Makerere in Kampala-Uganda. Außerdem hält er einen Master in Gastronomie von der Universität für gastronomische Wissenschaften im italienischen Pollenzo. Mukiibi ist Sozialunternehmer und ab diesem Monat auch offiziell Präsident der großen Slow-Food-Gemeinschaft.

Für seinen selbstlosen Beitrag zu einem nachhaltigen, fairen und gerechten Lebensmittelsystem wurde Edward Mukiibi mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet. Zu den ihm verliehenen Auszeichnungen gehören der Ray Charles Black Hand in the Pot Nachhaltigkeitspreis der Dillard Universität und eine Ehrung des Stadtrats von Detroit. Kürzlich wurde Edward Mukiibi bei den 50 Next Awards für junge Menschen unter 35 Jahren, die die Zukunft der Gastronomie mitgestalten, in der Kategorie Pädagoginnen aufgeführt.

Neben der Präsidentschaft wurde auch der neue internationale Vorstand von Slow Food benannt, das höchste Entscheidungsorgan der Organisation. 

Die Zusammensetzung spiegelt die Vielfalt der Bewegung wider.

Im Zuge des Kongresses erläutern die neu gewählten Mitglieder ihr Verständnis der Führungstätigkeit für Slow Food:


Marta Messa, neue Generalsekretärin:

„Während meiner über 10-jährigen Tätigkeit für Slow Food habe ich viel über die Einzigartigkeit unserer Bewegung gelernt: Sie kam immer wieder zum Vorschein, selbst während der Pandemie. Als Gemeinschaft möchten wir das Beste aus den Stärken der Bewegung machen, müssen uns dabei aber gleichzeitig bewusstwerden, was noch nicht perfekt läuft und was wir verbessern können. Während wir die Erfolge von Carlos Arbeit feiern und Edwards neue Führungstätigkeit willkommen heißen, wachsen wir genau wie jede andere Organisation. Unser Ziel ist es, weiterhin für das Recht jedes Einzelnen auf gute, saubere und faire Lebensmittel zu kämpfen und den unglaublichen Wissensschatz der mitgliederbasierten Gemeinschaften aufzuwerten, um die Einführung nachhaltiger Lebensmittelsysteme auf der ganzen Welt zu fördern.”


Richard McCarthy (USA)

„Wie können wir Menschen in ihrem Alltag einbinden? Die Entwicklung thematischer Netzwerke erwies sich für die Slow-Food-Bewegung als strategischer Vorteil, da dadurch vielfältigste Zielgruppen einbezogen werden, die in der Lage sind, die Lebensmittelsysteme zu beeinflussen. Das kann erfolgen, indem sie durch den gegenseitigen Austausch und die Zusammenarbeit zu Themen, die eng mit ihrem täglichen Leben und ihren Interessen verbunden sind, Veränderungsprozesse auslösen und spezifische neue Ressourcen mobilisieren. Ich glaube, dass thematische Netzwerke diesbezüglich eine große Chance darstellen und wir so neue Formen der Zusammenarbeit innerhalb des Slow-Food-Netzwerks erproben können.“


Dali Nolasco Cruz (Mexiko)

„Indigene Völker sind als Bewahrer uralten Wissens Beispiele für den Schutz des Lebens auf unserer Erde und für Resilienzfähigkeit. Indigene Frauen und junge Leute auf der ganzen Welt kämpfen dafür, dass ihre Rolle als Hüter:innen von Lebensmittelsystemen, Land und Biodiversität anerkannt wird. Die neue Führungsstruktur von Slow Food ist eine gute Gelegenheit, um ausgehend von der Gesamtheit, weiterhin unsere Positionierung als beste und renommierteste Organisation in Ernährungsfragen zu stärken.


Jorrit Kiewik (Niederlande)

„Ich wurde knapp 20 Jahre nach der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ durch den Club of Rome geboren. Ich wuchs inmitten der Klimakrise auf. In den letzten 30 Jahren habe ich am eigenen Leib erfahren, welch furchtbare Auswirkungen der Verlust der Biodiversität auf unseren Planeten hat. Meine Generation und die nachfolgenden Generationen bekommen die Untätigkeit der letzten 50 Jahre leidvoll zu spüren. Ich glaube, dass Slow Food den Schlüssel in der Hand hat, diese Herausforderungen ins Positive umzukehren und die Welt zu verbessern, indem die Organisation Produzentinnen, Konsumenten und alle Zwischenakteurinnen an einen Tisch bringt. Ich fühle mich geehrt, diese Rolle zu übernehmen und freue mich darauf, auf internationaler Ebene mit den mitgliederbasierten Netzwerken zusammenzuarbeiten, um Schritt für Schritt einen Wandel des Lebensmittelsystems einzuleiten und die Welt etwas besser zu machen.“


Megumi Watanabe (Japan)

„Ich würde gerne den Fokus wieder auf die Freude am Essen legen, die ein Wesensmerkmal von Slow Food ist. Wir müssen unsere Beziehungen zueinander erneuern – und zwar innerhalb der Bewegung und auch mit der Außenwelt. Nur so können wir mit einer Stimme sprechen. Wir sollten immer daran denken, dass dies eine Bewegung für die gesamte Menschheit ist, deshalb müssen wir uns bemühen, Grenzen zu überwinden und unsere Komfortzone zu verlassen.”


Francesco Sottile (Italien)

Wir haben uns seit 30 Jahren dem Schutz der biologischen Vielfalt verschrieben, deshalb muss sich der Erneuerungsprozess auch auf den Umgang mit der Biodiversität beziehen. Wir haben in der Vergangenheit viele richtige und wichtige Dinge gesagt, wir haben das internationale Netzwerk dabei unterstützt, zu zeigen, wie viel biologische Vielfalt es an allen Ecken und Enden des Planeten gibt und wie viel davon schon jetzt verloren geht und noch verloren gehen wird, wenn wir nicht den passenden Weg finden, um diese mithilfe ländlicher Gemeinschaften zu erhalten. Heute muss es unser Ziel sein, die ökologische Wende voranzutreiben, die Folgen des Klimawandels einzudämmen, die Erneuerung der natürlichen Ressourcen und die Wiederbelebung ländlicher Gebiete durch die Bekämpfung von Armut zu unterstützen und die Ernährungssouveränität der ländlichen Gemeinschaften wiederherzustellen. Wir müssen alles Mögliche tun, um die biologische Vielfalt und die Agrarökologie in den Mittelpunkt der Lebensmittelpolitik zu rücken und zu zeigen, dass Vielfalt Grundvoraussetzung für Widerstandsfähigkeit ist.”


Nina Wolff (Deutschland)

„Die Welt benötigt Orientierung für einen allgemeinen Slow down, und das verstärkt unsere Verantwortung, die Botschaft von Slow Food zu verbreiten. Angesichts der aktuellen Krisen und Menschenrechtsverletzungen muss unsere Arbeit noch politischer werden.  Wir vertreten unsere Interessen gegenüber Entscheidungsträger*innen, um unserem tiefen Wunsch nach Ernährungsgerechtigkeit zu verwirklichen. Im globalen Norden muss Slow Food insbesondere auch die Auswirkungen unserer Lebensmittelsysteme auf den globalen Süden verständlich machen. Der neue internationale Vorstand ist ein tolles Team von verlässlichen und engagierten Personen, die sich in den Dienst von Slow Food stellen.“

Jubiläumsfeier SlowFood Deutschland © Carla Ulrich