Jens Mecklenburg

Herausgeber & Autor

Zum Portrait

Das Ei

Göttlicher Einfall der Schöpfung
11. April 2020

Erstveröffentlicht am 20. März 2019


Und wenn sie Ostern feiern,

Die dich verschlucken roh und gar,

Dann lachen sie und spaßen

A conto Osterhasen.

Doch wer von ihnen denkt dabei

An dich, du Mikrowelt in einem Ei?

Joachim Ringelnatz

© Melissa Walker Horn /Unsplash

Das Ei ist ein wahrhaft göttlicher Einfall der Schöpfung: Vollkommen in der Form, universell im Inhalt und schon fertig verpackt. Künstler wie Köche waren von jeher von dem ovalen Wunderding fasziniert. Aber während die Künstler über die Form ins Brüten gerieten, schlugen die Köche das Ei ungerührt in die Pfanne. Was aber nicht besagt, dass sie es weniger schätzten. Im Gegenteil: Alle großen Meister der Kochkunst kreierten mindestens ein denkwürdiges Eiergericht. Und was wäre ohne Hühnereier aus den Konditoren und Osterhasen geworden? Es gäbe sie beide nicht – vom Ei des Kolumbus ganz zu schweigen.


Symbol von Lebenskraft

Bereits im alten Ägypten galt das Ei als Zeichen von Fruchtbarkeit und Lebenskraft. Die alten Griechen, die gewissermaßen das Haushuhn erfanden, liebten ebenso wie die Römer das Ei zunächst mehr als das Geflügel. Im Mittelalter bezahlten die Bauern zum Frühlingsbeginn ihre Pacht mit frischen Eiern. Und bei den Christen gilt bis heute das Ei als Symbol für die Auferstehung Christi. Zu Ostersonntag bekommt dann das Ei seinen ganz großen Auftritt, bunt bemalt schmückt es die Gärten und Häuser, wird es gegessen und verschenkt.


Verkanntes Genie 

In der heutigen Küche ist das Hühnerei einerseits sehr präsent, andererseits ein verkanntes Genie. Man kann die kulinarische Bedeutung des Eies kaum überschätzen. Zunächst ist es eine unentbehrliche Hilfe, wenn man einem Gericht eine bestimmte Form geben will: Wird zum Beispiel eine Eimasse in irgendein Koch- oder Backbehältnis gegossen, so formt sie sich, ob mit oder ohne Füllung, nach dessen Gestalt, die sie auch nach dem Kochen bewahrt. Dann bringt das Ei mit seinem steif geschlagenen Eischnee den köstlichen und lockeren Schaum in Soufflés und Schaumcremes und so beliebten Desserts wie Mousse au Chocolat. Durch seine Emulgatorstoffe wäre eine leckere Mayonnaise und Hollandaise ohne Ei nicht vorstellbar. Zwar nur Hilfsmittel aber essentiell.

Aber natürlich gibt es auch zahlreiche Gerichte, in denen das Ei selbst zum Hauptakteur wird. Denken wir an Frühstücks- und Spiegeleier, an Rührei, Omelett und Crêpes. Es gehört zu den Kuriositäten der Kochkunst, dass gerade die großen Köche eine Schwäche für das Rührei hatten. Vielleicht war es einfach die Herausforderung, aus dem Alltäglichen etwas Besonders zu machen. So avancierten Trüffel und Kaviar zu berühmten Rührei-Zutaten. Altmeister Escoffier servierte seiner Freundin, der Schauspielerin Sarah Bernard, regelmäßig solche Luxus-Appetithäppchen. Sein genial-simples Rezept für das Rührei: Escoffier rührte die Eimasse in der Pfanne mit einem Messer, an dessen Spitze eine geschälte Knoblauchzehe aufgespießt war. Noch heute ein aromatisches Gedicht, probieren Sie es mal!

© Mae Mu / Unsplash

Das Ei des Kolumbus

Wer für ein schwieriges Problem eine unerwartet gute Lösung gefunden hat, dem sagt man gerne nach, er hätte „das Ei des Kolumbus“ gefunden. Woher dieses geflügelte Wort stammt, ist nicht wirklich bekannt. Eine beliebte Erklärung lautet, dass Kolumbus seinerzeit in einer illustren Runde die Frage geklärt habe, wie sich ein Ei auf die Spitze stellen ließe: Er nahm das Ei und setzte es so kräftig mit der Spitze auf den Tisch, dass hierbei die Schale zerbrach und das Ei einfach stand. Eine andere Erklärung: Es soll der italienische Baumeister Fillipo Brunelleschi gewesen sein, der mit dem Eierschlag seinen Bauherren die Güte der Konstruktion eines Daches – die Domkuppel in Florenz – nachweisen wollte. Noch andere behaupten, die Geschichte stamme aus dem Orient. Der unvergessene Humorist Heinz Erhardt hat die „Ei-des-Kolumbus-Forschung“ um folgende Variante bereichert:

Als Kolumbus von seiner Amerikafahrt

Nach Spanien heimkam mit Gold und mit Bart

Und, hochgeehrt und umjubelt, schritt

Durch die Hauptstadt des Landes, nämlich Madrid.

Entdeckte er plötzlich da drüben rechts

Eine hübsche Person femininen Geschlechts.

Bei ihrem Anblick – was war schon dabei? –

Entschlüpfte ihm was, und zwar das Wort „ei“ …

Seitdem sind sich die Forscher darüber klar,

dass das das „Ei“ des Kolumbus war!

Heinz Erhardt

© Annie Spratt / Unsplash
© Qing Chen / Unsplash