Tonstudio mit Charme

Im nostalgischen Ambiente vom Studio Nord stehen viele Stars am Mikro
6. Oktober 2026
Musikproduzent Gregor Hennig leitet das Studio Nord. © WFB/Kerstin Rolfes

Ein Beitrag von Thomas Joppig

Es ist wie eine Zeitreise, hinein in die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts: In einem ehemaligen Tanzlokal in Bremen befindet sich eines der ältesten Tonstudios Deutschlands. Das Studio Nord bietet Musikschaffenden Tradition und Inspiration. Das lockt viele Prominente an.

Wer den großen Saal vom Studio Nord im Stadtteil Oberneuland im Bremer Osten betritt, merkt sofort: Mit der technisch-sterilen Atmosphäre anderer Tonstudios hat der ehemalige Gasthof nur wenig gemein. Eine Bühne mit dunkelrotem Vorhang erinnert an Zeiten, als hier noch Tanzorchester aufspielten. Von der fast sechs Meter hohen Decke baumelt eine Diskokugel herab. Auf dem Parkettboden liegt ein großer Teppich mit schnörkeligen Ornamenten. Rund um den Aufnahmeraum des Tonstudios und im Keller lagert jede Menge Tontechnik aus den letzten Jahrzehnten. Von Heintje über Rudi Carrell bis zu Joy Denalane: Im Studio Nord standen schon viele Stars für ihre Musikproduktionen vor dem Mikrofon. 

Saal bietet Streich- und Blasinstrumenten Raum zur Entfaltung

Die Künstlerinnen und Künstler mögen an dem Tonstudio, das mit zu den ältesten Deutschlands zählt, den Hauch von Nostalgie, der ihnen für ihre Aufnahmen Inspiration bietet, sagt Geschäftsführer und Musikproduzent Gregor Hennig. Das älteste und noch gut funktionierende Mikrofon im Haus sei gar rund einhundert Jahre alt. Dazu kommt, dass sich über dem Studio eine gemütliche Gästewohnung befindet. So können Musikerinnen und Musiker vor Ort leben und arbeiten.

An seine erste Begegnung mit dem Saal im Jahr 2013 kann sich Hennig noch gut erinnern. „Ich war sofort schockverliebt“, sagt der 52-Jährige. Und das galt sowohl für das Ambiente als auch für den satten Sound, der im Studio Nord entsteht. Denn in dem hohen Saal mit der gewölbten Decke hätten sogar die Klänge von Streich- oder Blasinstrumenten genügend Raum, um sich zu entfalten. Der Raum ist ein Erbe aus der Zeit des mehr als 100 Jahre alten Gebäudes als Tanzlokal und sei ein großer Vorteil für das Tonstudio – zum Beispiel bei Aufnahmen für Jazz-Alben.  

Das Studio war früher ein Tanzsaal. © WFB/Kerstin Rolfes

Wie die historischen Räumlichkeiten das Musikmachen beeinflussen, merkt auch Janne Gruhn immer wieder. Die heute 31-Jährige arbeitet seit fünf Jahren im Studio Nord als freiberufliche Tonmeisterin und hat schon zahlreiche Bands bei ihren Aufnahmen begleitet – manchmal auch bis spät in die Nacht: „Viele Leute fühlen sich hier nicht nur wegen der guten Akustik wohl, sondern auch, weil das Studio eben nicht so aussieht wie eine laborhafte, technische Arbeitsumgebung. Gerade Jazz-Ensembles hilft das sehr beim Zusammenspiel und der Entwicklung neuer musikalischer Ideen“, sagt sie.

Gründer war selbst erfolgreicher Sänger

Der Gründer von Studio Nord, Wolfgang Roloff, hatte noch andere Musik im Sinn, als er das Gebäude 1969 kaufte. Unter dem Künstlernamen Ronny feierte er in jener Zeit als Schlagersänger mit Liedern wie „Oh My Darling Caroline“ Erfolge. Auch der Song „Sierra Madre Del Sur“, der heute auf keinem Oktoberfest fehlen darf, stammte ursprünglich aus seiner Feder. Der einstige Gasthof namens „Haus Niedersachsen“, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang als Tanzlokal gedient hatte, bot ihm genügend Raum, um eigene Lieder einzusingen. Aber auch, um als Produzent für andere Künstlerinnen und Künstler zu arbeiten.

Janne Gruhn und Gregor Hennig haben schon mit vielen Stars zusammengearbeitet. © WFB/Kerstin Rolfes

Klangbearbeitung für Alphavilles größten Hit „Forever Young“  

So nahmen etwa Heintje oder Heino hier Songs auf, und Rudi Carrell sang „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“. Auch die Klangbearbeitung – das sogenannte Mastering – für Alphavilles größten Hit „Forever Young“ fand hier statt. Im August 2011 starb Roloff, im Dezember desselben Jahres auch sein Kompagnon, mit dem er das Studio betrieben hatte. 
Das geschichtsträchtige Haus stand vor einer ungewissen Zukunft, bevor Gregor Hennig das Studio 2013, anfangs noch mit einem Geschäftspartner, übernahm und intensiv bewarb. Mit Erfolg – denn seither sind in den Räumlichkeiten zahlreiche weitere Songs und Alben entstanden. Etwa von den Fantastischen Vier, Joy Denalane, Sophie Hunger, Jeremias, Thees Uhlmann oder Bela B. von den Ärzten. Viele Bands verbinden die Aufnahmen mit einem Konzert im Studio, erzählt Gregor Hennig.

Auch unterschiedliche Musik-Workshops finden hier statt. Denn die Bremer Wirtschafts- und Kulturpolitik lege einen starken Schwerpunkt auf die Förderung von Popkultur, sagt Hennig. Dies sei ein positiver Kontrast zum bundesweiten Trend, öffentliche Mittel für Popmusik und kulturelle Bildung zu kürzen.

Nostalgisches Ambiente als Markenzeichen

Das ohnehin nostalgische Ambiente des Studios hat der Produzent konsequent zum Markenzeichen des Studios weiterentwickelt: Die Wände hinter dem alten Kachelofen zieren neue Blumentapeten. Der alte Terrazzo-Boden im Eingangsbereich wurde wieder freigelegt. Ein lindgrünes Sofa aus der Gasthof-Ära lädt zum Verweilen ein. Und neben Hennigs Schreibtisch mit modernem PC findet sich auch ein großes, fast 50 Jahre altes Mischpult mit einer Vielfalt an farbigen Schaltern und Reglern und dunkelbrauner Holzoptik an den Seitenwänden. 

Im Studio Nord werden moderne und alte Technikelemente vereint. © WFB/Kerstin Rolfes

Wer mit Hennig über das Studio spricht, merkt schnell, wie sehr er diese alte Technik liebt. So war es ein Glücksfall für ihn, dass die Vorbesitzer ihr ausrangiertes Aufnahme-Equipment im Haus gelagert hatten, statt es zu entsorgen. Auf diese Weise sind viele funktionsfähige Geräte erhalten geblieben, die heute Seltenheitswert haben, berichtet er. „Die Technik aus den 1950er-Jahren ist besonders hochwertig.“ So gute sei danach nie wieder hergestellt worden. Dass die Suche nach Ersatzteilen bei manch musealem Stück zeitintensive Detektivarbeit bedeutet, nimmt er sportlich. 

Möglich sind sowohl digitale als auch Tonband-Aufnahmen

Natürlich könne das Studio rein digital arbeiten, sagt Hennig. Aber wenn es ihm hin und wieder gelinge, Musikerinnen oder Musiker davon zu überzeugen, einen Song oder ein ganzes Album analog auf Tonband aufzunehmen, dann freue ihn das besonders: „Der Klang ist natürlicher als bei Digitalaufnahmen. Und es hilft Musikern auch, sich zu fokussieren, wenn sie wissen, dass das Band läuft und die Aufnahme nicht zigmal verändert werden kann.“

Hennig sieht darin auch einen Kontrapunkt zur Beliebigkeit des KI- und Digitalzeitalters. So wie das auch bei Schallplatten der Fall sei, die seit einigen Jahren mitten im von Streamingdiensten dominierten Musikmarkt eine analoge Nische erobert haben. Eine LP in einer kunstvoll gestalteten Hülle strahle eben eine ganz andere Wertigkeit aus als eine Playlist auf dem Handy oder eine CD. „Das ist eine ganz andere Hinwendung zur Musik“, ist er überzeugt.

Das Gebäude wurde vor mehr als 100 Jahren gebaut. © WFB/Kerstin Rolfes

Statt KI: Das Menschliche in der Musik wiederentdecken

Überhaupt, so glaubt er, werde die menschliche Komponente künftig in der Musikproduktion wieder bedeutsamer werden: „Je mehr Inhalte mit KI generiert werden, desto wichtiger wird es für Menschen sein, dass die Musik, die sie hören, auch wirklich von echten Menschen in einem echten Raum aufgenommen wurde. Das können wir hier bieten – und das wird die KI überleben.“

Auch Thorsten Nagelschmidt, Sänger von Muff Potter, schwärmt von den Räumen: „In den mondänen Tonstudios der 1970er-Jahre abhängen und an neuen Songs schrauben – dafür bin ich zu spät geboren“, zitiert ihn das Tonstudio auf seiner Internetseite. Doch zum Glück gebe es das Studio Nord: „Der großzügige Aufnahmeraum, das Tageslicht, das fantastische Equipment und diese eigenartige Magie zwischen den Wänden und in den Ritzen – so möchte man Platten aufnehmen.“ 

Flo Mega ist ebenfalls bekennender Fan des Studios: „Diese Räumlichkeiten zu betreten ist mit dem Öffnen eines sehr alten Parfum-Fläschchens zu vergleichen“, heißt es von ihm auf der Website: „Es ist jung und alt zugleich, voller Geister und Geschichten.“

© WFB/Kerstin Rolfes