Videoaufnahmen decken Schweineleid bei Tönnies in Kellinghusen auf

Tierschutzverbände fordern CO₂-Betäubung zu verbieten
20. Oktober 2026

Schweine, die verzweifelt nach Luft ringen, panisch versuchen, dem Gas zu entkommen und übereinandersteigen: Neue Aufnahmen aus einem Schlachthof in Kellinghusen in Schleswig-Holstein zeigen erneut das massive Leid, das Schweine bei der Betäubung mit hohen CO₂-Konzentrationen erleiden. 

© Animal Rights Watch

CO₂-Betäubung: Angst, Schmerzen und Atemnot sind wissenschaftlich belegt 
Die Aufnahmen aus dem Schlachthof in Kellinghusen, die der NDR von Animal Rights Watch zur Verfügung gestellt bekommen hat, zeigen bis zu sechs Schweine, die in Gondeln in einen Schacht mit hoher CO₂-Konzentration abgesenkt werden. Bis die Bewusstlosigkeit eintritt, erleben die Tiere die aversive Wirkung des Gases: CO₂ reizt die Schleimhäute, verursacht daher Schmerzen und löst Atemnot und ein Gefühl des Erstickens aus. Auf den Aufnahmen schnappen die Schweine nach Luft, schreien und steigen bei ihren panischen Fluchtversuchen übereinander. 

Diese Reaktionen sind keine Ausnahmen. Zahlreiche Studien konnten die negativen Wirkungen von CO₂ und das daraus entstehende Leid für die Schweine belegen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bestätigt, dass die eingesetzten CO₂-Konzentrationen zu Schmerzen, Angst und Atembeschwerden führen. Sie sind direkte Folge der Betäubungsmethode und lassen sich bei dessen Anwendung nicht vermeiden. Aus diesem Grund werden weniger aversive Gase empfohlen. 
„Die Bilder zeigen auf erschütternde Weise, was die Wissenschaft seit Jahren belegt: die CO₂-Betäubung verursacht erhebliches Leid bei den Schweinen und ist tierschutzwidrig“, sagt Sophie-Madlin Langner, Fachreferentin bei PROVIEH.   

Weitere Tierschutzverstöße liegen vor 
Das Videomaterial dokumentiert zudem einen tierschutzwidrigen Umgang mit den Tieren. Zwei Schweinen wird jeweils vor dem Eintritt des Todes ein Hinterfuß abgetrennt, weil sich die Ketten der Aufhängung ineinander verhakt haben. Außerdem werden Schweine mit harten und spitzen Gegenständen getrieben und in empfindliche Körperregionen, unter anderem ins Gesicht, geschlagen. Diese Vorgänge stellen ein schwerwiegendes Vergehen gegen das Tierschutzgesetz dar und müssen umfassend aufgeklärt werden.  

CO₂-Betäubung muss beendet werden  
Der Fall verdeutlicht erneut, dass Schweine bei der CO₂-Betäubung nicht ausreichend vor Schmerzen, Leiden und Schäden geschützt werden. PROVIEH fordert die Bundesregierung daher auf, die Betäubung mit CO₂ zu verbieten und den Umstieg auf alternative Verfahren, wie mit Helium, verbindlich voranzutreiben. Wirtschaftliche Interessen dürfen dabei nicht schwerer wiegen als der Schutz der Tiere. 
„Es ist nicht hinnehmbar, dass eine Betäubungsmethode weiter eingesetzt wird, obwohl ihre erheblichen Nachteile wissenschaftlich bekannt sind. Die Politik muss jetzt handeln und den Ausstieg aus der CO₂-Betäubung verbindlich auf den Weg bringen“, erklärt Sophie-Madlin Langner.

© Animal Rights Watch

Videoüberwachung aller Schlachthöfe
Der aktuelle Tierschutzfall in der großen Schlachtanlage unterstreicht, wie wichtig verbindliche Überwachung und Kontrollen sind, um Tiere wirksam vor Misshandlungen zu schützen. Eine verpflichtende Videoüberwachung aller Schlachthöfe stellt ein wichtiges Instrument dar, um tierquälerischem Umgang Einhalt zu gebieten und unabhängig von heimlichen Aufnahmen zweifelsfrei Tierschutzverstöße aufdecken zu können. Sie kann dazu beitragen, Verantwortlichkeiten nachvollziehbar zu machen und die Durchsetzung des Tierschutzrechts zu stärken. PROVIEH fordert daher, die verbindliche Videoüberwachung flächendeckend einzuführen und als festen Bestandteil eines konsequenten Tierschutzes in allen Schlachthöfen zu verankern. 

Anzeige erstattet

Die Organisation erstattete Strafanzeige gegen den Schlachtkonzern mit Hauptsitz in Rheda-Wiedenbrück (Nordrhein-Westfalen). „Das ist illegal, was hier passiert, und zeigt den Standard der Branche“, sagt Ariwa-Sprecherin Anna Schubert.

Tönnies weist die Vorwürfe zurück und spricht von „Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter“, die aufgearbeitet und sanktioniert würden. Nach ersten Hinweisen auf mögliche „irreguläre Verhaltensweisen“ habe das Unternehmen umgehend ein „ausführliches Tierschutzaudit am Standort durchgeführt“. Dabei seien „keine systematischen oder strukturellen Mängel“ zutage getreten.

Die Tierschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins Erdmann fordert eine konsequente rechtliche Aufarbeitung der Ariwa-Vorwürfe. Das Landwirtschaftsministerium betont, die Hinweise durch das Bildmaterial „sehr ernst zu nehmen und ihnen nachzugehen“. Jährlich werden in Kellinghusen rund eine Million Schweine geschlachtet.