Jens Mecklenburg

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Schöne, tote Ostsee

Dorschsterben: Studie belegt Ursachen – Klimawandel und Überdüngung
20. Juni 2022

Der Dorschbestand der Westlichen Ostsee ist verschwunden, nicht nur wegen Überfischung. Eine wesentliche Rolle spielen der Klimawandel und die Überdüngung durch die Landwirtschaft. Das haben Wissenschaftler*innen des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dessen erste Ergebnisse dem NDR exklusiv vorliegen. Der NDR hat die Forschung für die Studie über mehrere Monate begleitet. Zu sehen ist dies in der Dokumentation „45min – Schöne, tote Ostsee. Das Dorschsterben und die Folgen“. Das NDR Fernsehen zeigt sie am Montag, 19. Juni, um 22.00 Uhr. Zudem ist sie in der ARD Mediathek zu sehen.

“Das Dorschsterben und die Folgen”, am Montag (20.06.22) um 22:00 Uhr. Berufsfischer Mike Hilger von der Insel Fehmarn steht wegen der kollabierten Dorschbestände vor dem Aus © NDR/raufilm

Fisch & Fischerei sterben aus

„Wir waren sehr überrascht, dass sich während der Sommermonate sauerstoffarmes Wasser vom Grund der Ostsee bis weit in die höheren Schichten ausbreitet“, sagte Dr. Uwe Krumme vom Thünen-Institut dem Autor der NDR Dokumentation Carsten Rau. „Dort trifft es direkt auf die stark erwärmten Wasserschichten. Wo das passiert, ist kein Habitat mehr für Dorsche“ – also kein Raum mehr, in dem diese Fische überleben können.

Jahrzehntelang war der Dorsch für die Fischereibetriebe der Ostsee eine zentrale Einkommensquelle. Doch vor zwei Jahren ist der Bestand komplett zusammengebrochen. Grund dafür ist nicht nur die Überfischung: Durch den Klimawandel wird die Ostsee an der Oberfläche immer wärmer. Und am Meeresgrund breiten sich tote, sauerstoffarme Zonen aus. Diese entstehen durch Überdüngung in der küstennahen Landwirtschaft, der Dünger gelangt über Bäche und Flüsse in die Ostsee. Dort kommt es zu überschüssigem Algenwachstum. Die Algen wiederum sinken zu Boden und werden von Bakterien zersetzt, die den Sauerstoff im Wasser verbrauchen.

Zehn Monate lang hat das Institut in einem fünf Quadratkilometer großen Forschungsfeld in der Mecklenburger Bucht Umweltdaten wie Sauerstoff- und Salzgehalt sowie die Temperatur des Wassers aufgezeichnet. Dazu hatten die Forschenden insgesamt 30 Messstationen am Meeresgrund verankert. Dieses Projekt in Zusammenarbeit mit dem Leibnitz-Institut für Ostseeforschung ist bisher einzigartig in der Westlichen Ostsee. 

„Die neuen Daten sind äußerst beunruhigend“, so Dr. Krumme. „Und wir werden überprüfen, ob dieses Phänomen auch in anderen Teilen der Westlichen Ostsee zu beobachten ist“.

In der Vergangenheit hatten Wissenschaftler*innen immer wieder festgestellt, dass in ihren jährlichen Bestandserhebungen große Mengen an Dorsch fehlen. Das nun beobachtete Phänomen könnte dafür eine Erklärung bieten. Denn es bestehe der Verdacht, dass unter solchen Umständen viele Dorsche verenden. Das Thünen-Institut will die endgültigen Ergebnisse der Untersuchung im kommenden Jahr veröffentlichen.

Dorsche in dieser Größe konnten Angler noch vor wenigen Jahren in der Ostsee fangen
© NDR/raufilm