Jens Mecklenburg

Herausgeber & Autor

Zum Portrait

Schneekanonen für die Arktis

Hamburg, New York und Shanghai sollen nicht im Meer versinken
22. Juli 2019

Der Vorschlag klingt verrückt, man denkt an einen Aprilscherz: Mit Hilfe von Schneekanonen ließe sich das Eis der Westantarktis stabilisieren, so Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. So könne man verhindern, dass Städte wie New York, Shanghai und Hamburg langfristig im Meer versinken.


Der Vorschlag klingt verrückt, man denkt an einen Aprilscherz: Mit Hilfe von Schneekanonen ließe sich das Eis der Westantarktis stabilisieren, so Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. So könne man verhindern, dass Städte wie New York, Shanghai und Hamburg langfristig im Meer versinken.

Der Westantarktische Eisschild droht auf lange Sicht ins Meer zu rutschen. Während eine weitere Destabilisierung der Eisflächen in anderen Teilen des Kontinents durch eine Verringerung von Treibhausgasemissionen begrenzt werden könnte, wird der langsame, aber unwiederbringliche Eisverlust in der Westantarktis wohl auch im Falle einer Klimastabilisierung noch weiter fortschreiten. Ein Zusammenbruch der Eismassen würde zwar Jahrhunderte dauern, aber den Meeresspiegel weltweit um mehr als drei Meter ansteigen lassen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hat jetzt einen besonders kühnen Weg untersucht, das Eis zu stabilisieren: mit Billionen Tonnen zusätzlichen Schnees, erzeugt aus Meerwasser, könnten die instabilen Gletscher beschneit werden. Das würde beispiellose Ingenieurslösungen erfordern und eine der letzten unberührten Regionen der Erde erheblichen Umweltrisiken aussetzen – um den langfristigen Anstieg des Meeresspiegels in einigen der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt entlang der Küsten von den Vereinigten Staaten über China bis an die Nordseeküste zu verhindern.
 

Kippelement

„Im Kern geht es um die Abwägung, ob wir als Menschheit die Antarktis opfern wollen, um die heute bewohnten Küstenregionen und das dort entstandene und entstehende Kulturerbe zu retten. Hier geht es um globale Metropolen, von New York über Shanghai bis nach Hamburg, die langfristig unterhalb des Meeresspiegels liegen werden, wenn wir nichts tun“, sagt Anders Levermann, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Columbia University in New York und einer der Autoren der Studie. „Der Westantarktische Eisschild ist das erste Kippelement in unserem Klimasystem, das wir gerade kippen sehen. Der Eisverlust beschleunigt sich und hört wahrscheinlich erst auf, wenn das Eisschild der Westantarktis praktisch schon verschwunden ist.“


Bitterer Ernst

Es ist kein Witz, sondern bitterer Ernst. Es gibt Hinweise, dass der Eisschild der Westantarktis durch die aktuelle Erwärmung bereits instabil geworden ist und in den kommenden Jahrhunderten unweigerlich ins Meer abrutschen wird. Dort gibt es zwar viel weniger Eis als in der riesigen Ostantarktis, die momentan noch stabil zu sein scheint. Doch auch die westantarktischen Gletscher würden den Meeresspiegel um mindestens drei Meter ansteigen lassen, sollten sie komplett abfließen. Je nachdem, wie viel Anstieg noch aus anderen Quellen dazukommt, könnte das Megastädte wie New York, Shanghai, Tokio oder Kalkutta existenziell bedrohen.

In einer Simulation haben die Potsdamer Forscher nun ermittelt, dass sich der Prozess womöglich aufhalten lässt – wenn Schnee auf die Eisdecke fällt. Sehr viel Schnee. Rund 185 bis 735 Milliarden Tonnen müssten jedes Jahr auf das Eis rieseln, mindestens zehn Jahre lang. Sie würden die Eisdecke so sehr verstärken, dass dadurch der Teufelskreis von Ausdünnung, Rückzug und weiterer Ausdünnung gestoppt werden könnte. Weil solche Schneemassen nicht von alleine fallen, müsste man sie künstlich aus Meerwasser erzeugen – es wären solche Mengen, dass durch diese Entnahme der Meeresspiegel schon um rund 0,5 bis zwei Millimeter pro Jahr fallen würde. Momentan steigt der Meeresspiegel durch Schmelzwasser und Wärmeausdehnung um zwei bis drei Millimeter im Jahr, dabei wird es allerdings nicht bleiben.

Das Konzept künstlicher Beschneiung zum Eisschutz wurde schon öfter aufgebracht, unter anderem vom niederländischen Geowissenschaftler Johannes Oerlemans von der Universität Utrecht, der auch Gletscher in der Schweiz mit Kunstschnee schützen will. In der Antarktis müsste es jedoch gleich in enormer Größenordnung umgesetzt werden, um Erfolg zu haben.


12000 Windräder zum pumpen

Zumal man auch die Energie erzeugen müsste, um die Wassermassen hochzupumpen und die Schneekanonen zu betreiben. Allein für die Pumpen wären laut den Forschern mindestens eine Dauerleistung von 145 Gigawatt nötig – etwa so viel, wie 145 Kohlekraftwerksblöcke liefern. Weil der Vergleich in diesem Zusammenhang etwas unpassend ist, sprechen die Forscher stattdessen von rund 12 000 Windrädern, einem riesigen Offshore-Windpark also, der in der Amundsen-See vor der Küste der Antarktis installiert werden müsste.

Die Wissenschaftler räumen ein, dass der Plan enorme technische Schwierigkeiten birgt und das empfindliche Ökosystem am Südpol mutmaßlich schwer belasten würde. „Im Kern geht es um die Abwägung, ob wir als Menschheit die Antarktis opfern wollen, um die heute bewohnten Küstenregionen und das dort entstandene und entstehende Kulturerbe zu retten“, sagt Anders Levermann.  „Hier geht es um globale Metropolen, von New York über Shanghai bis nach Hamburg, die langfristig unterhalb des Meeresspiegels liegen werden, wenn wir nichts tun.“ Das ganze Unterfangen sei zwar offensichtlich absurd, räumt Levermann ein. Aber um ein nie dagewesenes Risiko zu vermeiden, müsse die Menschheit vielleicht auch nie dagewesene Anstrengungen unternehmen.

Allerdings ist längst nicht gesichert, dass der Beschneiungsplan diese Städte tatsächlich retten würde. Denn, auch das stellen die Autoren klar: Wenn das Paris-Abkommen, mit dem die Erderwärmung begrenzt werden soll, nicht eingehalten wird und die globalen Emissionen weiter steigen oder zu langsam fallen, dann bringt auch all der Schnee nichts. Die Wissenschaftler um Levermann wissen genau, dass ihr Vorhaben niemals umgesetzt werden kann. Aber die Studie rüttelt Gesellschaft wie Politik wach, macht klar, welche Anstrengungen nötig sind. Ein Erfolg der Studie.

Bed Topography. Foto: Levermann et al / Potsdam Institut für Klimaforschung

Die große Eisschmelze

Nie war es in einem Juni heißer als in diesem Jahr – zumindest nicht seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Die Durchschnittstemperatur über Land- und Ozeanflächen habe in dem Monat um 0,95 Grad Celsius über dem Durchschnittswert des 20. Jahrhunderts von 15,5 Grad gelegen, teilt die Amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA mit.

Besonders warm war es den Angaben zufolge im Norden Russlands, im Nordosten Kanadas und in südlichen Teilen Südamerikas. Aber auch Zentral- und Osteuropa erlebten im Juni eine Hitzewelle. Mehrere EU-Staaten meldeten damals bereits Temperaturrekorde. Besonders heiß war es in Frankreich: Dort kletterte die Allzeit-Höchstmarke von 44,1 auf 45,9 Grad. Die global hohen Temperaturen im Juni haben sich auch auf das Eis in Arktis und Antarktis ausgewirkt:

Durchschnittlich war die Meereisdecke in der Antarktis im Juni rund 8,5 Prozent kleiner als im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010, so die NOAA. Ein neuer Negativrekord für den Monat. In der Arktis war das Eis um 10,5 Prozent geringer ausgebreitet als im langjährigen Durchschnitt. Dabei handelt es sich um den zweitkleinsten je gemessenen Wert für den Juni.

Auch im Juli waren die Temperaturen in der Arktis deutlich erhöht. Mitte Juli 2019 gelangte der Ort Alert in Kanada in die Schlagzeilen. Dabei handelt es sich um die am nördlichsten gelegene dauerhaft bewohnte Siedlung der Welt. Im Sommer liegen die Temperaturen dort üblicherweise knapp über dem Gefrierpunkt, im Schnitt bei 6 Grad. Am vergangenen Sonntag wurden 21 Grad gemessen – so warm war es in Alert noch nie.

Bereits die vorangegangen vier Jahre waren nach Angaben der Weltwetterorganisation (WMO) die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. 2018 lag die Temperatur für das gesamte Jahr ein Grad über dem Mittel der vorindustriellen Zeit. Es war damit das viertwärmste Jahr seit Beginn der Messungen. Die Jahre 2015 und 2017 lagen 1,1 Grad über dem vorindustriellen Schnitt. Den Rekord hält das Jahr 2016 mit einem Plus von 1,2 Grad.

Die Studie

Johannes Feldmann, Anders Levermann, Matthias Mengel (2019):

Stabilizing the West Antarctic Ice Sheet by surface mass deposition.

Science Advances [DOI: 10.1126/sciadv.aaw4132]

 

Wer ist PIK

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist eines der weltweit führenden Institute in der Forschung zu globalem Wandel, Klimawirkung und nachhaltiger Entwicklung. Natur- und Sozialwissenschaftler erarbeiten hier interdisziplinäre Einsichten, welche Grundlagen für Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft schaffen sollen. Das PIK ist Mitglied der Leibnitz-Gemeinschaft.